VonFlorian Naumannschließen
Russlands Militär verfolgt eine Langfrist-Strategie in der Ukraine. Ziel: Die Ukraine für Zivilisten ‚unbewohnbar‘ machen.
Kiew/München – Die letzten Tage des Aprils brachten erneut Zerstörungen in der Ukraine. Besonders betroffen war die Hafenstadt Odessa, wo nicht nur ein schlossähnliches Verwaltungsgebäude zerstört wurde, sondern Berichten zufolge erneut mehrerer Zivilisten durch russische Luftangriffe zu Tode kamen. Charkiw, die zweitgrößte Stadt des Landes, leidet bereits seit längerem unter dem Beschuss im Ukraine-Krieg. Neue russische Angriffe haben dort offenbar erneut Wohngebäude beschädigt.
Doch warum diese brutalen Attacken? Mykola Bielieskow, ein ukrainischer Politikwissenschaftler, sieht eine „typisch russische“ Doppelstrategie hinter den Aktionen des russischen Militärs. Er warnte in einem Gespräch mit IPPEN.MEDIA, die relative Stabilität der Frontlinien sei ein „Wunder“.
Doppelstrategie hinter Russlands Luftschlägen? „Städte so weit wie möglich entvölkern“
Bielieskow identifizierte zwei Hauptziele hinter Russlands Bombardierungen – abseits der Angriffe auf rein militärische Ziele. „Was Schläge auf Charkiw, Chmelnyzkyj und andere Frontstädte angeht, ist die russische Strategie simpel: Sie wollen so viele Menschen wie möglich verschrecken – um diese Städte so weit wie möglich zu entvölkern“, sagt der Wissenschaftler des Nationalen Instituts für Strategische Studien in Kiew. Dies könnte Wladimir Putins Armee beim späteren Vorrücken helfen. Odessa, fügte der Experte hinzu, sollte aufgrund seiner Nähe zur Halbinsel Krim ebenfalls als Teil der Front betrachtet werden.
Gleichzeitig verfolge das russische Militär eine „Langfrist-Strategie“. Russland wolle die Ukraine für Zivilisten „unbewohnbar“ machen, indem es insbesondere zivile Infrastruktur angreift. „Deshalb ist es eine typisch russische Art der Kriegsführung“, erklärte Bielieskow. Tatsächlich hat die russische Armee in früheren Kriegen und Einsätzen erhebliche Zerstörungen angerichtet, ähnlich wie die sowjetische Armee in Afghanistan.
Bielieskow betonte, für die Ukraine sei es derzeit schwierig, sich effektiv gegen die russischen Luftangriffe zu verteidigen. „Wir können mit bloßen Händen keine Wunder vollbringen, wir brauchen Technologie.“ Mindestens sieben weitere Flugabwehrsysteme seien erforderlich, um zumindest städtische Gebiete schützen zu können. Derzeit sei nur die dritte Lieferung eines Systems aus Deutschland konkret in Aussicht, möglicherweise eine weitere aus den USA. Aber allein damit könne die ukrainische Armee keinen effektiven Widerstand leisten.
„Russland will unseren Staat zerstören“: Putins Armee hat immer noch Vorteile bei der Feuerkraft
Die Ukrainerinnen und Ukrainer seien jedoch weiterhin bereit, zu kämpfen: „Russland will unseren Staat zerstören, es will die Ukrainerinnen und Ukrainer in Instrumente ihrer imperialen Macht verwandeln“, beschrieb Bielieskow die Sorge im Land. Er fügte hinzu: „Die Menschen verstehen die Lage des Staates, deshalb haben sie trotz ausbleibender US-Hilfe an der Front gekämpft und sich ausbilden lassen.“
Bielieskow deutete jedoch auch wachsende Verbitterung in der Ukraine an. Nur durch „ein Wunder und Hingabe“ habe die Armee in den letzten sieben Monaten die Frontlinien halten können. Trotz russischer Durchbrüche sei die Situation immer noch relativ stabil. Allerdings habe die Armee „ihre künftige Kampffähigkeit geopfert, um gegenwärtige Bedürfnisse zu stillen“. Womöglich drohe der Ukraine und Europa binnen eines Jahres ein weiterer „Worst Case“ warnte der Experte.
Russland passe unterdessen seine Strategie ständig an und verfüge weiterhin über massive Vorteile in der Feuerkraft. „Mehrere hundert“ Artillerie- und Luftschläge führe Putins Militär täglich an den Frontlinien durch. Trotz dieser Umstände verteidigte der Experte den Kampf der ukrainischen Armee und dessen Ergebnisse: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Computersimulation bei Eingabe aller Parameter andere Ergebnisse vorausgesagt hätte als die, die wir jetzt haben.“ (fn)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexei Danichev

