Der Student Iwan sitzt neben einer Skulptur des ukrainischen Nationaldichters, Sprachforschers und Politikers Taras Schewtschenko vor der Uni von Pokrowsk.
Die Front im Ukraine-Krieg nähert sich Pokrowsk. Seit Monaten liegt die Stadt unter russischem Beschuss. Eine Reportage von Till Mayer.
Pokrowsk – Zwei Granaten. Ein Doppelschlag am helllichten Tag. Die eine pfeift am Straßenrand in den brüchigen Asphalt. Das Haus dahinter fängt Feuer. Am nächsten Tag wird es hier noch immer nach Brand riechen. Der zweite Einschlag ist in einem benachbarten Garten. Die Druckwelle der beiden Geschosse reicht aus, um die Fenster der umliegenden Häuser zerspringen zu lassen und deren Dächer abzudecken. Es sind bescheidene einstöckige Häuser hier im Viertel, gemauert aus Vollziegeln, oft weiß gestrichen. Verwitterte gewellte Platten auf dem Dach. Ein Zuhause seit Jahrzehnten zumeist für Arbeiterfamilien aus den nahen Kohleminen und örtlichen Fabriken.
Eine Frau steht mit versteinertem Gesicht vor ihrem Haus. „Wir hatten neue Fenster besorgt. Eine hübsche Stange Geld war das.“ Sie schüttelt wütend den Kopf. Jetzt hängen nur noch ein paar Glasreste in den Fensterhöhlen. Darüber ragt das Gerippe des hölzernen Dachstuhls in den heißen Sommerhimmel. „Wir waren gerade beim Einkauf, es war ja Nachmittag. Zum Glück. Die Druckwelle und herumfliegende Glassplitter hätten uns schwer verletzen können“, sagt sie.
Schräg gegenüber flicken städtische Arbeiter zerrissene Stromkabel, schweißen geborstene Gasleitungen zusammen. „Es sind nicht die ersten Granaten, die bei uns im Viertel einschlagen. Wir fragen uns alle, warum zielen die Russen auf uns? Hier gibt es keine Kaserne, keine Fabriken, nur kleine Wohnhäuser“, sagt die Nachbarin. „Was ich fürchte: Am Ende sieht unser Pokrowsk wie Bachmut aus. Verlassene Trümmer und Ruinen.“ Dennoch, sie will so lange bleiben, wie es geht. Vor allem, so lange ihr Mann seinen Job in einer Kohlemine hat. „Wir haben schlicht keine Verwandten, wo wir sonst hinkönnten“, sagt sie.
Wie die Zerstörung beendet werden könnte? Sie zuckt mit den Achseln. „Manchmal denke ich, wir sollten mit den Russen verhandeln ... Aber dann weiß ich“, sie zeigt auf ihr schwer beschädigtes Haus, „Putin dürfen wir nicht trauen. Aber ja, ich habe Angst um meine Stadt, um mein Zuhause. Es ist furchtbar.“ Sie schließt die Gartentür und macht sich mit ihrem Mann auf den Weg. 200 Meter weiter werden Spanholzplatten verteilt, um sie vor die Fenster zu nageln. Es wird dann dunkel werden in den Zimmern, heiß und stickig.
Wird Pokrowsk im Ukraine-Krieg zu einem zweiten Bachmut?
Pokrowsk, ein zweites Bachmut? Eine durch russischen Beschuss völlig zerstörte Stadt. Es droht, wirklich so zu enden. Ein Großteil der Bevölkerung von ehemals 65.000 ist deshalb geflohen. Pokrowsk ist still geworden. Viele Geschäfte sind geschlossen. Noch ist die Zerstörung überschaubar, aber ignorieren lässt sie sich auch nicht mehr. Hochhäuser tragen schwarze Raketennarben. Laut Stadtkommandantur gab seit Beginn der Invasion 88 Angriffe. Davon 35 allein dieses Jahr, mit zunehmender Intensität. Erst dieser Tage schlugen wieder zehn Raketen ein.
Die Zerstörung nimmt stetig zu. So wie in Bachmut, als die russischen Verbände im Sommer 2022 begannen, die Stadt sturmreif zu schießen. Im April 2023 brachten Putins Truppen dann ein totes Trümmerfeld unter ihre Kontrolle. Die Kämpfe haben mutmaßlich Zehntausende Soldaten das Leben gekostet und praktisch alle Stadtbewohner:innen zu Flüchtlingen gemacht.
Im Herzen von Pokrowsk steht die Universität. Ein prächtiges Gebäude mit säulenbewehrtem Eingang in der architektonisch sonst eher schlichten Stadt. Doch auch das Uni-Gebäude ist schwer beschädigt, das Dach eingestürzt. Im ersten Stock blicken leere Fenster auf die Straße, im Erdgeschoss sind sie mit Holzlatten verrammelt. Iwan wirkt ein wenig verloren, als er vor der Ruine steht. Der 23-Jährige studiert Landvermessung – jetzt nur noch online. Das Personal der Uni ist nach Luzk in der Westukraine ausgewichen. Iwan bleibt. Vor allem, weil er sich um Oma und Opa kümmern muss. „Wir haben Verwandte in anderen Gebieten der Ukraine. Ich hoffe, meine Großeltern verstehen, dass wir hier nicht mehr lange bleiben können“, sagt Iwan.
