Ukraine

Wird Pokrowsk zum zweiten Bachmut? Russische Artillerie verwandelt Kleinstadt in ein Trümmerfeld

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Der Student Iwan sitzt neben einer Skulptur des ukrainischen Nationaldichters, Sprachforschers und Politikers Taras Schewtschenko vor der Uni von Pokrowsk.

Die Front im Ukraine-Krieg nähert sich Pokrowsk. Seit Monaten liegt die Stadt unter russischem Beschuss. Eine Reportage von Till Mayer.

Pokrowsk – Zwei Granaten. Ein Doppelschlag am helllichten Tag. Die eine pfeift am Straßenrand in den brüchigen Asphalt. Das Haus dahinter fängt Feuer. Am nächsten Tag wird es hier noch immer nach Brand riechen. Der zweite Einschlag ist in einem benachbarten Garten. Die Druckwelle der beiden Geschosse reicht aus, um die Fenster der umliegenden Häuser zerspringen zu lassen und deren Dächer abzudecken. Es sind bescheidene einstöckige Häuser hier im Viertel, gemauert aus Vollziegeln, oft weiß gestrichen. Verwitterte gewellte Platten auf dem Dach. Ein Zuhause seit Jahrzehnten zumeist für Arbeiterfamilien aus den nahen Kohleminen und örtlichen Fabriken.

Eine Frau steht mit versteinertem Gesicht vor ihrem Haus. „Wir hatten neue Fenster besorgt. Eine hübsche Stange Geld war das.“ Sie schüttelt wütend den Kopf. Jetzt hängen nur noch ein paar Glasreste in den Fensterhöhlen. Darüber ragt das Gerippe des hölzernen Dachstuhls in den heißen Sommerhimmel. „Wir waren gerade beim Einkauf, es war ja Nachmittag. Zum Glück. Die Druckwelle und herumfliegende Glassplitter hätten uns schwer verletzen können“, sagt sie.

Schräg gegenüber flicken städtische Arbeiter zerrissene Stromkabel, schweißen geborstene Gasleitungen zusammen. „Es sind nicht die ersten Granaten, die bei uns im Viertel einschlagen. Wir fragen uns alle, warum zielen die Russen auf uns? Hier gibt es keine Kaserne, keine Fabriken, nur kleine Wohnhäuser“, sagt die Nachbarin. „Was ich fürchte: Am Ende sieht unser Pokrowsk wie Bachmut aus. Verlassene Trümmer und Ruinen.“ Dennoch, sie will so lange bleiben, wie es geht. Vor allem, so lange ihr Mann seinen Job in einer Kohlemine hat. „Wir haben schlicht keine Verwandten, wo wir sonst hinkönnten“, sagt sie.

Wie die Zerstörung beendet werden könnte? Sie zuckt mit den Achseln. „Manchmal denke ich, wir sollten mit den Russen verhandeln ... Aber dann weiß ich“, sie zeigt auf ihr schwer beschädigtes Haus, „Putin dürfen wir nicht trauen. Aber ja, ich habe Angst um meine Stadt, um mein Zuhause. Es ist furchtbar.“ Sie schließt die Gartentür und macht sich mit ihrem Mann auf den Weg. 200 Meter weiter werden Spanholzplatten verteilt, um sie vor die Fenster zu nageln. Es wird dann dunkel werden in den Zimmern, heiß und stickig.

Wird Pokrowsk im Ukraine-Krieg zu einem zweiten Bachmut?

Pokrowsk, ein zweites Bachmut? Eine durch russischen Beschuss völlig zerstörte Stadt. Es droht, wirklich so zu enden. Ein Großteil der Bevölkerung von ehemals 65.000 ist deshalb geflohen. Pokrowsk ist still geworden. Viele Geschäfte sind geschlossen. Noch ist die Zerstörung überschaubar, aber ignorieren lässt sie sich auch nicht mehr. Hochhäuser tragen schwarze Raketennarben. Laut Stadtkommandantur gab seit Beginn der Invasion 88 Angriffe. Davon 35 allein dieses Jahr, mit zunehmender Intensität. Erst dieser Tage schlugen wieder zehn Raketen ein.

