VonBedrettin Bölükbasischließen
Inmitten des Ukraine-Krieges sind mehrere Oligarchen unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen. Handelt es sich etwa um Putins langen Arm?
München - Der Ukraine-Konflikt, der schon seit der illegalen Annektierung der Halbinsel Krim durch Russland im Jahre 2014 besteht, ging in ein neues Kapitel über, als der russische Machthaber Wladimir Putin am 24. Februar eine vom Kreml als solche bezeichnete „Spezialoperation“ in der Ukraine ankündigte. Seine Truppen marschierten in das Nachbarland ein. Auch nach mehr als 70 Tagen ist kein Ende des Ukraine-Krieges in Sicht. Diese Karte zeigt, wo der Ukraine-Krieg wütet.
Auf das Entsetzen der westlichen Welt folgten harte Sanktionen gegen Russland. Ziel ist es, die russische Wirtschaft und somit Putin unter Druck zu setzen. Die Sanktionen richteten sich dabei auch gegen Putin-nahe Oligarchen, die meistens ein Milliarden-Vermögen besitzen. Unter den Oligarchen kommt es aber nun im Hintergrund der Ukraine-Krise vermehrt zur Kritik an Putin - und zugleich mysteriösen Todesfällen. Zufall oder ist hier womöglich Putins langer Arm im Spiel?
Ukraine-Krieg: Protosenya, Awayev, Melnikow - mysteriöse Todesfälle unter russischen Oligarchen
In knapp drei Monaten sind ganze sieben Oligarchen unter rätselhaften Umständen gestorben. Am 19. April etwa als die spanische Polizei den russischen Multimillionär und ehemaligen stellvertretenden Vorsitz des russischen Gaskonzerns Novatek, Sergei Protosenya, auf Wohlbefinden kontrollieren wollte und hierfür in seiner Villa im nordöstlichen Costa Brava ankam, zeigte sich den Beamten ein fürchterlich blutiges Bild, wie die New York Post berichtete.
Demnach wurden Protosenyas 53-jährige Frau Natalia und seine 18-jährige Tochter Maria, die er „Prinzessin“ nannte, zu Tode erstochen. Der russische Oligarch selbst wurde erhängt im Garten aufgefunden. Direkt neben ihm: Eine blutüberströmte Axt und ein Messer. Auf dem Körper des Multimillionärs soll es keine Blutspuren gegeben haben, gab die New York Post an und berief sich dabei auf die katalanische Zeitung El Punt Avui. Ebenso wenig gab es einen Abschiedsbrief - also nichts, dass auf Selbstmord deutet. Ein weiteres Detail: Fingerabdrücke auf der Axt und dem Messer wurden laut Informationen der US-Zeitung The Hill abgewischt.
Nur einen Tag vor dem Tod von Protosenya wurde der ehemalige Kreml-Beamte und Vizepräsident der Gazprombank, Wladislaw Awayev, tot in seinem Apartment in Moskau aufgefunden. Er sei wegen einer Schusswunde gestorben und habe eine Waffe in seiner Hand gehabt, berichtete die russische Staatsagentur Tass. Ähnlich wie bei Protosenya wurden auch Awayevs Frau Yelena und seine 13- jährige Tochter Maria tot aufgefunden - ebenfalls mit Schüssen getötet.
Bei dem stellvertretenden Generaldirektor des Gazprom-Zentrums für Unternehmenssicherheit, Alexander Tyukalow, dem Leiter der Transportabteilung von Gazprom-Invest, Leonid Schulman, oder aber dem Vorsitzenden des Medizin-Konzerns Medstom, Wassili Melnikow, wurden verblüffend ähnliche und mysteriöse Umständen festgestellt. Handelt es sich bei diesen Fällen nun um häusliche Gewalt, erweiterte Suizide oder steckt doch etwas viel Tieferes dahinter?
Ukraine-Krieg: Putin soll Ermordung von mehreren Oligarchen genehmigt haben
In russischen Medien wurde zwar verbreitet, dass es sich um Selbstmorde handelt, allerdings vertreten Experten außerhalb Russlands klar eine andere Meinung. „Es läuft eine Säuberung“, lautete die Einschätzung des schwedischen Wirtschaftwissenschaftlers und Russland-Experten Anders Aslund gegenüber der New York Post. Dabei berief sich der Experte auf seine Quellen in Russland.
Aslund zufolge erstellten russische Geheimdienste zwei Listen mit den Namen von Führungskräften in der Energieindustrie des Landes, die nach russischer Ansicht Informationen zur Finanzierung von russischen Operationen im Ausland durchsickern lassen würden - auch zur Invasion der Ukraine. „Die Listen wurden Putin vom FSB vorgelegt und Putin genehmigte die Liquidierung von jedem auf diesen Listen, ohne auf sie zu schauen“ erklärte Aslund.
„Putin finanziert viele seiner Operationen durch Gazprom und Gazprombank, und die Führungskräfte, die dort arbeiten, wissen alles über die geheime Finanzierung“, so der Experte. Tatsächlich haben die meisten der Verstorbenen Verbindungen zum Öl- und Gassektor von Russland. Ein Sektor, den Aslund als „den korruptesten Sektor“ beschreibt. In all diesen Todesfällen spiele „großes Geld“ mit.
Ukraine-Krieg: Oligarch Tinkow stellt Leibwächter-Truppe gegen mögliches Putin-Attentat zusammen
Inzwischen sorgen sich weitere russische Oligarchen im Ausland nun um ihre Sicherheit, darunter auch Oleg Tinkow, Gründer eines der größten russischen Kreditinstitute, der Tinkoff Bank. Er scheute sich nicht davor, Kritik an Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine zu üben und bezeichnete ihn kurz nach dem Beginn als „Massaker“, wie der ntv berichtete. Auf Instagram schrieb er demnach, 90 Prozent der Russen seien gegen den Krieg. Die Misserfolge der Armee würden auf Korruption beruhen, hieß es vom Oligarchen.
Auf der von Aslund erwähnten Liste könnte nun auch er seinen Platz eingenommen haben. Daher will Tinkow sich schützen. Zu den Todesfällen wollte sich der russische Milliardär, der in Toskana und in der Schweiz lebt, nicht äußern. „Was ich aber weiß ist, dass es sehr wichtig ist, sich zu schützen“, zitierte ihn ntv aus seinem Interview mit der italienischen Zeitung Corriere della Sera. Er sei dabei, eine Gruppe Leibwächter zum Schutz seiner Familie zusammenzustellen. Angst um sich selbst habe er keine, aber er sei besorgt über seine Familie: „Das, was ich gesagt habe, musste gesagt werden. Angst habe ich um meine Familie.“
Tinkow bezeichnete die Informationen zu den Todesfällen zwar als Spekulationen, aber der Sohn von Protosenya, Fedor, scheint sich sicher zu sein, was Sache ist. Er ist überzeugt: Sein Vater könne seiner Mutter und seiner Schwester nicht das Leben genommen haben. „Er hat meine Mutter und besonders Maria, meine Schwester, geliebt. Er würde ihnen niemals Schaden zufügen“, sagte er der New York Post zufolge und fügte hinzu: „Ich weiß nicht, was in dieser Nacht passiert ist, aber ich weiß, dass mein Vater ihnen nicht wehgetan hat.“ (bb)
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