Ukraine-Krieg

Nach Staudamm-Explosion: Putins Propaganda schlachtet Vorfall für eigene Zwecke aus

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Im Ukraine-Krieg ereignet sich mit der Explosion am Kachowka-Staudamm eine Katastrophe. Russland vermutet Kiew selbst hinter der „vorsätzlichen Sabotage“.

Kiew – Bislang kann die Frage nach dem Schuldigen für die Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Süden der Ukraine nicht zweifelsfrei geklärt werden. Bei der Explosion, die sich am Dienstagmorgen (6. Juni) ereignete, ist das zugehörige Wasserkraftwerk nach ukrainischen Angaben „komplett zerstört“ worden. Auch Reparaturen seien nicht mehr im Bereich des Möglichen, wie der Leiter des Energiebetreibers mitteilte. Nach Angaben des ukrainischen Innenministers sind 24 Ortschaften von den Wassermassen überschwemmt worden.

Von ukrainischer Seite steht Russland als Verursacher der humanitären und ökologischen Katastrophe fest, die durch die Zerstörung des Kachowka-Staudamms ausgelöst wurde. Moskau habe offensichtlich das Ziel, der ukrainischen Gegenoffensive Steine in den Weg zu legen, kommentierte der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak das Geschehen auf Twitter. Er warf Russland vor, den Staudamm vorsätzlich „gesprengt“ zu haben.

Ukraine-Krieg: Russland sieht „Sabotage“ durch Kiew hinter Explosion am Staudamm

Auf russischer Seite hingegen wird jegliche Beteiligung an der Staudamm-Explosion verneint. Der Kreml sprach in seiner Erklärung davon, dass die Ukraine selbst die Zerstörung der Anlage herbeigeführt habe: „Hier handelt es sich eindeutig um eine vorsätzliche Sabotage der ukrainischen Seite, die im Auftrag Kiews, des Kiewer Regimes, geplant und durchgeführt wurde“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Tass.

Der Staudamm liegt auf aktuell russisch besetztem Gebiet im Süden der Ukraine. Wladimir Leontjew, der dementsprechend auch von Russland eingesetzte Bürgermeister des Ortes Nowa Kachowka, bezeichnete die Explosion russischen Medien gegenüber als „schweren Terroranschlag“ und eine „Katastrophe, die von den ukrainischen Behörden und denen, die sie regieren, verursacht wurde“.

Ukraine-Krieg ereignet sich mit der Explosion am Kachowka-Staudamm eine Katastrophe.

Russland beschuldigt Ukraine: Staudamm-Sprengung könnte Position Cherson schwächen

Ebenfalls machte der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu Kiew für die Zerstörung des auch militärstrategisch wichtigen Kachowka-Staudamms verantwortlich und ging noch einen Schritt weiter: Seiner Erklärung nach habe in den letzten Tagen bereits die erwartete Gegenoffensive des vom Ukraine-Krieg gebeutelten Landes begonnen. Diese sei allerdings bisher nicht erfolgreich gewesen. Nun beabsichtige Kiew, die russischen Positionen im Gebiet Cherson zu schwächen – offenbar auch mit Überschwemmungen.

„Drei Tage lang“ habe das ukrainische Regime seine angekündigte Gegenoffensive an verschiedenen Punkten entlang der Frontlinien durchgeführt, sagte Schoigu im russischen Fernsehen gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti. „Die Offensivversuche wurden vereitelt, der Feind wurde gestoppt“, kommentierte er weiter und attestierte den russischen Soldaten „Mut und Heldentum“, den sie in den Kämpfen gezeigt hätten. Kiew habe zudem „erhebliche und unvergleichliche Verluste“ erlitten.

Russland wähnt die Gegenoffensive der Ukraine „gestoppt“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am vergangenen Samstag erklärt, das Militär seines Landes sei für eine Gegenoffensive gegen die russischen Streitkräfte bereit. „Wir glauben fest daran, dass wir erfolgreich sein werden“, sagte er in einem Interview mit der US-Zeitung Wall Street Journal. Ein genaues Datum für den Beginn der Gegenoffensive hatte der ukrainische Staatschef jedoch nicht genannt.

„Alles spricht dafür, dass die Russen den Damm gesprengt haben“, sagte der Militärexperte Carlo Masala gegenüber dem Nachrichtenportal t-online. Die Anlagen des Kachowka-Staudamms werden seit dem vergangenen Jahr von russischen Streitkräften besetzt, das Gebiet ist nun überschwemmt. Laut Masala geht es Russland darum, eine bereits begonnene ukrainische Gegenoffensive zu verlangsamen.

Eine Flussüberquerung sei eine schwierige Operation für Streitkräfte, so der Professor der Bundeswehr-Universität München. Mit steigendem Wasser und der Überflutung beider Flussufer würden ukrainische Offensivoperationen an jener Stelle faktisch unmöglich. Trotzdem werde Russland eine Gegenoffensive nicht ganz aufhalten können.

Kachowka-Staudamm in der Ukraine gesprengt: Erste Fotos zeigen die schlimmen Folgen

Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.  © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt den beschädigten Kachowka-Staudamm in der Nähe von Cherson.
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt den beschädigten Kachowka-Staudamm in der Nähe von Cherson.  © dpa/Ukraine‘s Presidential Office
Dieses von Planet Labs PBC zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt einen Überblick über die Schäden am Kachowka-Damm im Süden der Ukraine.
Dieses von Planet Labs PBC zur Verfügung gestellte Satellitenbild zeigt einen Überblick über die Schäden am Kachowka-Damm im Süden der Ukraine.  © dpa/Planet Labs PBC
Weitere Satellitenbilder zeigen die Zerstörungen.
Weitere Satellitenbilder zeigen die Zerstörungen. © dpa/Maxar Technologies
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt.
Dieses vom ukrainischen Präsidialamt über AP veröffentlichte Videostandbild zeigt Wasser, das durch einen Durchbruch im Kachowka-Staudamm fließt.  © dpa/Ukrainian Presidential Office
Das Turbinengebäude des Wasserkraftwerks Kachowka stürzt in Nowaja Kachowka ein.
Das Turbinengebäude des Wasserkraftwerks Kachowka in Nowaja Kachowka stürzt laut russischen Meldungen ein. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka.
Eine Ansicht zeigt das von Überschwemmungen betroffene Zentrum von Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka. © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser.
Das Gemeindezentrum steht in der von Überschwemmungen heimgesuchten Stadt Nowaja Kachowka nach einem Dammbruch im Wasserkraftwerk Kachowka unter Wasser.  © IMAGO/Alexei Konovalov/Tass

Ukraine-Krieg: Staudamm-Sprengung aus ukrainischer Sicht „kontraproduktiv“ – doch Russland zieht Vorteile

Auch der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sieht Russland hinter der Sprengung. „Die Russen wollen die ukrainische Gegenoffensive durcheinanderbringen, die an einigen Stellen zu wirken beginnt“, sagte Mölling den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Wenn es die Ukrainer gewesen wären, würde das zudem die Unterstützung durch den Westen gefährden. Das wäre kontraproduktiv.“

Durch die Überflutung müssten nun weniger russische Soldaten auf der Ostseite des Dnipro-Flusses präsent sein. Dadurch könne Russland Kräfte an andere Frontabschnitte im Osten verteilen. Es sei aber unwahrscheinlich, dass ein Vorstoß über den Dnipro im Zentrum von Kiews Gegenoffensive stehe. (na/dpa/afp)

Rubriklistenbild: © Ilya Pitalev/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa

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