Nach den Ukraine-Verhandlungen

Aussage von Russen-Unterhändler löst Streit unter Putin-Vertrauten aus: Tobt ein interner Machtkampf im Kreml?

  • schließen

Im Ukraine-Krieg gibt es plötzlich einen internen Streit in Russland. Das enge Umfeld von Wladimir Putin ist mit einem Teilrückzug offenbar nicht einverstanden.

München - Der Ukraine-Konflikt läuft mit aller Härte weiter. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet. Besonders in Mariupol, Isjum und Tschernihiw kommt es zu schweren Zusammenstößen zwischen ukrainischen und russischen Truppen. Laut den USA will Russland Luftangriffe auf vier Gebiete konzentrieren. Dennoch gibt es Hoffnung für Gebiete um die Hauptstadt Kiew, nachdem Moskau dort einen Teilrückzug ankündigte. Inzwischen bestätigte das ukrainische Innenministerium den Rückzug, während westliche Länder weiter skeptisch über die wahren Absichten des russischen Machthabers Wladimir Putin sind.

Nichtsdestotrotz scheint die Ankündigung von Russland ein Grund für vorsichtigen Optimismus zu sein. Im Hintergrund der Ukraine-Krise könnte dies tatsächlich ein erster Hoffnungsschimmer sein. Das enge Umfeld von Putin wertet die Lage jedoch offenbar komplett anders. Direkt nach der Bekanntgabe der Rückzugsentscheidung durch die russische Verhandlungsdelegation folgte harte Kritik aus dem Kreml-Umfeld. Im Visier: Der russische Unterhändler Wladimir Medinski.

Aussagen des russischen Unterhändlers Wladimir Medinski zu einem russischen Rückzug aus Gebieten um Kiew sorgten bei Freunden des russischen Machthabers Wladimir Putin für Aufsehen.

Ukraine-Krieg: Überraschende Russland-Wende bei Verhandlungen - Rückzug von Putins Truppen um Kiew

Bei den Ukraine-Verhandlungen in der Türkei kam am Dienstag (29. März) plötzlich eine überraschende Wende von Russland. Der Leiter der russischen Delegation, Unterhändler Wladimir Medinski, gab an, man wolle Angriffe auf Kiew und Tschernihiw reduzieren und somit eine „militärische Deeskalation“ einleiten. Der russische Diplomat bezeichnete dies mehrmals als einen „großen Schritt“ von Moskau in Richtung „Deeskalation“.

Im Westen wurde diese Ankündigung weitgehend mit Vorsicht begrüßt, doch die Skepsis gegenüber Moskau bleibt bestehen. Die Meinungen um die russische Bekanntgabe gehen auseinander. Man sehe keinen wahren Rückzug aus den Gebieten rund um Kiew, betonte etwa das US-Verteidigungsministerium. Ein Berater des ukrainischen Innenministers dagegen unterstrich, russische Truppen würden sich tatsächlich zurückziehen - auch aus Tschernobyl. Teils unterschiedliche Einschätzungen westlicher Länder und der Ukraine zur Situation im Ukraine-Krieg sind nicht neu.

Ukraine-Krieg: Offenbar interner Streit in Moskau zu Verhandlungen - Kadyrow kritisiert Diplomat Medinski

Unerwartet an dieser Stelle ist jedoch ein plötzlicher interner Streit in Russland über die Verhandlungsergebnisse. Das enge Umfeld von Wladimir Putin beschwerte sich offen über die Reduzierung der Angriffe auf Kiew und schoss gegen Unterhändler Medinski. So auch der Tschetschenen-Anführer und Putin Freund Ramsan Kadyrow. In einem Video-Beitrag warf er Medinski „schwere Fehler“ vor, wie die Bild berichtete.

„Es wird von uns keine Eingeständnisse geben“, versicherte Kadyrow in seiner Botschaft. Medinski habe „die falsche Formulierung“ verwendet. Putin werde seine Absichten nicht so einfach aufgeben: „Wir haben unseren Kommandeur, den Präsidenten und Oberbefehlshaber. Wenn Ihr denkt, dass er einfach so das Begonnene aufgibt, so wie es uns heute erklärt wurde, dann wird das niemals eintreten.“ Er versprach zudem, man werde in Kiew einmarschieren. Seine Nachricht an tschetschenische Milizen: „Wir müssen beenden, was wir angefangen haben.“

Ukraine-Krieg: Putin-Propagandist mit scharfer Wutrede gegen Medinski - „verrückte Aussagen“

Die scharfe Kritik an Medinski erstreckte sich auch auf Kreml-nahe Medien. Der bekannte Putin-Propagandist Wladimir Solowjow wütete in einer Ansprache gegen Medinski. Er bezeichnete die Aussagen von Medinski als „verrückt“ und warf ihm „Demoralisierung des russischen Volkes und des Militärs“ vor. „Er sollte nicht auftreten wie ein Pressesprecher der ukrainischen Seite“, so der Propagandist.

Der Putin-Propagandist Wladimir Solowjow wütete gegen den russischen Unterhändler Wladimir Medinski.

Mit seinen Worten sabotiere Medinski die vom „Oberbefehlshaber“ Putin erteilten Aufgaben, die man „vollständig“ erfüllen müsse, sagte Solowjow. Nur Putin könne die Aufgaben ändern oder absagen, was allerdings nicht der Fall sei, unterstrich der Kreml-Propagandist in seiner Wutrede. „Von den Aufgaben, die er gestellt hat, hat er keinen Buchstaben verändert: Entnazifizierung, Demilitarisierung, neutraler Status und die Unabhängigkeit und Sicherheit der Republiken Donezk und Luhansk“, zitierte die Bild Solowjow.

Später forderte er in seinem Telegram-Kanal sogar die Ersetzung von Medinski durch „einen professionellen Vertreter des diplomatischen Korps“. So könne man „Versäumnisse“ vermeiden. Solowjow stellte die Qualifikation von Medinski in Frage: „Medinski ist kein Berufsdiplomat und beherrscht die Kunst der präzisen und eindeutigen Formulierung, die Gerüchte ausschließt, nicht.“

Ukraine-Krieg: Machtkampf im Kreml? - Putin-Umfeld im öffentlichen Konflikt um Verhandlungsergebnisse

Der öffentlich ausgetragene Konflikt und die Kritik an einer staatlichen russischen Stelle könnten auf eine Spaltung innerhalb des Kreml und dessen Umfeld deuten. Inmitten dieser verbalen Auseinandersetzung gehen westliche Geheimdienste davon aus, dass Wladimir Putin von seinen Beratern fehlgeleitet und hinsichtlich des Ukraine-Krieges falsch informiert wird.

Jetzt treten enge Vertraute von Putin plötzlich in den Vordergrund und üben offen Kritik an der russischen Verhandlungsdelegation. Läuft in Moskau etwa ein interner Machtkampf verschiedener Lager um gezielte Einflussnahme auf die Situation in der Ukraine? Versucht ein Lager Putin zu einer diplomatischen Lösung zu überzeugen, während das andere Lager Angriffe intensivieren will? (bb)

Rubriklistenbild: © Maxim Guchek/dpa

Kommentare