Die Zerstörung nimmt stetig zu. So wie in Bachmut, als die russischen Verbände im Sommer 2022 begannen, die Stadt sturmreif zu schießen. Im April 2023 brachten Putins Truppen dann ein totes Trümmerfeld unter ihre Kontrolle. Die Kämpfe haben mutmaßlich Zehntausende Soldaten das Leben gekostet und praktisch alle Stadtbewohner:innen zu Flüchtlingen gemacht.

Im Herzen von Pokrowsk steht die Universität. Ein prächtiges Gebäude mit säulenbewehrtem Eingang in der architektonisch sonst eher schlichten Stadt. Doch auch das Uni-Gebäude ist schwer beschädigt, das Dach eingestürzt. Im ersten Stock blicken leere Fenster auf die Straße, im Erdgeschoss sind sie mit Holzlatten verrammelt. Iwan wirkt ein wenig verloren, als er vor der Ruine steht. Der 23-Jährige studiert Landvermessung – jetzt nur noch online. Das Personal der Uni ist nach Luzk in der Westukraine ausgewichen. Iwan bleibt. Vor allem, weil er sich um Oma und Opa kümmern muss. „Wir haben Verwandte in anderen Gebieten der Ukraine. Ich hoffe, meine Großeltern verstehen, dass wir hier nicht mehr lange bleiben können“, sagt Iwan.

Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland

Menschen in Kiews feiern die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion
Alles begann mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989. Die Öffnung der Grenzen zunächst in Ungarn leitete das Ende der Sowjetunion ein. Der riesige Vielvölkerstaat zerfiel in seine Einzelteile. Am 25. August 1991 erreichte der Prozess die Ukraine. In Kiew feierten die Menschen das Ergebnis eines Referendums, in dem sich die Bevölkerung mit der klaren Mehrheit von 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Moskau ausgesprochen hatte. Im Dezember desselben Jahres erklärte sich die Ukraine zum unabhängigen Staat. Seitdem schwelt der Konflikt mit Russland. © Anatoly Sapronenkov/afp
Budapester Memorandum
Doch Anfang der 1990er Jahre sah es nicht danach aus, als ob sich die neuen Staaten Russland und Ukraine rund 30 Jahre später auf dem Schlachtfeld wiederfinden würden. Ganz im Gegenteil. Im Jahr 1994 unterzeichneten Russland, das Vereinigte Königreich und die USA in Ungarn das „Budapester Memorandum“ – eine Vereinbarung, in der sie den neu gegründeten Staaten Kasachstan, Belarus und der Ukraine Sicherheitsgarantien gaben.  © Aleksander V. Chernykh/Imago
Ukrainedemo, München
Als Gegenleistung traten die drei Staaten dem Atomwaffensperrvertrag bei und beseitigten alle Nuklearwaffen von ihrem Territorium. Es sah danach aus, als ob der Ostblock tatsächlich einen Übergang zu einer friedlichen Koexistenz vieler Staaten schaffen würde. Nach Beginn des Ukraine-Kriegs erinnern auch heute noch viele Menschen an das Budapester Memorandum von 1994. Ein Beispiel: Die Demonstration im Februar 2025 in München.  © Imago
Orangene Revolution in der Ukraine
Bereits 2004 wurde deutlich, dass der Wandel nicht ohne Konflikte vonstattengehen würde. In der Ukraine lösten Vorwürfe des Wahlbetrugs gegen den Russland-treuen Präsidenten Wiktor Janukowytsch Proteste  © Mladen Antonov/afp
Ukraine proteste
Die Menschen der Ukraine erreichten vorübergehend ihr Ziel. Der Wahlsieg Janukowytschs wurde von einem Gericht für ungültig erklärt, bei der Wiederholung der Stichwahl setzte sich Wiktor Juschtschenko durch und wurde neuer Präsident der Ukraine. Die Revolution blieb friedlich und die Abspaltung von Russland schien endgültig gelungen. © Joe Klamar/AFP
Wiktor Juschtschenko ,Präsident der Ukraine
Als der Moskau kritisch gegenüberstehende Wiktor Juschtschenko im Januar 2005 Präsident der Ukraine wurde, hatte er bereits einen Giftanschlag mit einer Dioxinvariante überlebt, die nur in wenigen Ländern produziert wird – darunter Russland. Juschtschenko überlebte dank einer Behandlung in einem Wiener Krankenhaus.  © Mladen Antonov/afp
Tymoschenko Putin
In den folgenden Jahren nach der Amtsübernahme hatte Juschtschenko vor allem mit Konflikten innerhalb des politischen Bündnisses zu kämpfen, das zuvor die demokratische Wahl in dem Land erzwungen hatte. Seine Partei „Unsere Ukraine“ zerstritt sich mit dem von Julija Tymoschenko geführten Parteienblock. Als Ministerpräsidentin der Ukraine hatte sie auch viel mit Wladimir Putin zu tun, so auch im April 2009 in Moskau. © Imago
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowitsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance.
Das Bündnis zerbrach und Wiktor Janukowytsch nutzte bei der Präsidentschaftswahl 2010 seine Chance. Er gewann die Wahl mit knappem Vorsprung vor Julija Tymoschenko. Amtsinhaber Wiktor Juschtschenko erhielt gerade mal fünf Prozent der abgegebenen Stimmen.  © Yaroslav Debely/afp
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, Ukraine, 2014
Präsident Wiktor Janukowytsch wollte die Ukraine wieder näher an Russland führen – auch aufgrund des wirtschaftlichen Drucks, den Russlands Präsident Wladimir Putin auf das Nachbarland ausüben ließ. Um die Ukraine wieder in den Einflussbereich Moskaus zu führen, setzte Janukowytsch im November 2013 das ein Jahr zuvor verhandelte Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union aus.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Maidan-Proteste Ukraine
Es folgten monatelange Massenproteste in vielen Teilen des Landes, deren Zentrum der Maidan-Platz in Kiew war. Organisiert wurden die Proteste von einem breiten Oppositionsbündnis, an dem neben Julija Tymoschenko auch die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters und späteren Bürgermeisters von Kiew, Vitali Klitschko, beteiligt waren. © Sandro Maddalena/AFP
Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine
