VonStefan Schollschließen
Ein zu deutlicher russischer Frontkommandeur wird geschasst. Im Kreml-Militär tun sich immer tiefere Gräben auf.
Er habe nie Unterschiede gemacht zwischen Schützen und Generälen. „Wir sterben, wir kämpfen, wir fürchten uns und leiden alle gleich“, erklärte Frontkommandeur Iwan Popow in einem Audioblog an die Soldaten der von ihm befehligten 58. Armee. Darin eröffnete Popow, Funkzeichen „Spartak“, seinen „geliebten Gladiatoren“, man habe ihn entlassen. Vorher sei er in eine „schwierige Situation gegenüber dem Oberkommando“ geraten, habe dabei die Dinge beim Namen genannt: „Das sind das Fehlen von Artilleriebekämpfung, das Fehlen von Artillerieaufklärungstechnik, den massenhaften Untergang und die Verwundungen unserer Brüder durch die Artillerie des Gegners.“
Der drahtige Generalmajor wurde offenbar nach einer Lagebesprechung des Oberkommandos der Ukraine-Streitmacht am Montag entlassen, bei der sich Popow angeblich mit Generalstabschef Waleri Gerassimow gestritten hatte. Laut dem Institute for the Study of War in Washington verlangte Popow eine Kampfpause für mehrere seiner Truppenteile und drohte, sich direkt an Präsident Putin zu wenden, Gerassimow warf ihm deshalb Panikmache und Erpressung vor.
Empörte Gladiatoren-Rhetorik
Der 48-Jährige hatte mit seiner Armee im Raum Saporischschja gekämpft, wo die ukrainischen Truppen Anfang Juni zur Gegenoffensive übergegangen sind.
Am Dienstagabend veröffentlichte der Duma-Abgeordnete und TV-Propagandist Andrej Guruljow Popows Rede auf seinem Telegramkanal. Das war ein politischer Skandal. Denn der gefeuerte General macht offen Front gegen seine Chefs: Die hätten ihn abgesetzt aus Angst, er könne ihnen gefährlich werden. „Das war ein Stoß unseres Hauptvorgesetzten von hinten, mit dem er im schwersten Moment unsere Armee verräterisch und gemein enthauptet hat.“ Kräftige Worte, die aber nicht klar benennen, wen Popow meint: Gerassimow oder Verteidigungsminister Sergej Schoigu? Aber seine von unbändig empörte Gladiatoren-Rhetorik lässt vermuten, dass er sich der Zustimmung seiner Offiziere und Mannschaften sicher ist. Und dass der seit Monaten rührende und Ende Juni im Putschversuch der „Wagner“-Truppe eskalierende Unmut an der Front weiter wächst.
Popows Klage über den massenhaften Untergang seiner Soldaten durch das feindliche Artilleriefeuer bestätigt außerdem die jüngsten westlichen Berichte über die Erfolge der ukrainischen Gegenoffensive.
Laut der Zeitschrift „Forbes“ hat die Ukraine seit deren Start auf dem Schlachtfeld im Süden der Region Donezk und in Saporischschja acht Geschütze und Raketenwerfer verloren, Russland aber 32. Die Monitoring-Gruppe Oryx, die die gesamte Front beobachtet, meldete sechs Geschütze und zwei Raketenwerfer der Ukraine als zerstört – gegenüber 25 Geschützen und 28 Raketenwerfern auf russischer Seite. „Die Ukraine“, meint „Forbes“, „gewinnt den Krieg der Artillerie.“
„Beseitigung von Andersdenkenden“
„Wagner“-Chef Jewgenij Prigoschin, ein Intimfeind Schoigus, hatte schon Wochen vor seiner Revolte von einer „katastrophalen Lage“ an der Saporischschja-Front geredet. Popows Auftritt lässt vermuten, dass viele hohe Offiziere diese Ansicht teilen. Und vielleicht auch General Sergej Surowikin, der Chef der russischen Luftstreitkräfte, der seit Prigoschins Putsch verschwunden ist. Er gilt als Prigoschin-Sympathisant und als Konkurrent Gerassimows, unklar ist, ob er kaltgestellt oder gar verhaftet wurde.
Das offizielle Moskau versucht, schönzureden. Der Chef des Duma-Ausschusses für Verteidigung, Generaloberst Andrei Kartapolow, sagte dem Portal „ura.ru“, die Probleme, die Popow ansprach, seien zur Kenntnis genommen worden. „Man hat ihn gehört und gesehen und wird Maßnahmen ergreifen.“
Aber es kursieren wilde Vermutungen, wie das geschehen soll. Der Telegram-Kanal „Dossje Schpiona“ schreibt, am Dienstag sei ein ukrainischer Marschflugkörper in dem Hotel in Berdjansk eingeschlagen, wo Iwan Popow wohnte. Nur habe sie statt ihm den Generalleutnant Oleg Zokow getötet. Der Kanal behauptet, unter den Soldaten vor Ort herrsche kein Zweifel, jemand habe die Koordinaten dem Feind zugespielt: „Beseitigung von Andersdenkenden im Stil des Generalstabs.“
