„Russen geraten in Panik“: Militär-Experte erklärt Ukraine-Strategie bei Gegenoffensive
VonBedrettin Bölükbasi
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Ukrainische Truppen wenden bei ihren erfolgreichen Gegenoffensiven offenbar eine neue Taktik an. Der Militärexperte Schdanov sieht Parallelen zum russischen Bürgerkrieg.
München/Kiew – Aktuell läuft der Ukraine-Krieg alles andere als gut für Russlands Machthaber Wladimir Putin. Seine Truppen stecken einen Rückschlag nach dem anderen ein. Anfang September wurde das russische Militär aus einem großen Gebiet rund um Charkiw vertrieben. Darauf folgte zuletzt der Verlust der strategisch wichtigen Stadt Lyman in Donezk. Nun konnten ukrainische Truppen auch in Cherson im Süden Fortschritte erzielen.
Ausschlaggebend für die ukrainischen Erfolge ist wohl eine neue Taktik. Im Gespräch mit dem Magazin Spiegel erklärte der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanov die neue Strategie des ukrainischen Militärs. Russische Truppen würden wegen intensiven Angriffen von allen Seiten in Panik geraten.
Ukraine-Krieg: Ukrainische Taktik nach Vorbild Machno? - „kleine hochmobile Angriffsgruppen“
Als Kiew erstmals von einer „ukrainischen Gegenoffensive“ sprach, kamen Zweifel auf, ob und wie nachhaltig solch ein Gegenangriff angesichts der schwierigen Lage sein würde. Inzwischen haben sich diese Zweifel mehr und mehr aufgelöst. Auch nach mehr als einem Monat dauert die Gegenoffensive an. Dies führte Schdanov auf die „Lernfähigkeit“ des ukrainischen Militärs, westliche Waffenlieferungen, aber auch auf eine neue Taktik zurück. Sie sei „der eines durchschnittlichen russischen Kommandeurs einfach überlegen“.
Bei seiner Erklärung der Taktik zog der Militärexperte dabei einen Vergleich zum russischen Bürgerkrieg. „Die ukrainischen Offensivaktionen erinnern an die Taktik von Nestor Machno“, so Schdanov. Bei Machno handelt es sich um den ukrainischen Anführer einer anarchistischen Volksbewegung, die zwischen 1917 und 1921 gegen die Mittelmächte und die Weiße Armee kämpfte. „Die ukrainischen Truppen operieren heute ähnlich wie die Machnos vor gut hundert Jahren“, betonte Schdanov gegenüber dem Spiegel.
So würden „kleine hochmobile Angriffsgruppen“ des ukrainischen Militärs durch schwache Abschnitte der russischen Verteidigung hindurchstoßen, sich allerdings nicht direkt in den Kampf einmischen. Stattdessen würden sie die Positionen von Putins Truppen umfahren und sie nicht nur frontal, sondern auch von der Seite und von hinten angreifen. Das Ergebnis laut Schdanov: „So entsteht Panik unter den russischen Soldaten, weil sie nicht verstehen, von wo sie angegriffen werden, nicht wissen, ob sie bereits umzingelt sind.“ Schließlich würden sie sich zurückziehen oder gar fliehen. Schon bei der Offensive in Charkiw habe das ukrainische Militär diese Taktik angewendet. Allerdings habe die russische Armee auch gelernt und nun ihre Verteidigung verstärkt.
Ukraine-Krieg: Mobile Angriffstruppen mit leichter Bewaffnung durchbrechen russische Verteidigung
Der ukrainische Militärexperte erläuterte zudem auch die Angriffstruppen genauer. Sie würden sich sowohl untereinander als auch mit Artillerieeinheiten sowie der Luftwaffe koordinieren. „Es geht um Beweglichkeit und Schnelligkeit“, unterstrich Schdanov explizit. Genau deshalb bevorzugen die kleinen Einheiten offenbar Fahrzeuge mit leichter Panzerung wie etwa Buschmaster-Trucks aus Australien sowie Humvees aus den USA. Ukrainische Kozak- und Varta-Geländewagen seien ebenfalls im Einsatz bei diesen Truppen, teilte Schdanov mit.
Auch wenn sie nur kleine, zugleich aber mobile Truppen sind: Schdanov zufolge reicht das bereits aus, um die russische Armee in einen panischen Zustand zu versetzen. „Stellen Sie sich das mal aus der Sicht der Verteidiger vor“, sagte er dem Spiegel und fügte hinzu: Die ukrainischen Truppen kommen von mehreren Seiten, mit kurzem, aber schwerem Beschuss, verschwinden jedoch zunächst wieder. Dann kommen sie von einer anderen Seite und abermals von einer anderen.“ In Kombination mit schwerer Artillerie führe dies zu Panik.
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung
Ukraine-Krieg: Militärexperte Schdanov sieht Bedarf für Panzer - „deutsche Panzer sind die besten“
Hätte die Ukraine diese erfolgreiche Taktik nicht schon viel früher im Krieg anwenden können? Schdanov lieferte eine Begründung dafür, warum die neue Strategie erst jetzt zum Vorschein kommt: „Weil wir im Sommer erst mal darauf gewartet haben, dass unsere Soldaten von Lehrgängen im Ausland zurückkehren.“ Darüber hinaus habe man erst jetzt die nötigen Waffen für diese Art der Kriegsführung bekommen und sowjetische Waffen durch westliche ersetzt.
Dennoch sieht Schdanov nach wie vor ein Defizit bei Panzern: „Leider fehlen uns immer noch moderne Panzer, obwohl wir die dringend benötigen, um noch effektiver angreifen zu können.“ Kiew fordert schon lange Panzer aus Deutschland. „Besonders gern hätten wir deutsche Panzer, das sind die besten“, so der Militärexperte. (bb)