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Der folgenschwere Bruch des Kachowka-Staudamms erhöht die Gefahr durch Landminen, verschmutzt das Land mit toxischem Schlamm und sorgt für Trinkwassermangel.
Cherson – Wie genau es am Dienstagmorgen zur Zerstörung des Kachowka-Staudamms kam, ist noch nicht abschließend geklärt. Fest steht aber, dass verheerende Folgen auf die Ukraine zukommen. Die Katastrophe sorgte für viele Tote, Verletzte und Vertriebene. Darüber hinaus transportieren die Wassermassen hochgiftigen Schlamm, machen Landminen noch gefährlicher und sorgen für Trinkwassermangel. Sollte Moskau mutwillig eine Explosion herbeigeführt haben, könnte der Kreml die Folgen für Russland dramatisch unterschätzt haben.
Hochgiftiger Schlamm gelangt in Siedlungen und Naturschutzgebiete: „Massenvernichtungs-Umweltbombe“
Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Zerstörung des Staudamms verantwortlich. Experten rechnen vor, dass Russland mehr zu gewinnen hatte als die Ukraine. Beweise für eine russische Sprengung liegen indes noch nicht vor. Erste US-Geheimdiensterkenntnisse sollen Medienberichten zufolge darauf hindeuten, dass Moskau entweder mutmaßlich oder fahrlässig hinter der Zerstörung steckt. Zwar sei noch unklar, wie es zu der Katastrophe gekommen sei, kommentierte UN-Generalsekretär António Guterres den Vorfall am Dienstag, „aber eines ist klar: Dies ist eine weitere verheerende Folge der russischen Invasion in der Ukraine“, so der UN-Chef. Nach dem Bruch des Staudamms am Dienstagmorgen überschwemmten die Wassermassen Naturschutzgebiete, landwirtschaftliche Nutzflächen und Ortschaften.
Nicht nur die schiere Kraft des Wassers sorgte für Tod und Zerstörung, die Fluten rissen auch toxischen Schlamm mit sich. „Ein Großteil der Insektizide und Schwermetalle aus der weiter flussaufwärts gelegenen Industrie sinken hinter dem Damm auf den Grund des Stausees“, erklärte der Leiter der ukrainischen NGO Green Leaf, Wladislaw Balynsky dem US-Magazin Newsweek. Der Schlamm sei daher hochgiftig. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete die Staudamm-Katastrophe als eine „Massenvernichtungs-Umweltbombe“. Nach nicht unabhängig verifizierbaren Angaben der ukrainischen Führung gelangten mindestens 150 Tonnen Maschinenöl in den Fluss Dnipro. Durch die Verwüstung drohen der Ukraine auch mehrere Milliarden Tonnen schwere Ernteausfälle.
Nach Bruch des Kachowka-Staudamms: Landminen lassen sich nicht mehr orten
Der Bruch des Kachowka-Staudamms wäre bereits in Friedenszeiten eine Katastrophe, im Ukraine-Krieg sind die Folgen allerdings noch weitreichender. Denn auch verminte Gebiete wurden überschwemmt, wodurch Landminen nicht mehr genau lokalisierbar sind. „Wir wussten, wo die Gefahren waren“, sagte Erik Tollefsen, Leiter der Abteilung für Waffen-Belastung beim Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) am Mittwoch. „Nun wissen wir es nicht mehr. Alles, was wir wissen, ist, dass sie irgendwo flussabwärts sind.“ Dies sei sehr beunruhigend sowohl für die betroffene Bevölkerung als auch „für all diejenigen, die kommen, um zu helfen“. Die Minen könnten ein jahrzehntelanges Problem für die Zivilbevölkerung der Südukraine werden, so Tollefsen weiter.
Auch Konsequenzen für Russland: Wie der Staudamm-Bruch russische Stellungen und Wasserversorgung gefährdet
Infolge des Dammbruchs sind Hunderttausende Menschen laut Behörden in einem größeren Einzugsgebiet ohne normalen Zugang zu Trinkwasser. Die südlich gelegenen Orte sowie die von Russland völkerrechtswidrig annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim bezogen Wasser aus dem Kachowka-Stausee. Nun könnte diesen Regionen ein Wassermangel drohen. Der vom Kreml eingesetzte Regierungschef der Krim, Sergej Aksjonow, teilte am Mittwoch auf Telegram mit, dass die Wasserspeicher der Krim zu 80 Prozent gefüllt seien und es ausreichend Trinkwasser für die Region gebe. Mit Blick auf den nördlichen Krim-Kanal, der die Halbinsel mit Wasser versorgt, räumte Aksjonow aber ein, dass „die Gefahr bestehe, dass der Wasserstand im Kanal zu flach werde.“
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Die Überschwemmungen hätten auch die militärischen Vorbereitungen auf der von Russland besetzten Seite des Dnipro unverhältnismäßig stark beeinträchtigt, sagte der Experte der US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW), George Barros, zu Newsweek. „Das linke Ufer ist niedriger, das Gefälle ist geringer, und so fließt das Wasser hauptsächlich in Richtung der russischen Stellungen auf dieser Seite des Flusses.“ Die vorderen russischen Linien mit Schützengräben und Unterständen seien vollständig vom Wasser verschluckt worden. Streitkräfte und militärische Ausrüstung sei zwischen fünf und 15 Kilometer zurückverlegt worden, wodurch sich die russischen Truppen nun außerhalb der Artilleriereichweite einiger vorheriger Angriffsziele befänden, hieß es in einem ISW-Bericht vom Mittwoch.
Russland könnte Folgen des Dammbruchs nicht ausreichend bedacht haben
Die südliche Frontlinie des Krieges verläuft entlang des Flusses Dnipro. Prorussische Militärblogger hatten in der Vergangenheit eine Flussüberquerung ukrainischer Truppen zum Ostufer des Dnipro vermutet, berichtete das ISW am Mittwoch. Ein Ausbremsen der ukrainischen Gegenoffensive gilt daher als ein mögliches Motiv Russlands für eine Zerstörung des Staudamms. Es würden Berichte geprüft, wonach die Explosion von Russland verursacht worden sei, bestätigte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats der USA, John Kirby, am Dienstag. Die russischen Streitkräfte hätten vor der Zerstörung des Damms die Folgen nicht bedacht und sich zu sehr über eine ukrainische Gegenoffensive gesorgt, vermutete Nataliya Humenyuk, eine Sprecherin des ukrainischen Einsatzkommandos Süd. (Bettina Menzel)
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