Verdacht im Ukraine-Krieg

Nicht mehr genug Kampfkraft: Ex-US-General sicher - Russischer Angriff hat Zenit bereits überschritten

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Nach Ansicht von Ex-US-General Repass reicht die Kampfkraft der russischen Armee nicht mehr für große Angriffe (Archivfoto vom 27. Februar)
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Die russische Armee scheint auf dem Rückzug. Doch Ex-US-General Repass sieht auch die Ukrainer unter einer großen Belastung, so dass sie davon nicht profitieren können.

München - Für Mike Repass, Ex-Generalmajor der US-Armee, hat der russische Angriff im Ukraine-Konflikt seinen Zenit überschritten. Demnach hat die russische Armee bereits seit dem 28. März nicht mehr die Kampfkraft, um weiter vorzurücken. „Ich glaube, die Ukrainer haben das bemerkt und lokale Gegenangriffe gestartet, vor allem im Norden und Westen von Kiew“, sagte Repass, der im Auftrag der US-Regierung für sechs Jahre die ukrainische Armee beraten hat, in einem CNN-Interview. Vor kurzem hätten auch Gegenangriffe im Osten begonnen. (hier finden die den aktuellen Ticker zur militärischen Lage in der Ukraine)

Dabei hält der Ex-US-General jedoch die ukrainischen Angriffe für weniger effektiv als man von Medienberichte erwarten könnte. Zudem gebe es keine Zahlen zu den ukrainischen Verlusten, so dass die Ukraine möglicherweise nicht genug Kräfte habe, um einen großen Gegenangriff zu starten. Damit würde es schwer werden, die Russen weit in den Osten des Landes bis in den Donbass zurückzudrängen. Doch insgesamt betrachtet reichen laut Repass die erhältlichen Informationen nicht aus, um ein genaues Bild der Lage zu liefern.

Ex-US-General Repass über den Ukraine-Krieg: Friedensgespräche sind nur russische Verzögerungstaktik

Die Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine hält Repass nur für eine Verzögerungstaktik des Kremls, da noch keine zufriedenstellenden Ergebnisse erzielt wurden. Solange die Russen nicht hätten, was sie wollten, wären sie nicht zu einer Einstellung der Kämpfe bereit. „Ich denke, es wird noch viel mehr Leid und Zerstörung in der Ukraine geben, bevor es zu einer Waffenruhe und einem Friedensabschluss kommt.“

Ex-US-General Repass über den Ukraine-Krieg: Putin wiederholt brutales Vorgehen von Grozny, Homs und Aleppo

Den Angriff auf Belgorod, für den die ukrainische Seite die Verantwortung von sich weist, sieht Repass als ein Zeichen für die Russen, dass sie sich im eigenen Land nicht länger sicher fühlen können. Sie müssten Einheiten aus der Ukraine nach Russland verlegen, um kritische, militärische Anlagen zu schützen. „Das ist aber auch ein Schlag für den russischen Glauben an ihre Unbesiegbarkeit,“ so der Ex-General.

Überrascht hat Repass vor alle die Bereitschaft der Russen, alles in der Ukraine zu zerstören, vor allem, weil sie zuvor gesagt haben, dass man Brüder und ein Volk sei. Vergleichbar sei das nur der Zerstörung von Grozny im Tschetschenienkrieg, die die Russen in Homs und Aleppo in Syrien wiederholt hätten. Nun zerstöre Wladimir Putin Mariupol, in Kiew habe er das gleiche vor. Der Grund ist, dass er potenzielle Widerstandsbewegungen in diesen Städten ausschalten will. Das sei vor allem in Mariupol wichtig, um die Landbrücke zwischen dem Donbass und der Krim zu sichern.

Ex-US-General Repass über den Ukraine-Krieg: Russische Armee handelt ineffizient

Dass im Ukraine-Krieg so viele russische Generäle getötet worden sind, ist für Repass sehr ungewöhnlich. Das beweist für ihn, dass Kommandostrukturen, Technologien und Organisation der russischen Armee sehr ineffizient sind. Bezogen auf die Organisation beschreibt er die Defizite. Demnach haben die Russen als Kampfeinheiten taktische Bataillonsgruppen (Battalion Tactical Group BTG) gebildet. Bewaffnung und Mobilität der Einheiten innerhalb einer BTG sind sehr unterschiedlich. Um deren Fähigkeiten richtig zur Wirkung kommen zu lassen, müssten sie auf dem Schlachtfeld in entsprechender Breite und Tiefe eingesetzt werden. Doch ihnen fehlt es an Technologie und Methoden, um das zu bewerkstelligen.

Hinzu kommt eine schlechte ukrainische Infrastruktur, so dass Panzer und schwere Einheiten auf den schmalen Straßen bleiben müssen. Das wiederum führt zu Staus, die durch schlechte Radiokommunikation verschlimmert werden. Um das Problem zu lösen, müssten die militärischen Führer nach vorne gehen, was sie zu leichten Zielen für Artillerie und Scharfschützen macht.

Ex-US-General Repass über den Ukraine-Krieg: Drohendes humanitäres Desaster in Russland könnte Gewalt anheizen

Repass befürwortet die Lieferung von S-300 Luftabwehrsystemen an die ukrainische Armee. Damit könnte diese ihre eigene Flugverbotszone schaffen. Die politischen Forderungen nach einer von der Nato kontrollierten Flugverbotszone oder der Lieferung vom MiG-Kampfflugzeugen würden damit ein Ende haben.

Besorgt zeigt sich Repass über ein drohendes Desaster in Russland. Bereits im Juni könnte es zu erheblichen humanitären Problemen kommen, auf die sich der Westen vorbereiten sollte. Anzeichen dafür seien, dass bereits einige Lebensmittel wie Zucker rationiert werden würden. Wenn die innerrussische Lage sich deswegen erheblich destabilisiere, könnten die herrschenden Eliten unberechenbar und verzweifelt handeln, um an der Macht zu bleiben. Eine Folge könnte ein höheres Maß an Gewalt in der Ukraine sein, um ein militärisches Ergebnis zu beschleunigen.

Ex-US-General Repass über den Ukraine-Krieg: Putin will Landbrücke zwischen Donbass und Krim kontrollieren

Das und eine Ausweitung der Grenzen von Luhansk und Donetsk würden Putin die Möglichkeit geben, einen Sieg für sich zu reklamieren. Infolgedessen könnten eine Waffenruhe vereinbart werden und die Friedensverhandlungen beginnen. Repass glaubt jedoch nicht, dass sich die Ukrainer darauf einlassen werden.

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