Ukraine-Krieg: Die Ursprünge des Konflikts mit Russland
Er befürchtet, dass die Russen vor Pokrowsk nicht nachlassen werden. „Es schmerzt mich, das zu erkennen“, fügt der Student hinzu. Von einem „Einfrieren“ des Kriegs hält er wenig. „Die Zeit nutzt Putin nur, um seine Truppen ungestört aufzurüsten. Dann geht es weiter Richtung Westen“, da ist er sich sicher.
Unter russischer Besatzung will er auf keinen Fall leben. „Ich habe Verwandte in den besetzten Gebieten im Süden der Ukraine. Von ihnen habe ich direkt erfahren, was dort Furchtbares geschieht.“ Amnesty International und Human Rights Watch berichten ebenso wie Geflüchtete von Folter, politischer Verfolgung, willkürlichen Verhaftungen, Tötungen und Entrechtung unter russischer Herrschaft. Menschen verschwinden zu Tausenden. Pro-ukrainische Statements im Internet können schon einen Platz in einer Gefängniszelle sichern.
Amnesty berichtet: „Die Besatzungsbehörden zwangen Bewohner:innen der besetzten Gebiete, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, andernfalls würden sie den Zugang zu Gesundheitsversorgung, humanitärer und sozialer Unterstützung, Bildung und Beschäftigung sowie ihr Recht auf Freizügigkeit verlieren.“ Iwan warnt: „Wer nicht auf Putin-Linie liegt, ist dort nicht sicher. Das sollte niemand vergessen, der den Krieg ,einfrieren‘ will.“ Der Versuch, den Krieg nach 2014 einzufrieren, habe schon nicht geklappt.
Die russische Offensive drängt seit Monaten in Pokrowsk vor
Keine 20 Kilometer sind es zur Front. Dort drängt die russische Offensive seit Monaten. Dort kämpft Zvenyslava. Sie ist eine von wenigen Frauen in ihrer Brigade, die in einem US-Schützenpanzer Typ „Bradley“ dient. Sie ist voll des Lobes für das Gerät: Die „Bushmaster“-Kanone sei „sehr zielgenau. Dazu haben wir neben der Crew Platz für sechs Infanteristen. Vor allem ist der ,Bradley‘ sicher. Wir haben den Einschlag einer russischen ,Lancet‘-Drohne überlebt. In einem Schützenpanzer sowjetischer Bauart wären wir einfach verbrannt“, erklärt sie.
Die 28-Jährige hat ihren Mann im Krieg verloren. Dass sie trauert, spürt man. Aber sie sagt mit Bestimmtheit: „Ich kämpfe für mein Land und ein Leben in Freiheit.“ Zuerst ließ sie sich zur Frontsanitäterin ausbilden. Jetzt kommandiert sie ihren „Bradley“.
Zvenyslava meldete sich vor zwei Jahren freiwillig. Seitdem hat sie einige Kameraden verloren. „Es gab einige Augenblicke, die meinen Tod hätten bedeuten können. Gerade die Schlacht um Awdijiwka war hart. Vor der Invasion arbeitete ich als Architektin. Ich entwarf Hotels, Wohngebäude und Bars“, erzählt sie aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Pokrowsk, davon ist sie überzeugt, wird das gleiche Schicksal ereilen wie Bachmut, Mariupol, Awdijiwka und andere Städte, die durch die russische Aggression zerstört wurden.
Ob sie nach dem Krieg die Ukraine als Architektin wieder mit aufbauen will? Die junge Soldatin schüttelt den Kopf. „Der Krieg hat einen anderen Menschen aus mir gemacht. Was mir die Zukunft bringt, darüber mache ich mir keine Gedanken.“ Hinter ihr in wenigen Kilometern Entfernung steigen Rauchfahnen empor. „Russische Fliegerbomben, deren Explosionen Felder in Brand gesteckt haben“, erklärt sie und geht dann zurück zum „Bradley“, der aufmunitioniert in einem Waldstück wartet.
Vielleicht ist es tröstlich für Zvenyslava, dass sie mit ihrem Schützenpanzer auch direkt Menschenleben retten kann. Ist die Infanteriegruppe abgesessen, birgt man Verwundete, so oft die Auftragslage es zulässt.
Pokrowsk leidet im Ukraine-Krieg
Arzt Vitaly wünscht sich, dass es mehr gepanzerte Fahrzeuge für den Transport verwundeter Soldaten von der Front zu seinem Feldlazarett, „Stabilisierungspunkt“ genannt, geben würde. Gekennzeichnete Sanitätsfahrzeuge werden nicht selten von russischer Seite bevorzugt beschossen. So können die Verletzten oft erst im Schutz der Nacht, Stunden nach ihrer Verwundung, zu seinem Posten am Rande von Pokrowsk gebracht werden. Das kostet Leben. Bei vielen Verwundeten ist es wichtig, dass sie schnell behandelt werden.
In dieser Nacht haben er und sein Team alle Hände voll zu tun. Soldaten mit Explosionstrauma liegen völlig erschöpft auf den Betten, einer muss sich übergeben. Einem Soldaten muss ein Splitter aus der Stirn gezogen werden. Sein Zustand ist kritisch. „So geht das praktisch fast jede Nacht“, sagt der 38-jährige Mediziner. „Der Krieg ist das Böse. Hier sehe ich jeden Tag den Preis, den wir für unsere Freiheit bezahlen müssen. Er ist hoch, aber wir haben keine andere Wahl“, sagt der Arzt zum Abschied. (Till Mayer)