Tschetschenien

Kadyrow liegt angeblich im Koma

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Ramsan Kadyrow (46) ist seit 2007 Machthaber in Tschetschenien.
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Der tschetschenische Republikchef soll schwer krank sein – Beweise gibt es nicht, aber auch kein glaubhaftes Dementi.

Kadyrow rennt. „Wir haben keine Zeit, krank zu werden“, keucht er. „Das werdet ihr nicht mehr erleben.“ Er rennt mit verzerrten Grinsen auf einem Laufband. Es steht in einem Prunksalon voller Polstermöbel, Wandteppichen und Kronleuchtern. Aber glücklich sieht der Sportler nicht aus. Das 27 Sekunden lange Video wurde Anfang April aufgenommen. Es war Ramsan Kadyrows Antwort auf Spekulationen über seine Gesundheit. Seine wachsende Körpermasse und sein häufig aufgedunsenes Gesicht waren zunehmend aufgefallen. Der tschetschenische Exilpolitiker Achmed Sakajew sagte im März, Kadyrow habe ernsthafte Probleme mit den Nieren, lasse sich von Spezialisten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten behandeln.

Trotz des Videosprints durchs eigene Wohnzimmer rissen die Gerüchte nicht ab. Im Mai verlautbarte der ukrainische Militärgeheimdienst GUR, Kadyrow sei drogensüchtig. Am vergangenen Freitag legte das Kiewer Portal „Obozrevatel“ nach. Es zitierte einen GUR-Sprecher sowie tschetschenische Exilquellen, Kadyrow liege seit Tagen im Koma. Er sei nach Moskau gebracht worden, wo man ihm nicht habe helfen können, er solle nun im arabischen Ausland weiter behandelt werden. Der russische Ex-Parlamentarier Gennadij Gudkow sagte unter Berufung auf „prominente Tschetschenen“, Kadyrow sei an den Nieren operiert worden; eine Transplantation, nach der sich Abszesse gebildet hätten.

Allerdings gibt es keine faktischen Belege für die Version, Kadyrow sei schwer- oder todkrank. Und noch weniger für Spekulationen über eine mögliche Vergiftung Kadyrows, etwa für die Behauptung des Journalisten Alexander Newsorows, Kadyrows Symptome glichen denen Alexej Nawalnys nach dem Nowitschok-Nervengiftanschlag von 2020. Es wurde auch gemeldet, Kadyrows Gefolge habe seinen Leibarzt Elchan Sulejmanow lebendigen Leibes vergraben, weil er ihm schädliche Medikamente verabreicht habe. Sulejmanow tauchte wohlbehalten im nahen Aserbaidschan auf und dementierte.

Aber es gibt auch keine Beweise, dass Kadyrow gesund ist. Diesmal macht der Amateurkampfsportler keine Anstalten, joggend oder boxend seine Körperkräfte zu demonstrieren. Am Wochenende erschien auf seinem Telegram-Kanal ein Video, das ihn bei einem Regenspaziergang zeigt. „So ist die Lage“, sagt er, später hört man seine Stimme aus dem Off: „Treibt Sport.“ Aber das Datum der wenig aussagekräftigen Aufzeichnung bleibt unklar.

Moskauer Telegramkanäle vermuten, dass Wladimir Putin nach dem Putsch Jewgenij Prigoschins auch Kadyrow und seinen Kriegern nicht mehr traut. Aber im Gegensatz zu Prigoschin ließ Kadyrow, der sich gern „Putins Infanterist“ nennt, keine Möglichkeit aus, dem russischen Staatschef Treue zu schwören. Anfang März tauchte Kadyrows ältester Sohn Achmat bei Putin im Kreml auf. Das lässt vermuten, dass der Tschetschene den 17-Jährigen schon als Machterben andienen wollte. Und dass Putin mit Wohlwollen reagierte. Kadyrow selbst empfing er am 28. Juni, wenige Tage nach Prigoschins gescheiterter Rebellion. Im August zeichnete Putin Kadyrows Mutter und einen seiner Neffen mit hohen Orden aus.

Grausamer Folterer

Der frühere Separatistenführer Ruslan Kutajew glaubt, angesichts der Krankheit Kadyrows wollte Putin so der tschetschenischen Elite demonstrieren: „Die Kontrolle über die Region wird einer der Kadyrows erben.“ Putin mag treue Infanteristen.

Aber viele Tschetschenen verfolgen Kadyrows Gesundheitszustand mit ganz anderen Gefühlen. „Krank ist er schon lange, aber er will einfach nicht verrecken“, sagt ein in Moskau lebender Geschäftsmann. „Halb Tschetschenien steht Schlange, um Blutrache an Kadyrow zu verüben.“

Kadyrow, seit 2007 Republikchef, ist für seine Grausamkeit bekannt. Er soll im zweiten Tschetschenienkrieg persönlich festgenommene Landsleute gemartert haben. Politische Konkurrenten seines Clans wurden getötet, Regimekritiker, auch ihre Verwandten, kamen in Foltergefängnisse, ebenso Homosexuelle. Da viele der überlebenden Gegner ins Ausland geflohen sind, ist es fraglich, ob das Verlangen nach Rache zu Massenunruhen führen wird. Angesichts von milliardenschweren Subventionen aus Moskau wird es auch keine neue Unabhängigkeitsbewegung geben.

Kadyrows ist Vater von mindestens elf Kindern. Aber keiner seiner Söhne ist volljährig. Mehrere Gefolgsmänner, wie der Duma-Abgeordnete Adam Delimchanow oder Magomed Daudow, Parlamentssprecher und zuständig für die Kooperation mit den russischen Sicherheitsorganen, haben beste Kontakte in Moskau. Möglich, dass Putin einen von ihnen zum Statthalter ernennt, zunächst vorläufig. Um seine Herrschaft zu sichern, muss Kadyrow doch wieder aufs Laufband. (Stefan Scholl)

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