VonAndreas Apetzschließen
In geheimen Gesprächen zwischen Moskau und den USA sollen mehrere russische Eliten den Ukraine-Krieg als „Fehler“ bezeichnet haben. Ein Insider berichtet.
Washington D.C./Moskau – Die Fronten im Ukraine-Krieg verhärten sich weiter, auf beiden Seiten gibt es trotz hoher Verluste, nur geringfügige Fortschritte. Während sich die ukrainische Gegenoffensive nun bereits über mehrere Monate schleppt, scheinen die USA an einer diplomatischen Lösung zu feilen. Dazu soll es direkten, regelmäßigen Kontakt zwischen Moskau und Washington geben. Die unabhängige Zeitung The Moscow Times sprach mit einem Insider.
Russland und USA sollen regelmäßig geheime Gespräche führen
Ein ehemaliger US-Beamter, der direkt an Gesprächen zwischen Russland und den USA beteiligt gewesen sein soll, behauptete gegenüber The Mosow Times, dass es einen geheimen Austausch der beiden Staaten geben soll. Vertrauliche Quellen hätten bestätigte, dass es mindestens zweimal im Monat ein Online-Treffen zwischen den Staaten gebe. Ein weiterer ehemaliger Beamter bestätigte, er habe Moskau mindestens alle drei Monate besucht.
Ziel der Gespräche sei es, einen „gewissen Zugang zu den Überlegungen des Kreml“ zu erhalten. Um die andere Seite besser zu verstehen und zukünftige Konflikte zu vermeiden, habe man sich über die roten Linien des jeweils anderen ausgetauscht. Dies sei bislang jedoch nur mäßig erfolgreich gewesen. Das größte Problem bestünde derzeit darin, dass die russische Führung selbst nicht wisse, was sie will.
„Sie können nicht sagen, was für sie Sieg oder Niederlage ist. Tatsächlich habe einige hochrangige Personen in Gesprächen mit uns deutlich gemacht, dass sie diesen Krieg niemals wollten und ihn sogar als großen Fehler bezeichnet“, heißt es von einem an den Gesprächen beteiligten US-Diplomaten. Klar sei für Russland nur, dass man sich nun in einem Krieg befinde, in dem eine „demütigende Niederlage“ keine Option sei.
Russland wird im Ukraine-Krieg keine Gebiete abtreten
Ausschließlich im Punkt um die besetzten Gebiete in der Ukraine sei Russland deutlich geworden. Derzeit hält die russische Armee Gebiete im Osten und Süden des Landes, darunter weite Teile der beiden selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk, sowie die gesamte Halbinsel Krim. In den Geheimgesprächen habe Russland klargestellt, dass es nicht die Absicht habe, die bisherigen Landgewinne abzugeben, insbesondere nicht auf der Krim. „Wenn Russland glaubt, dass es die Krim verlieren könnte“, so der Ex-Beamte, „würde es mit ziemlicher Sicherheit auf taktische Atomwaffen zurückgreifen.“ Davor warnte auch zuletzt US-Präsident Joe Biden.
Das Angebot eines faireren Referendums in den besetzten Gebieten Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja, bei dem die Bewohner*innen darüber abstimmen sollten, ob sie Teil der Ukraine oder Teil Russlands sein wollen, wurde von Russland abgelehnt. Dabei soll sich die russische Führung auf die eigens durchgeführten Volksabstimmungen aus dem September 2022 berufen haben. Damals bestätigte der russische Präsident Wladimir Putin die Unabhängigkeit der ukrainischen Regionen. Die Abstimmungen gelten bis heute als manipuliert.
„Putin ist das größte Hindernis“: Sackgasse in Gesprächen mit Russland
Obwohl die USA seit geraumer Zeit regelmäßig mit Russland im Kontakt stünden, befände man sich derzeit in einer kommunikativen Sackgasse. „In der russischen Politik dreht sich nun alles um den Kriegsschauplatz, was es unmöglich macht in irgendeiner produktiven Form der Diplomatie zu betreiben“, zitiert The Moscow Times den Insider. Erschwerend kommt hinzu, dass Moskau international isoliert ist und sich auf jegliche Annäherungsversuche nur zurückhaltend zeige.
Jedoch liege das Problem weniger in der gesamten russischen Führung, sondern eher am russischen Präsidenten selbst. „Putin ist das größte Hindernis für jeden Fortschritt“, heißt es. Der Präsident habe mehrfache Kommunikationsversuche der USA verweigert. Aus diesem Grund, so der ehemalige Beamte, sollte Washington „anfangen, die russische Anti-Kriegs-Elite anzusprechen und mit ihr Fortschritte zu machen“.
USA dementiert geheime Kommunikation mit Russland
Wie viel Wahrheit in den Worten des früheren US-Beamten stecken, ist unklar. Tatsächlich stehen die Aussagen im deutlichen Gegensatz zum offiziellen Kurs der Biden-Regierung. Letztere verfolgt die Strategie, Russland zu schwächen und sein Aggressionspotenzial durch umfangreiche Waffenlieferungen an die Ukraine zu verringern.
The United States has not requested official or former officials to open a back channel, and is not seeking such a channel. Nor are we passing any messages through others.
— Adrienne Watson (@NSC_Spox) July 27, 2023
When we say nothing about Ukraine without Ukraine, we mean it.
Nach der Veröffentlichung des Berichts in der Moscow Times ließ die Reaktion des Weißen Hauses nicht lange auf sich warten. Die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates, Adrienne Watson, wies die Behauptung zurück, die USA hätten aktuelle oder ehemalige Beamte angewiesen, einen geheimen Kommunikationskanal zum Kreml zu eröffnen. Sie betonte, dass die USA auch keine Botschaften über Dritte übermitteln würden. Watson unterstrich nachdrücklich, dass die Aussage „keine Gespräche ohne die Ukraine“ wörtlich zu nehmen sei und man darauf beharre. (aa)
