VonAndreas Apetzschließen
Der Ukraine-Krieg führt der Nato ihre Mängel und Einschränkungen vor Augen. Eine Neustrukturierung ist in Planung.
Brüssel – Seit Beginn des Ukraine-Kriegs steht auch die Nato immer wieder in der Kritik. Nicht nur aus Russland gibt es Anschuldigungen. Das Bündnis selbst hinterfragt jedenfalls seine militärischen Fähigkeiten. Der russische Angriffskrieg hat die Frage auf den Tisch gebracht, wie gut die atlantische Allianz im Ernstfall wirklich aufgestellt ist. Dabei geht es nicht nur um personelle oder materielle Mängel, sondern auch Defizite im Verteidigungskonzept. Experten fordern schon länger ein Umdenken der Nato-Führung.
Nato-Verteidigungsstrategie im Ukraine-Krieg in der Kritik: „Glaubwürdige Abschreckung“?
In puncto Verteidigung stützt sich das Nordatlantische Bündnis auf zwei zentrale Säulen: Seine Bündnissolidarität und die damit verbundene „glaubwürdige Abschreckung“, so schreibt es das Bundesverteidigungsministerium. Im Klartext bedeutet das: Wer einen Bündnispartner angreift, bekommt es gemäß Artikel 5 mit der gesamten Nato zu tun.
Bemängelt wird an dieser Strategie, dass sie erst greift, wenn schon Schaden angerichtet ist. Im Falle der Nato-Ostgrenze wird davon ausgegangen, dass im potenziellen Angriffsfall durch russische Streitkräfte, die dort stationierten Bündnistruppen zunächst überrannt werden würden. Natürlich würden die Bündnispartner dann zur Hilfe kommen, um Land zurückzuerobern. Angesichts der russischen Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten der Ukraine wollen osteuropäische Staaten aber nicht mehr riskieren, dass ein Teil ihrer Bürger im Falle eines Angriffs unter russischer Besatzung leben muss, wie Clemens Wergin, Auslandskorrespondent der Welt, schreibt.
Im Osten Europas plädiere man deshalb für eine neue Verteidigungsstrategie - es gelte, präventiv die Einnahme von Nato-Gebieten zu verhindern. „Es wird keine Debatte mehr darüber geführt, wie viel zu viel sein könnte, nun geht es darum, was genug ist“, sagte Camille Grand, der bis vor kurzem die Nato-Abteilung für Verteidigungsinvestitionen leitete, der New York Times. Es gehe jetzt nicht mehr nur ums Abschrecken, sondern darum, „jeden Zentimeter Nato-Territorium von Anfang an“ zu verteidigen. „Es wird nicht mehr akzeptiert, dass man für einige Monate unter russischer Kontrolle sein könnte, bis die Kavallerie ankommt.“
Russlands Lehren bereiten Sorge: Nato-Bündnis mit Defiziten in der Luftwaffe und Flugabwehr
Aber auch weitere Lehren sind aus den Beobachtungen im Ukraine-Krieg zu ziehen. Dazu gehört, dass eine militärische Überlegenheit alleine keinen Krieg gewinnt. Eine hochwertige Ausbildung und verantwortungsvolle Führung der Armee sind ebenso wichtig wie Gewehr und Munition. Im Verlaufe des Kriegs zeigte sich, dass die russischen Streitkräfte mit fehlender Moral zu kämpfen haben, während die Ukraine als geschlossene Einheit agiert.
Außerdem spielen sich viele Angriffe nicht mehr auf dem Land ab, sondern werden aus der Ferne mit Langstreckenraketen oder Drohnen ausgetragen – ein Bereich, in dem das atlantische Bündnis nicht gut aufgestellt ist. Bereits im Oktober 2022 schlossen sich Deutschland und 14 weitere Staaten zum Aufbau des „European Sky Shields“ zusammen, einem Projekt für den Ausbau der europäischen Flugabwehr. Einem direkten Vergleich mit der russischen Luftwaffe wird die Nato jedoch wohl auf Jahre hinaus nicht standhalten können.
Im Ukraine-Krieg siegt Masse über Klasse
Einen weiteren entscheidenden Punkt stellt die Verbreiterung des militärischen Arsenals dar. Raphael Cohen und Gian Gentile von der Rand Corporation, einer militärischen Denkfabrik zu Beratung der US-Armee, sehen einen Fehler darin, in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf teure Waffen zu setzten. Der Ukraine-Krieg habe gezeigt, dass „billig und üppig“ tatsächlich dem Prinzip „exquisit und teuer“ überlegen sein können. Gegenwärtig sehe so aus, als ob Masse den Ausgang des Krieges eher entscheiden könnte als spezifische Waffensysteme, schreiben die beiden Forscher im US-Magazin Foreign Policy.
Das zeigt sich beispielsweise im Bereich der Kriegsdrohnen. Im Ukraine-Krieg kommt ein breites Spektrum an unbemannten Flugzeugen zum Einsatz. Dabei richten die billigen iranischen Kamikaze-Drohnen häufig erheblichen Schaden an oder müssen von um ein Vielfaches teureren Raketen abgefangen werden. Das wirft die Frage auf, ob sich der militärische Einsatz von Hightech-Drohnen überhaupt lohnt, wenn günstige Alternativen ähnliche Wirkungen erreichen.
Nato hat mit Aufrüstung bereits begonnen
Die Nato hat bereits mit einer Umstrukturierung begonnen: Mithilfe eines neuen Budgets soll bis 2030 mehr Geld in die Ausrüstung der Ostflanke investiert werden. Auch die Eingreiftruppen sollen aufgestockt werden. Mehr als 300.000 Soldaten sollen für den Krisenfall in Bereitschaft gehalten werden – 15.000 Soldaten davon aus der Bundeswehr. Zudem werden immer mehr Waffensystem in Grenznähe positioniert, um im Ernstfall schnell einsatzbereit zu sein. (aa/dpa)