Die Forderung der Menschen war eindeutig: Rücktritt der Regierung Janukowiysch und vorgezogene Neuwahlen um das Präsidentenamt. „Heute ist die ganze Ukraine gegen die Regierung aufgestanden, und wir werden bis zum Ende stehen“, so Vitali Klitschko damals. Die Protestbewegung errichtete mitten auf dem Maidan-Platz in Kiew ihr Lager. Janukowytsch schickte die Polizei, unterstützt von der gefürchteten Berkut-Spezialeinheit. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, die über mehrere Monate andauerten. © Sergey Dolzhenko/dpa
Der Platz Euromaidan in Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ist nach den Protesten verwüstet.
Die monatelangen Straßenkämpfe rund um den Maidan-Platz in Kiew forderten mehr als 100 Todesopfer. Etwa 300 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Berichte über den Einsatz von Scharfschützen machten die Runde, die sowohl auf die Protestierenden als auch auf die Polizei gefeuert haben sollen. Wer sie schickte, ist bis heute nicht geklärt. Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine von 2014 bis 2019, vertrat die These, Russland habe die Scharfschützen entsendet, um die Lage im Nachbarland weiter zu destabilisieren. Spricht man heute in der Ukraine über die Opfer des Maidan-Protests, nennt man sie ehrfürchtig „die Himmlischen Hundert“. © Sergey Dolzhenko/dpa
Demonstranten posieren in der Villa von Viktor Janukowitsch, ehemaliger Präsident der Ukraine
Nach rund drei Monaten erbittert geführter Kämpfe gelang dem Widerstand das kaum für möglich Gehaltene: Die Amtsenthebung Wiktor Janukowytschs. Der verhasste Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt die UKraine bereits verlassen und war nach Russland geflohen. Die Menschen nutzten die Gelegenheit, um in der prunkvollen Residenz des Präsidenten für Erinnerungsfotos zu posieren. Am 26. Februar 2014 einigte sich der „Maidan-Rat“ auf eigene Kandidaten für ein Regierungskabinett. Präsidentschaftswahlen wurden für den 25. Mai anberaumt. Die Ukraine habe es geschafft, eine Diktatur zu stürzen, beschrieb zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassene Julija Tymoschenko die historischen Ereignisse.  © Sergey Dolzhenko/dpa
Ein Mann stellt sich in Sewastopol, eine Stadt im Süden der Krim-Halbinsel, den Truppen Russlands entgegen.
Doch der mutmaßliche Frieden hielt nicht lange. Vor allem im Osten der Ukraine blieb der Jubel über die Absetzung Janukowytschs aus. Gouverneure und Regionalabgeordnete im Donbass stellten die Autorität des Nationalparlaments in Kiew infrage. Wladimir Putin nannte den Umsturz „gut vorbereitet aus dem Ausland“. Am 1. März schickte Russlands Präsident dann seine Truppen in den Nachbarstaat. Wie Putin behauptete, um die russischstämmige Bevölkerung wie die auf der Krim stationierten eigenen Truppen zu schützen. In Sewastopol, ganz im Süden der Halbinsel gelegen, stellte sich ein unbewaffneter Mann den russischen Truppen entgegen. Aufhalten konnte er sie nicht. © Viktor Drachev/afp
Bürgerkrieg in Donezk, eine Stadt im Donbas, dem Osten der Ukraine
Am 18. März 2014 annektierte Russland die Halbinsel Krim. Kurz darauf brach im Donbass der Bürgerkrieg aus. Mit Russland verbündete und von Moskau ausgerüstete Separatisten kämpften gegen die Armee und Nationalgarde Kiews. Schauplatz der Schlachten waren vor allem die Großstädte im Osten der Ukraine wie Donezk (im Bild), Mariupol und Luhansk. © Chernyshev Aleksey/apf
Prorussische Separatisten kämpfen im Donbas gegen Einheiten der Ukraine
Der Bürgerkrieg erfasste nach und nach immer mehr Gebiete im Osten der Ukraine. Keine der Parteien konnte einen nachhaltigen Sieg erringen. Prorussische Separatisten errichteten Schützengräben, zum Beispiel nahe der Stadt Slawjansk. Bis November 2015 fielen den Kämpfen laut Zahlen der Vereinten Nationen 9100 Menschen zum Opfer, mehr als 20.000 wurden verletzt. Von 2016 an kamen internationalen Schätzungen zufolge jährlich bis zu 600 weitere Todesopfer dazu. © Michael Bunel/Imago
Trümmer von Flug 17 Malaysian Airlines nach dem Abschuss nahe Donezk im Osten der Ukraine
Aufmerksam auf den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine wurde die internationale Staatengemeinschaft vor allem am 17. Juli 2014, als ein ziviles Passagierflugzeug über einem Dorf nahe Donezk abstürzte. Alle 298 Insassen kamen ums Leben. Die Maschine der Fluggesellschaft Malaysian Airlines war von einer Boden-Luft-Rakete getroffen worden. Abgefeuert hatte die Rakete laut internationalen Untersuchungen die 53. Flugabwehrbrigade der Russischen Föderation. In den Tagen zuvor waren bereits zwei Flugzeuge der ukrainischen Luftwaffe in der Region abgeschossen worden. © ITAR-TASS/Imago
Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident Francois Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk
Die Ukraine wollte den Osten des eigenen Landes ebenso wenig aufgeben wie Russland seine Ansprüche darauf. Im September 2014 kamen deshalb auf internationalen Druck Russlands Präsident Putin (l.), Frankreichs Präsident François Hollande, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Petro Poroschenko in Minsk zusammen. In der belarussischen Hauptstadt unterzeichneten sie das „Minsker Abkommen“, das einen sofortigen Waffenstillstand und eine schrittweise Demilitarisierung des Donbass vorsah. Die OSZE sollte die Umsetzung überwachen, zudem sollten humanitäre Korridore errichtet werden. Der Waffenstillstand hielt jedoch nicht lange und schon im Januar 2015 wurden aus zahlreichen Gebieten wieder Kämpfe gemeldet. © Mykola Lazarenko/afp
Wolodymyr Selenskyj feiert seinen Sieg bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine 2019
Während die Ukraine im Osten zu zerfallen drohte, ereignete sich in Kiew ein historischer Machtwechsel. Wolodymyr Selenskyj gewann 2019 die Präsidentschaftswahl und löste Petro Poroschenko an der Spitze des Staates ab.  © Genya Savilov/afp
Wolodymyr Selenskyj
Selenskyj hatte sich bis dahin als Schauspieler und Komiker einen Namen gemacht. In der Comedy-Serie „Diener des Volkes“ spielte Selenskyj von 2015 bis 2017 bereits einen Lehrer, der zunächst Youtube-Star und schließlich Präsident der Ukraine wird. Zwei Jahre später wurde die Geschichte real. Selenskyj wurde am 20. Mai 2019 ins Amt eingeführt. Kurz darauf löste der bis dato parteilose Präsident das Parlament auf und kündigte Neuwahlen an. Seine neu gegründete Partei, die er nach seiner Fernsehserie benannte, erzielte die absolute Mehrheit.  © Sergii Kharchenko/Imago
Russische Separatisten in der Ost-Ukraine
Selenskyj wollte nach seinem Wahlsieg die zahlreichen innenpolitischen Probleme der Ukraine angehen: vor allem die Bekämpfung der Korruption und die Entmachtung der Oligarchen. Doch den neuen, russland-kritischen Präsidenten der Ukraine holten die außenpolitischen Konflikte mit dem Nachbarn ein. © Alexander Ryumin/Imago
Ukraine Militär
Im Herbst 2021 begann Russland, seine Truppen in den von Separatisten kontrollierte Regionen in der Ost-Ukraine zu verstärken. Auch an der Grenze im Norden zog Putin immer mehr Militär zusammen. Selenskyj warnte im November 2021 vor einem Staatsstreich, den Moskau in der Ukraine plane. Auch die Nato schätzte die Lage an der Grenze als höchst kritisch ein. In der Ukraine wurden die Militärübungen forciert. © Sergei Supinsky/AFP
Putin
Noch drei Tage bis zum Krieg: Am 21. Februar 2022 unterzeichnet der russische Präsident Wladimir Putin verschiedene Dekrete zur Anerkennung der Unabhängigkeit der Volksrepubliken Donezk und Lugansk. © Alexey Nikolsky/AFP
Explosion in Kiew nach Beginn des Ukraine-Kriegs mit Russland
Am 24. Februar 2022 wurde der Ukraine-Konflikt endgültig zum Krieg. Russische Truppen überfielen das Land entlang der gesamten Grenze. Putins Plan sah eine kurze „militärische Spezialoperation“, wie die Invasion in Russland genannt wurde, vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollten mit einem Blitzkrieg in die Knie gezwungen werden. Moskau konzentrierte die Attacken auf Kiew. Innerhalb weniger Tage sollte die Hauptstadt eingenommen und die Regierung Selenskyjs gestürzt werden. Doch der Plan scheiterte und nach Wochen intensiver Kämpfe und hoher Verluste in den eigenen Reihen musste sich die russische Armee aus dem Norden des Landes zurückziehen. Putin konzentrierte die eigene Streitmacht nun auf den Osten der Ukraine. © Ukrainian President‘s Office/Imago
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, bei einer Fernsehansprache aus Kiew
Seit Februar 2022 tobt nun der Ukraine-Krieg. Gesicht des Widerstands gegen Russland wurde Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich zu Beginn des Konflikts weigerte, das Angebot der USA anzunehmen und das Land zu verlassen. „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit“, sagte Selenskyj. Die sollte er bekommen. Zahlreiche westliche Staaten lieferten Ausrüstung, Waffen und Kriegsgerät in die Ukraine. Hunderttausende Soldaten aus beiden Ländern sollen bereits gefallen sein, ebenso mehr als 10.000 Zivilpersonen. Ein Ende des Kriegs ist nach wie vor nicht in Sicht. © Ukraine Presidency/afp

