VonAnika Zuschkeschließen
Der Ukraine-Krieg erreicht eine neue Phase, der Winter rückt unaufhaltsam näher. Doch für die Ukraine könnte das von Vorteil sein. Was Experten prognostizieren.
Kiew – Der Winter naht und der Ukraine-Krieg tobt weiter. Derzeit wird das Kriegsgeschehen mit erfolgreichen Gegenoffensiven primär von der Ukraine gesteuert. Russlands Präsident Wladimir Putin scheint in den meisten Fällen vielmehr zu reagieren, Kiew agiert.
Doch wie sind die Länder auf die Extrembedingungen des Winters vorbereitet und inwiefern könnte sich die Ukraine das ungemütliche Wetter zunutze machen?
Ukraine-Krieg aktuell: Wie gehen Russland und die Ukraine in den Winter?
Die Tage werden kürzer und die Temperaturen fallen – der Winter kommt folglich mit großen Schritten näher. Was bedeutet das für den Krieg zwischen der Ukraine und Russland? In den vergangenen Wochen schien die Ukraine mit einigen überraschenden Gegenoffensiven das Blatt im Krieg zu wenden, doch erst vor wenigen Tagen holte Putin schließlich zum Vergeltungsschlag aus. Zum ersten Mal seit Monaten ist Kiew wieder mit Raketen angegriffen worden, genauso wie mehrere andere ukrainische Städte.
Die Intensität des Kriegs scheint also derzeit nicht nachzulassen – doch kann sich dieses Verhalten durch den ganzen Winter ziehen? „Wir haben alle erwartet, dass es eher eine Abkühlung gibt im Winter. Aber in dem Moment, wo beide Seiten so stark nachlegen, ist das momentan nicht zu erkennen. Weil man auch im Winter Krieg führen kann“, äußerte sich der Militärexperte vom Stern, Gernot Kramper, bereits Ende September. Im Moment sei ihm zufolge nicht zu erkennen, „dass eine der beiden Seiten denkt, er macht mal ein halbes Jahr lang eine Pause – insbesondere die Ukrainer nicht“, so Kramper.
Wetter spielt im Ukraine-Krieg wichtige Rolle – Winter wirkt sich auf Gelände und Soldaten aus
Auch der Sicherheitsanalyst Niklas Masuhr vom Center for Security Studies an der ETH Zürich geht davon aus, dass sich die aktuelle Dynamik zwischen Russland und der Ukraine „wohl kaum ändern“ werde. Doch spiele das Wetter ihm zufolge bei großen Operationen grundsätzlich immer eine Rolle. „Die angreifende Seite braucht feste Böden, damit man nicht nur auf die Straßen beschränkt ist“, führt Masuhr im Gespräch mit dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) aus.
Die tiefen Temperaturen im Winter wirkten sich zudem auf die Truppen aus, was große Angriffe in den kommenden Wochen und Monaten ihm zufolge eher unwahrscheinlich mache. „Große Operationen werden auf jeden Fall sehr viel weniger effizient“, erklärt der Sicherheitsanalyst.
Kriegsführung wird im Winter größere Herausforderung – wie geht es im Ukraine-Krieg weiter?
Fakt ist, dass das Gelände aufgrund von Schnee und Eis im Winter unwegsamer und die Kälte sowie Nässe den Soldaten auf beiden Seiten zusetzen wird. Die Kriegsführung wird für beide Parteien also eine größere Herausforderung. Trotzdem könnte es für Putins Soldaten – die jetzt schon gegen das Ende kämpfen – in den kalten Wintermonaten schwieriger werden als für die Streitkräfte der Ukraine.
Das liegt schlicht an der Ausrüstung der Russen. Laut der Nato fehlt es ihnen an Zelten, Schlafsäcken und warmer Kleidung. Der Analyst der unabhängigen russischen Recherchegruppe Conflict Intelligence Team (CIT), Kyrylo Mykhailow, hat die gleiche Vermutung. In einem Interview mit The New Voice of Ukraine erzählt er, dass abgehörte Telefongespräche von russischen Soldaten auf einen akuten Mangel an geeigneter Winterausrüstung hindeuten.
„Ich glaube nicht, dass die russische Armee in der Lage ist, dieses Problem schnell genug zu lösen“, fährt Mykhailov fort und geht demnach davon aus, dass die ukrainische Armee dann die Oberhand über die russischen Streitkräfte haben werde.
Ausrüstung von Russland im Ukraine-Krieg ist alt und unbrauchbar
Nach Angaben westlicher Militärexperten verfüge die Armee zwar über erhebliche Bestände, diese seien aber alt und zum Teil unbrauchbar. „Die werfen nichts weg“, sagte ein Ex-General laut des Handelsblatts. Die ukrainische Armee erhalte hingegen Ausrüstungen für den Winter von internationalen Partnern und auch von ukrainischen Zivilisten „und habe damit einen gewissen Vorteil“ gegenüber den russischen Streitkräften, so Analyst Mykhailov.
Tatsächlich stellt auch Deutschland ein Winterpaket für die Ukraine bereit, das laut dem Handelsblatt unter anderem Winterbekleidung, Feldlagermaterial, Verpflegungsrationen, Stromerzeugungsaggregate sowie 130 Feldheizgeräte von der Industrie beinhaltet. Estland will die Streitkräfte ebenfalls mit Munition, Ausrüstungen und Winterkleidung beliefern.
Ukrainer haben im Krieg den Heimvorteil: Sie kennen Gelände und Wetterverhältnisse
Darüber hinaus hat die ukrainische Armee den Heimvorteil – sie kennen das Kriegsgelände deutlich besser als die Russen, was bei Schnee und Eis einen enormen Nutzen hat. Außerdem bringen die Wetterverhältnisse im ukrainische Winter Vorteile mit sich: „Die Wolkendecke hängt oft tief, sodass die russische Luftwaffe tiefer fliegen muss und die Ukraine leichter Flugzeuge abschießen kann“, erklärte Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Alles in allem trauen die Nato-Partner den Ukrainern deswegen laut dem Handelsblatt zu, im Winter an einzelnen Frontabschnitten weiter vorzustoßen – auch wenn die Intensität des Kriegs aller Voraussicht nach abnehmen wird.
