- VonBettina Menzelschließen
Die militärischen Probleme Russlands werden nun auch offen im Staatsfernsehen diskutiert. Ein Militärexperte widersprach in einem Punkt sogar der Propaganda des Kreml.
Moskau – Ursprünglich von Russland als schnelle Einnahme des Nachbarlandes geplant, läuft der Ukraine-Krieg mittlerweile bereits 500 Tage. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte offenbar die Widerstandskraft der Verteidiger unterschätzt. Im Staatsfernsehen diskutierten nun selbst Putin-freundliche Propagandisten offen die militärischen Probleme des Kreml. Ein Militärexperte widersprach auch dem von Moskau geteilten Vorwurf, die Ukraine würde einen Anschlag auf das Akw Saporischschja planen.
Experte widerspricht im russischen Staatsfernsehen offizieller Lesart des Kreml
In den Rängen der ukrainischen Armee gebe es, anders als vielfach behauptet, keine Massendesertation, betonte ein Experte am Donnerstag in der Sendung „60 Minuten“ im russischen Staatsfernsehen außergewöhnlich offen. „Ansonsten wäre es nicht so hart und die Situation wäre nicht so angespannt in allen Bereichen“. Russland habe leider weiterhin militärische Probleme an der Front, etwa in der Kommunikation.
Auch die medizinische Versorgung sei nicht ausreichend – „auf systemischer Ebene“, sagte der geladene Gast weiter. Weder der Moderator der Sendung, Evgeny Popow, noch einer der anderen Diskussionsteilnehmer unterbrachen den über zwei Minuten dauernden Monolog des Mannes. Anton Geraschtschenko, der Berater des ukrainischen Innenministeriums, hatte den Ausschnitt aus der Sendung auf Twitter geteilt und übersetzt.
Russian propagandists give a detailed list of all the problems and shortages the Russian army has on the frontlines. pic.twitter.com/ojn26iUSHT
— Anton Gerashchenko (@Gerashchenko_en) July 6, 2023
Im russischen Staats-TV: Putin-freundliche Experten sehen Fehler bei Kriegsführung
„Der Krieg läuft bereits über ein Jahr und vier Monate, ein großer Krieg, eine spezielle Militäroperation“, so der russische Experte, der damit der offiziell vom Kreml angeordneten Wortwahl widersprach. Die systemischen Probleme mit unbemannten Luftfahrzeugen, etwa leichten Drohnen und Quadcoptern für die Aufklärung oder den Abwurf von Munition, seien ebenfalls noch nicht gelöst. Die Fahrzeuge an der Front wären meist mit „abgefahrenen Reifen“ unterwegs und es gebe auch einen Mangel an Booten. Vor zwei Monaten hätten Offiziere in der Richtung Cherson dem zuständigen General berichtet, dass leichte Boote für die ordnungsgemäße Durchführung des Kampfeinsatzes fehlen würden. Die Antwort sei schlicht gewesen: „Keine Boote, macht Flöße“
Bei der Rotation der russischen Truppen sah der Experte ebenfalls zahlreiche Fehler. Der Feind schaffe es, etwa alle zwei bis drei Monate zu rotieren. Wenn eine ukrainische Einheit Verluste zu verzeichnen hätte, werde sie komplett zurückgezogen und durch eine andere ersetzt. „Wir rotieren überhaupt nicht“, beklagte der Militärexperte, während der Moderator die Ausführungen mit stoischer Miene anhörte. Verluste bei russischen Truppen würden hingegen lediglich mit Reservisten aufgefüllt. „Die Kämpfer, die überlebt haben, bleiben, sie bekommen keine Erholung. Wie soll man dieses Problem lösen?“, fragte der Experte und fügte sogleich rhetorisch hinzu: „Mit einer neuen Mobilisierung?“
Kein Einzelfall: Weiterer Militärexperte äußert sich in russischem Staatsfernsehen kritisch
Die kritischen Äußerungen im russischen Staatsfernsehen waren indes kein Einzelfall. Auch in der Sendung „Sonntagabend“ des russischen Moderators Wladimir Solowjow widersprach ein zugeschalteter Militärexperte der offiziellen Propagandalinie. Thema war ein vom Kreml vermuteter, angeblich bevorstehender Angriff der Ukraine auf das Atomkraftwerk Saporischschja. Die Ukraine und Russland werfen sich seit Tagen gegenseitig vor, einen solchen Anschlag zu planen. Saporischschja anzugreifen sei für Russland nicht sinnvoll, behauptete der Staats-Propagandist Wladimir Solowjow in seiner Sendung.
Ein zugeschalteter russischer Militärexperte machte dem Putin-Sprachrohr jedoch einen Strich durch die Rechnung. Mit den derzeitigen Mitteln der Ukraine sei es so gut wie unmöglich, die Reaktoren des Atomkraftwerks zu zerstören, wandte Wladislaw Schurigin ein. „Diese Reaktoren [...] wurden mit vierfachem Redundanzsystem gebaut“, so der Militärexperte. Der Moderator der Sendung räumte daraufhin ein, dass es für Kiew sinnvoller wäre, das AKW einzunehmen, als es zu zerstören.
Ukraine-Krieg reicht jetzt bis nach Moskau: Fotos zeigen den Schaden durch Drohnen-Angriffe




Die Ukraine verdächtigt indes Moskau, einen Anschlag auf das Atomkraftwerk zu planen. Russland habe „sprengstoffähnliche Gegenstände“ auf den Dächern von zwei Reaktoren angebracht, hieß es dazu aus Kiew. Zwar hatte die internationale Atomenergiebehörde IAEA vergangenes Wochenende zunächst bekannt gegeben, keine Anzeichen für eine Verminung am AKW entdeckt zu haben, forderte am Mittwoch aber für die Überprüfung der Vorwürfe einen erweiterten Zugang zu der Anlage. Russland brachte das größte Atomkraftwerk Europas am 4. März 2022 und damit bereits kurz nach dem Beginn der Invasion unter Kontrolle, weshalb westliche Experten es für fast ausgeschlossen halten, dass ukrainische Truppen Sprengstoff an dem Werk anbringen konnten.