Er befürchtet, dass die Russen vor Pokrowsk nicht nachlassen werden. „Es schmerzt mich, das zu erkennen“, fügt der Student hinzu. Von einem „Einfrieren“ des Kriegs hält er wenig. „Die Zeit nutzt Putin nur, um seine Truppen ungestört aufzurüsten. Dann geht es weiter Richtung Westen“, da ist er sich sicher.

Unter russischer Besatzung will er auf keinen Fall leben. „Ich habe Verwandte in den besetzten Gebieten im Süden der Ukraine. Von ihnen habe ich direkt erfahren, was dort Furchtbares geschieht.“ Amnesty International und Human Rights Watch berichten ebenso wie Geflüchtete von Folter, politischer Verfolgung, willkürlichen Verhaftungen, Tötungen und Entrechtung unter russischer Herrschaft. Menschen verschwinden zu Tausenden. Pro-ukrainische Statements im Internet können schon einen Platz in einer Gefängniszelle sichern.

Amnesty berichtet: „Die Besatzungsbehörden zwangen Bewohner:innen der besetzten Gebiete, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, andernfalls würden sie den Zugang zu Gesundheitsversorgung, humanitärer und sozialer Unterstützung, Bildung und Beschäftigung sowie ihr Recht auf Freizügigkeit verlieren.“ Iwan warnt: „Wer nicht auf Putin-Linie liegt, ist dort nicht sicher. Das sollte niemand vergessen, der den Krieg ,einfrieren‘ will.“ Der Versuch, den Krieg nach 2014 einzufrieren, habe schon nicht geklappt.

Die russische Offensive drängt seit Monaten in Pokrowsk vor

Keine 20 Kilometer sind es zur Front. Dort drängt die russische Offensive seit Monaten. Dort kämpft Zvenyslava. Sie ist eine von wenigen Frauen in ihrer Brigade, die in einem US-Schützenpanzer Typ „Bradley“ dient. Sie ist voll des Lobes für das Gerät: Die „Bushmaster“-Kanone sei „sehr zielgenau. Dazu haben wir neben der Crew Platz für sechs Infanteristen. Vor allem ist der ,Bradley‘ sicher. Wir haben den Einschlag einer russischen ,Lancet‘-Drohne überlebt. In einem Schützenpanzer sowjetischer Bauart wären wir einfach verbrannt“, erklärt sie.

Panzerfahrerin Zvenyslava.

Die 28-Jährige hat ihren Mann im Krieg verloren. Dass sie trauert, spürt man. Aber sie sagt mit Bestimmtheit: „Ich kämpfe für mein Land und ein Leben in Freiheit.“ Zuerst ließ sie sich zur Frontsanitäterin ausbilden. Jetzt kommandiert sie ihren „Bradley“.

Zvenyslava meldete sich vor zwei Jahren freiwillig. Seitdem hat sie einige Kameraden verloren. „Es gab einige Augenblicke, die meinen Tod hätten bedeuten können. Gerade die Schlacht um Awdijiwka war hart. Vor der Invasion arbeitete ich als Architektin. Ich entwarf Hotels, Wohngebäude und Bars“, erzählt sie aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Pokrowsk, davon ist sie überzeugt, wird das gleiche Schicksal ereilen wie Bachmut, Mariupol, Awdijiwka und andere Städte, die durch die russische Aggression zerstört wurden.

Ob sie nach dem Krieg die Ukraine als Architektin wieder mit aufbauen will? Die junge Soldatin schüttelt den Kopf. „Der Krieg hat einen anderen Menschen aus mir gemacht. Was mir die Zukunft bringt, darüber mache ich mir keine Gedanken.“ Hinter ihr in wenigen Kilometern Entfernung steigen Rauchfahnen empor. „Russische Fliegerbomben, deren Explosionen Felder in Brand gesteckt haben“, erklärt sie und geht dann zurück zum „Bradley“, der aufmunitioniert in einem Waldstück wartet.

Vielleicht ist es tröstlich für Zvenyslava, dass sie mit ihrem Schützenpanzer auch direkt Menschenleben retten kann. Ist die Infanteriegruppe abgesessen, birgt man Verwundete, so oft die Auftragslage es zulässt.

Pokrowsk leidet im Ukraine-Krieg

Arzt Vitaly wünscht sich, dass es mehr gepanzerte Fahrzeuge für den Transport verwundeter Soldaten von der Front zu seinem Feldlazarett, „Stabilisierungspunkt“ genannt, geben würde. Gekennzeichnete Sanitätsfahrzeuge werden nicht selten von russischer Seite bevorzugt beschossen. So können die Verletzten oft erst im Schutz der Nacht, Stunden nach ihrer Verwundung, zu seinem Posten am Rande von Pokrowsk gebracht werden. Das kostet Leben. Bei vielen Verwundeten ist es wichtig, dass sie schnell behandelt werden.

Feldarzt Vitaly.

In dieser Nacht haben er und sein Team alle Hände voll zu tun. Soldaten mit Explosionstrauma liegen völlig erschöpft auf den Betten, einer muss sich übergeben. Einem Soldaten muss ein Splitter aus der Stirn gezogen werden. Sein Zustand ist kritisch. „So geht das praktisch fast jede Nacht“, sagt der 38-jährige Mediziner. „Der Krieg ist das Böse. Hier sehe ich jeden Tag den Preis, den wir für unsere Freiheit bezahlen müssen. Er ist hoch, aber wir haben keine andere Wahl“, sagt der Arzt zum Abschied. (Till Mayer)

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