Analyse

Gefahr durch Russland: Marine rüstet sich mit Drohnen, KI und setzt auf U-Boot-Jagd

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Deutsche U-Boote der Klasse 212 A, Nachfolger wird die Version 212 CD (Common Design) sein.
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Für Abschreckung in Nord- und Ostsee, vor allem unter Wasser, setzt die Marine gezielt auf Drohnen und Künstliche Intelligenz und verstärkt die Fähigkeit der U-Boot-Jagd.

Viele warme Worte gab es Mitte September beim feierlichen Brennstart bei Thyssenkrupp Marine Systems in Kiel. Das U-Boot der Klasse 212 CD, eine deutsch-norwegische Beschaffungskooperation, ist nun in der Serienproduktion. Es ist das erste Mal, dass zwei Marinen nordeuropäischer Länder baugleiche U-Boote anschaffen.

Vorläufig sechs U-Boote sollen es werden, vier für die Königlich Norwegische Marine, zwei für die Deutsche Marine. Und Verteidigungsminister Boris Pistorius denkt bereits laut über den Kauf von vier bis sechs weiteren U-Booten nach.

Die Boote sind 74 Meter lang, zehn Meter breit, 13 Meter hoch und mit Torpedos bewaffnet – sowie mit der Möglichkeit versehen, sie zur Selbstverteidigung mit dem „Interactive Defence and Attack System für Submarines“ (IDAS) auszustatten. Damit wären getauchte U-Boote erstmals in der Lage, zur U-Boot-Jagd eingesetzte Hubschrauber anzugreifen.

Der diamantförmige Rumpf verringert die Schallsignatur der U-Boote um 60 Prozent und macht sie damit schwerer ortbar als jene der Klasse U 212 A, auf dessen System sie aufbauen. Das U 212 CD ist ausgestattet mit einem neuartigen Führungsmittel- und Waffeneinsatzsystem, das eine bessere Vernetzung mit verbündeten Einheiten ermöglicht. Künstliche Intelligenz (KI) und unbemannte Einheiten werden vor allem bei Lagebilderstellung und Aufklärung eine Rolle spielen.

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Neuer Einsatzschwerpunkt erfordert neue Fähigkeiten

Die Nutzung von Synergien, KI, Vernetzbarkeit, Drohnen: Das U 212 CD steht für vieles, was die Seestreitkräfte in der nächsten Dekade ausmachen wird. Die bestellten U-Boote sollen der Deutschen Marine ab 2032 und 2034 zur Verfügung stehen – bis dahin wird sich deren Einsatzschwerpunkt wohl endgültig geändert haben.

Weniger Krisenmanagement am Horn von Afrika oder im Mittelmeer, mehr Abschreckung im Nordatlantik, europäischen Nordmeer, der Arktis und in Nord- und Ostsee. Aber vor allem: Mit steigender Wahrscheinlichkeit, dass kritische Unterwasserinfrastruktur zum Ziel hybrider Attacken wird, benötigt es eine glaubhafte Abschreckung unter der Wasseroberfläche.

Einrichten muss sich die Marine auch auf immer leistungsstärkere Waffensysteme, deren Wirkung teils schwer abzuwehren ist. So bestückt Russland seine nuklear betriebenen U-Boote nach eigenen Angaben bereits mit Zircon-Hyperschallraketen. Da die Bedrohung im Gefecht durch diese technische Entwicklung steigen würde, müsste das ohnehin schon knappe Personal bei der Bundeswehr, und bei der Marine insbesondere, noch besser geschützt – oder am besten gar nicht mehr eingesetzt werden.

Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, will in der nächsten Dekade deshalb auf unbemannte Systeme setzen, wie er in seinem im März veröffentlichten Konzept „Kurs Marine 2035+“ (ehemals Zielbild Marine 2035+) schreibt. 

