VonFelix Durachschließen
Die ukrainischen Streitkräfte kämpfen seit zehn Monaten gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner. Ein italienischer Veteran erklärte nun, warum sie dennoch Erfolg haben.
Kiew - Diverse Militär-Experten rechneten zu Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar vergangenen Jahres mit einem schnellen und kompromisslosen Sieg der russischen Streitkräfte. Zu groß sei die Überzahl an Soldaten der russischen Armee gewesen. Zu deutlich der Unterschied bei den verfügbaren Waffensystemen. Doch knapp zehn Monate nach der russischen Invasion halten die ukrainischen Verteidiger weiter ihre Stellungen - und konnten auch eigene offensive Erfolge erzielen.
Der italienische Ex-Soldat und Veteran Orio Giorgio Stirpe analysierte nun in einem Gastbeitrag für das ukrainische Portal Kyiv Post die Gründe für die ausbleibenden Erfolge Russlands. Numerische Unterschiede zwischen den beiden Kriegsparteien seien bis zu einem gewissen Grad vernachlässigbar. Was im aktuellen Konflikt wirklich zähle, sei die Motivation der eingesetzten Soldaten.
Ukraine-Krieg: Italienischer Ex-Soldat ärgert sich über Vielzahl an „selbsternannten Experten“
Stirpe äußert in diesem Rahmen auch scharfe Kritik an einer Vielzahl „selbsternannten Experten“, die in den vergangenen Monaten Einschätzungen zum Ukraine-Krieg abgegeben hatten. Der italienische Ex-Soldat verglich in seinem Beitrag die Situation mit dem Beginn der Corona-Pandemie. Auch da habe es „unglaublich viele ‚Experten‘“ gegeben, „die ihr Wissen mit der breiten Öffentlichkeit teilen wollten“. Dort hätten sich viele „Experten“ zu Wort gemeldet, die nicht einmal über einen medizinischen Hintergrund verfügt hatten.
Ähnlich sei es nun im Ukraine-Krieg, befindet Stirpe. „Es überrascht nicht, dass die große Zahl der selbsternannten ‚Experten‘, die heute noch im Einsatz sind, größtenteils aus Akademikern, interessierten Zivilisten oder sogar Militärangehörigen bestehen, die noch nie außerhalb ihrer eigenen Büros in Kampfeinsätzen aktiv waren“, schrieb Stirpe. Diese Beobachter würden deshalb dazu neigen, den Kriegsverlauf allein an Hand von Kennzahlen - wie Truppenstärke oder Munitionsvorräten - zu analysieren. Diese Herangehensweise basiere „auf Effizienz und einer wirtschaftsorientierten Denkweise, die den menschlichen Faktor tendenziell unterschätzt“, so der Ex-Soldat.
Stirpe zählt sich selbst zu der deutlich kleineren Gruppen von Militärexperten, die auf eigene Erfahrung im Kampfeinsatz zurückblicken können. Der Ex-Soldat war während seiner Karriere in der italienischen Armee in Somalia, Bosnien, Kosovo, Liberia und Afghanistan im Einsatz.
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Ex-Soldat: Motivation der Streitkräfte entscheidend für Erfolge im Ukraine-Krieg
Auch deshalb kommt Stirpe bei Betrachtung des Ukraine-Kriegs zur folgenden Einschätzung: „Tatsache ist, dass es beim Kampf nicht so sehr um Zahlen geht, sondern um Männer: und nicht so sehr um die Anzahl der beteiligten Männer, sondern um ihre Qualitäten.“ Eine der grundlegenden Qualitäten im laufenden Krieg sei dabei die Motivation der sich im Kampfeinsatz befindenden Soldaten. „Wenn der Soldat keine Lust hat, sein Leben für eine Sache zu riskieren, an die er glaubt, wird alles andere nur eine Verschwendung sein“, erklärte der Italiener.
Hierbei sieht Stirpe auch den größten Unterschied zwischen den russischen Streitkräften und den Soldaten der ukrainischen Armee. Während die ukrainischen Soldaten um die Existenz ihrer Heimat und die Zukunft für ihre Familien kämpfen würden, befolge ein Großteil der russischen Soldaten lediglich Befehle, die sie selber nicht vollends verstehen. Deswegen habe sich auch die russische Teilmobilisierung als wenig effektiv herausgestellt. Nicht zwangsläufig, weil die Rekruten mangelhaft ausgebildet oder schlecht ausgerüstet seien. Sondern, weil sie „sich nicht motiviert fühlen, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und dem Tod ins Auge zu sehen.“
Ukraine-Krieg: Veteran sicher - Menschliche Qualitäten „entscheiden über die Geschichte“
Darum wird es für russische Streitkräfte wohl auch in den kommenden Monaten schwer werden, den anfangs angestrebten Sieg über die komplette Ukraine zu erzielen. „Menschliche Qualitäten, weit mehr als Waffenzahlen, entscheiden über die Geschichte“, zieht Stirpe sein Fazit.
Die Frontlinien in den umkämpften Gebieten der Ukraine haben sich in den vergangenen Wochen kaum verändert. Seitdem Rückzug russischer Truppen aus der Stadt Cherson im Süden des Landes, stagniert der Fortschritt auf beiden Seiten. Das ukrainische Militär rechnet im Frühjahr 2023 mit einer erneuten russischen Invasion vom Belarus aus. Dann könnten die Truppen des Kremls einen erneuten Vorstoß auf die ukrainische Hauptstadt Kiew unternehmen. (fd)
