VonFabian Hartmannschließen
Hat die russische Armee erneut Massaker an Zivilisten verübt? Das legt ein Medienbericht nahe. Auch Amnesty International klagt an.
München – Es waren Bilder, die die Welt erschütterten: In Butscha, nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew, hatten russische Soldaten Anfang April ein Massaker an Hunderten Zivilisten verübt. Der Name Butscha ist zum Symbol eines brutalen, blutigen und rücksichtslosen Angriffskrieges geworden; eines Kampfes, der auf Unbeteiligte keine Rücksicht nimmt.
Ein Einzelfall? Offenbar nicht. Wie die russische Exilzeitung Meduza mit Sitz in Riga (Lettland) berichtet, haben Kreml-Truppen auch im Dorf Bohdaniwka gewütet. Auch Amnesty International klagt Menschenrechtsverletzungen an.
Kriegsverbrechen in Bogdanowka: Russische Soldaten rächen sich für Beschuss
Konkret geht es um einen Einsatz der russischen Armee im Ukraine-Konflikt im Zeitraum 7. bis 9. März. Nahe des Dorfes geriet angeblich eine russische Kolonne auf ihrem Weg in Richtung Kiew unter schweren Beschuss. Wie Meduza berichtet, rächten sich die Soldaten an den Bewohnern des Dorfes. Sie sollten eine „Säuberungsaktion“ durchführen, wobei es erneut zu Gräueltaten kam. So hätten Armeeangehörige einen Zivilisten erschossen – einfach, weil er eine khakifarbene Hose trug, die wohl als Militäruniform missverstanden wurde. Der Mann starb in den Armen seiner kleinen Tochter, schreibt Meduza. Die Online-Zeitung beruft sich in ihrer Darstellung auf Gespräche mit Menschen vor Ort. Die Schilderungen und der Bericht als ganzes lassen sich gleichwohl nicht unabhängig verifizieren.
Zu einem weiteren Verbrechen soll es in der Nacht des 9. März gekommen sein. Auch hier brachten russische Soldaten dem Bericht zufolge einen Dorfbewohner um. Anschließend hätten sie seine Frau zwei Stunden lang vergewaltigt, während der gemeinsame Sohn im Heizungskeller eingesperrt war. Die Frau habe entkommen können und der Polizei später von der Tat berichtet, heißt es bei Meduza.
Die russischen Soldaten verscharrten dem Bericht zufolge die Leiche des Mannes vor dem Haus und brannten es anschließend nieder. In der gleichen Nacht soll es laut Amnesty International zu weiteren Verbrechen gekommen sein. Russische Soldaten sollen einen Zivilisten erschossen haben, da er die Frage nach Zigaretten verneint habe. Ein Schuss ging angeblich in den Arm, ein anderer in den Kopf – doch der Mann war offenbar nicht sofort tot. Bis 4 Uhr morgens habe er noch geatmet, sei aber nicht mehr bei Bewusstsein gewesen. Die Frau des Mannes sagte Amnesty International: „Er hat stark geblutet. Bei seinem letzten Atemzug habe ich mich zu meiner Tochter gedreht und gesagt: ,Ich glaube, Papa ist gestorben.‘“ Über diese Schilderung berichtete auch tagesschau.de.
Kriegsverbrechen in Bogdanowka: Berichte geben Einblick in die Realität des Krieges – und erinnern an Vorkommnisse in Butscha
Die Berichte sind nur schwer erträglich – und doch geben sie möglicherweise einen verstörenden Einblick in die Realität des Krieges. Die russischen Soldaten gehen dabei laut verschiedener Berichte aus der Ukraine mit brutaler Härte vor. Auch Folter, Plünderung und Verwüstung wird der Armee vorgeworfen.
Die Berichte aus Bohdaniwka erinnern stark an die Schilderungen aus Butscha. Auch dort nahmen russische Soldaten dem Anschein nach Wohnhäuser mit Präzisionswaffen unter Beschuss. Russland warf der ukrainischen Regierung vor, das Massaker inszeniert zu haben. Internationale Beobachter weisen diese Darstellung allerdings zurück.
Was bleibt, ist das Leid. In Butscha und in Bohdaniwka. Dort zogen sich die Kreml-Truppen vermutlich um den 30. März zurück. Dabei verminten sie laut Meduza das Dorf, hinterließen Nachrichten an den Wänden der Häuser. Kurz zuvor soll es zu weiteren Vergewaltigungen im Dorf gekommen sein.
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