Darin kommt außerdem der Fähigkeit „Seekrieg Unterwasser“ viel Aufmerksamkeit zu – auch mithilfe unbemannter Systeme. Die U 212 CD sollen bis zu sechs „Large unmanned Underwater Vehicle“ zur Ergänzung erhalten. Diese Drohnen sollen für die Aufklärung eingesetzt werden. Das ist neu, sie waren in der Planung, die der Inspekteur bis 2031 angestellt hatte, nicht enthalten. Bis dahin waren acht U 212 CD angedacht – allerdings ohne unbemannte Einheiten.

U-Boot-Jagd soll wieder gestärkt werden

Bei den Seefernaufklärern ergibt sich ein ähnliches Bild. Acht P-8A Poseidon-Kampfflugzeuge, ausgestattet mit Torpedos zur U-Boot-Jagd oder Harpoon-Lenkwaffen sollen es laut Konzept sein. Da die Beschaffung von fünf Poseidons schon 2021 stattfand, werden diese wohl bereits 2024/2025 bei den Marinefliegern in Nordholz stehen. Auch diese P-8A Poseidons sollen von sechs Drohnen unterstützt werden, die in der Planung bis 2031 noch gar nicht angedacht waren. Die Drohnen sollen nicht nur aufklären, sondern auch zum Seekrieg eingesetzt und entsprechend bewaffnet werden. 

Ob das dafür spricht, dass die Poseidons mehr als eine Interimslösung sind, bis das deutsch-französische Projekt Maritime Airborne Weapon System (MAWS) realisiert wird, ist unklar – im Konzept wird das MAWS weiterhin erwähnt. Das Projekt gilt als gefährdet, weil sich Deutschland 2021 für eben jene Poseidons entschied, um sich schneller von den fehleranfälligen P-3C Orion-Seefernaufklärern verabschieden zu können. Frankreich stieß diese Entscheidung auf und glaubt nicht mehr an die Realisierung des Projekts mit Deutschland. Das MAWS sollte, so es denn entsteht, die Grundlage für die Aufklärung, Überwachung und Lagebilderstellung großer Seegebiete über und unter Wasser bilden und zur U-Boot-Aufklärung und -Bekämpfung eingesetzt werden. 

Drohnen in der Luft und am Meeresgrund

Die Fähigkeit der U-Boot-Jagd von Überwasser-Einheiten wurde in den vergangenen Jahrzehnten vernachlässigt. Nachdem die letzte Fregatte der Klasse 122 vergangenes Jahr außer Dienst gestellt wurde, werden jetzt mit der Fregatte der Klasse 126 wieder Schiffe mit expliziter U-Boot-Jagd-Fähigkeit in Nordsee und Nordatlantik eingeführt. Die Finanzierung von vier der sechs geplanten Fregatten aus dem Sondervermögen ist beschlossen, die erste soll die Marine 2028 erhalten, 2030, 2031 und 2032 dann die weiteren. 

Der Bordhubschrauber NH-90 MRFH Sea Tiger, der unter anderem zusammen mit der Fregatte 126 auf U-Boot-Jagd gehen kann, soll ebenfalls von unbemannten Einheiten unterstützt werden. Wie viele Bordhubschrauber ab 2035 gebraucht werden, weist das Konzept nicht aus. Nach bisherigem Plan sollten es ab 2031 31 Stück werden, ergänzt von zehn Drohnen. In der Planung 2035+ sind nun bis zu 22 Drohnen vorgesehen. 

Ebenfalls in die Kategorie Unterwasser-Seekrieg fällt die Minenbekämpfung. Sie ist eine der sogenannten 3-D-Tätigkeiten: dirty, dangerous, difficult. Künftig soll die Minenabwehr zunehmend von Mutterschiffen aus gesteuert und von unbemannten Plug-and-Play-Systemen ausgeführt werden. Bis zu zwölf solcher Minenabwehr-Plattformen bräuchte die Marine laut Konzept, die Anzahl der unbemannten Systeme ist noch unklar.

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