Neuer russischer Kommandeur im Ukraine-Krieg: „General Armageddon“ soll es für Putin richten
VonMarkus Hofstetter
schließen
Die kritische Lage im Ukraine-Krieg setzt den Kreml unter Druck. Die Ernennung eines Hardliners zum neuen Kommandeur der russischen Truppen verheißt für die Ukraine nichts Gutes.
Moskau - Präsident Waldimir Putin steht im Ukraine-Krieg unter starkem Druck. Die russischen Streitkräfte müssen nicht nur eine Serie von Niederlagen einstecken. (Unseren Ticker zur aktuellen militärischen Lage finden Sie hier.) Zudem wurde kurz nach seinem 70. Geburtstag am 7. Oktober die Brücke, die von Russland zur annektierten ukrainischen Halbinsel Krim führt, durch eine Explosion beschädigt. Das Bauwerk, das von großer Bedeutung für die Versorgung der russischen Truppen im Süden der Ukraine ist, wurde von Putin selbst eingeweiht.
Als Reaktion auf diese Entwicklung wurde der für die Ukraine-Offensive zuständige Kommandeur ausgetauscht. Der 55 Jahre alte Armeegeneral Sergej Surowikin sei von Verteidigungsminister Sergej Schoigu zum Kommandeur der Truppen „im Gebiet der militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine ernannt worden. Das gab das Verteidigungsministerium in Moskau am Samstag (8. Oktober) im Onlinedienst Telegram bekannt. Die offizielle Ernennung des aus Nowosibirsk stammenden Generals ist ungewöhnlich, da der Name seines Vorgängers nie offiziell genannt worden war.
Surowikin gilt als erfahrener Offizier, der Einsätze im Bürgerkrieg in Tadschikistan in den 1990er Jahren sowie dem zweiten Tschetschenien-Krieg in den 2000er Jahren und in Syrien im Jahr 2017 vorweisen kann. Im Oktober 2017 wurde er Kommandeur der Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, im Dezember des gleichen Jahres wurde ihm der Titel „Held Russlands“ verliehen. Im Ukraine-Krieg befehligte er bisher die Streitkräfte „Süd“ der russischen Armee, wie aus einem Bericht des Verteidigungsministeriums vom Juli hervorgeht.
„General Armageddon“ neuer russischer Kommandeur in der Ukraine: Surowikin unterstützte Putsch gegen Gorbatschow
Öffentlich bekannt wurde Surowikin bereits im August 1991. Während des Putsches gegen den vor kurzem verstorbenen Michail Gorbatschow, dem damals amtierenden Präsidenten der Sowjetunion, kommandierte er als Hauptmann ein Bataillon motorisierter Schützen. Mit diesem versuchte er im Moskauer Zentrum Barrikaden von Demonstranten zu durchbrechen, wobei drei Menschen ums Leben kamen. Nach dem Scheitern des Putsches war Surowikin in Haft, wurde aber nach einigen Monaten entlassen, da er laut der Staatsanwaltschaft nur „Befehle befolgt“ habe, wie das exilrussische Newsportal Medusa berichtet.
Kommando-Wechsel in der Ukraine: Putins Bluthund Kadyrow erwartet nun Verbesserung der Lage
Der neue Kommandeur scheint sich während seiner langen Dienstzeit einen notorischen Ruf erarbeitet zu haben. In einem Artikel der kremltreuen Zeitung Komsomolskaja Prawda vom 29. Juni heißt es, dass ihn Kollegen seit Syrien als „General Armageddon“ bezeichnen, da er in der Lage sei, „unkonventionell und hart“ zu agieren.
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung
Der Gründer der Söldnertruppe „Wagner“, Jewgenij Prigoschin kommentierte laut Medusa die Ernennung Surowikins zum Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine mit den Ereignissen vom August 1991. Demnach sei er nach Erhalt des Befehls ohne zu zögern in einen Panzer eingestiegen und habe sich beeilt, sein Land zu retten. Der Präsident von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, soll laut Medusa geschrieben haben, dass er Surowikin fast 15 Jahre lang persönlich kenne. Er sei zuversichtlich, dass Surowikin an der Front „die Situation verbessern“ werde.
„General Armageddon“ neuer russischer Kommandeur in der Ukraine: Putin will Kritiker besänftigen
Auf Twitter beschreibt der Nahostexperte Charles Lister Surowikin als einen „brutalen, kühl rechnenden“ Befehlshaber, der in Syrien für das politische Überleben von Präsident Bashar Assad sorgte. Zudem seien während seiner Dienstzeit bei einem Giftgasangriff auf Khan Sheikhoun 90 Zivilisten getötet und über 500 weitere verletzt worden.
#Putin’s put Gen. Sergey Surovikin in command of the whole #Ukraine campaign — he’s a brutal, calculated leader.
It was Surovikin who coordinated the unilateral violation of 3/4 of #Syria’s “de-escalation zones,” methodically crippling the opposition & sealing #Assad’s survival. pic.twitter.com/Hy4LNf4gIk
Unter dem Kommando von Surowikin könnte sich die Situation für die Bevölkerung der Ukraine also noch weiter verschlechtern. Das gilt auch, weil Medusas Quellen Surowikin als Anhänger massiver Raketenangriffe auf die Infrastruktur, einschließlich der zivilen Infrastruktur, beschreiben. „Surowikin hat keine Gefühle“, bemerkte zudem einer von ihnen. Ein erstes Zeichen der neuen strategischen Ausrichtung gibt es bereits kurze Zeit später mit einer Offensive der russischen Streitkräfte.