Interview auf CNN

Selenskyj über Putin: „Nur eine Möglichkeit, aus Situation herauszukommen“ - doch Medwedew droht

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Rückt von seinem Ziel im Ukraine-Krieg keinen Zentimeter ab: Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht die Zeit für Verhandlungen nicht gekommen.
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Die Ukraine überrascht in diesem Krieg einmal mehr die Welt. Die Gegenoffensive scheint schneller voranzukommen, als alle Beobachter erwartet haben. Wolodymyr Selenskyj warnt und beweist einmal mehr Stärke.

München - Wolodymyr Selenskyj geriet während des Ukraine-Kriegs zu keiner Zeit in den Verdacht, am Erfolg seiner Truppen und am Durchhaltewillen seiner Bevölkerung zu zweifeln. Bei seinen patriotischen Auftritten seit dem Beginn der Invasion Russlands am 24. Februar präsentierte sich der Präsident in Kiew stets stolz und standhaft. Als die Führungsfigur, an der sich die teilweise verzweifelten Bürger aufrichten konnten. Und die ihnen selbst in dunkelsten Zeiten Orientierung und Halt gab.

Seit Beginn der erfolgreich angelaufenen Gegenoffensive der Verteidiger gegen die Besatzer hat der 44-Jährige zusätzlich Oberwasser gewonnen. Seine Position scheint auch im Vergleich zu Kreml-Chef Wladimir Putin enorm gestärkt zu sein. Im Falle von baldigen Verhandlungen würde er dem mächtigen Widersacher keineswegs wie ein Bittsteller gegenübertreten und alle Forderungen ergeben abnicken müssen.

Selenskyj und der Ukraine-Krieg: „Mit niemandem reden, der solche Ultimaten stellt“

Wobei Selenskyj in einem CNN-Interview auch verdeutlichte, weiterhin keinen Anlass dafür zu sehen, sich mit Putin und dessen Gefolge an einen Tisch zu setzen. „Zurzeit nicht. Ich sehe auf ihrer Seite keine Bereitschaft, konstruktiv zu sein“, beantwortete er die entsprechende Frage von Reporter Fareed Zakaria. Es sei ihm auch „egal, wer von ihnen Ultimaten stellt, er oder jemand anders. Ich werde mit niemandem reden, der solche Ultimaten stellt.“

Gerade erst hatte der frühere russische Präsident und Ministerpräsident Dmitri Medwedew über seinen Telegram-Kanal damit gedroht, Russland würde eine bedingungslose Kapitulation verlangen, sollte Kiew nicht zu den derzeitigen Bedingungen verhandeln wollen. Dazu zählen etwa die Abtretung der Gebiete Donezk und Luhansk in der Ostukraine, die Anerkennung der Halbinsel Krim als russisches Staatsgebiet, die „Entmilitarisierung“ der Ukraine oder der Verzicht auf einen Nato-Beitritt.

Kriegsopfer aus Stoff: Ukrainischen Soldaten ist bei ihrer Gegenoffensive eine russische Flagge in die Hände gefallen.

Selenskyj über Putin: „Würde es als russischen Kannibalismus bezeichnen“

Diese Forderungen nannte der einstige Hoffnungsträger für eine Liberalisierung Russlands „ein Kinderspiel“ im Vergleich zu möglichen künftigen Bedingungen. Bei Selenskyj verfängt diese Drohung aber wohl eher nicht. Vor allem mit dem Rückenwind der Gebietsgewinne im Osten und Süden. Bei CNN stellte der Staatschef dann auch klar, dass er von seinen Zielen nicht abrücken wird - und die decken sich eben überhaupt nicht mit den russischen Vorgaben.

„Unser Ziel ist es, unser gesamtes Territorium zurückzuerobern. Wir können es Russland nicht durchgehen lassen, die 2014 begonnene Eroberung fortzusetzen“, betonte Selenskyj, der mit Blick auf die Strategie des Gegners ergänzte: „Sie wollen sich uns häppchenweise, Stück für Stück, einverleiben. Das würde ich als russischen Kannibalismus bezeichnen.“

Video: Große Geländegewinne bei ukrainischer Gegenoffensive im Osten

Ukraine-Krieg und die Gegenoffensive: Selenskyjs Truppen „werden nicht stillstehen“

Das Ziel der ukrainischen Streitkräfte sieht ganz ähnlich aus: sich das Staatsterritorium peu a peu zurückholen. „Wir werden nicht stillstehen, wir werden uns langsam und schrittweise vorwärtsbewegen“, erklärte Selenskyj, der die Gelegenheit nutzte, das Minsker Abkommen infolge der Krim-Annexion der Russen zu kritisieren. Dieses würde es Putins Truppen ermöglichen, innezuhalten, ehe die Invasion fortgesetzt werde.

Eine klare Warnung an den Westen, der bei den damaligen Friedensgesprächen in der belarussischen Hauptstadt von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande vertreten wurde. Spätestens im Februar dieses Jahres scheiterte dieses Vorhaben krachend.

Selenskyj über eine Zukunft von Putin: „Es gibt für ihn nur eine Möglichkeit“

Längst hat auch Selenskyj verdeutlicht, wie groß die Differenzen zwischen den beiden Staaten sind. Russland und die Ukraine trennt demnach auch abseits der kriegerischen Auseinandersetzungen mehr als nur die Grenze. Allerdings wünscht er sich eine Zukunft ohne stets drohende Eskalationen: „Falls wir eine Einigung erzielen, nachdem sie unser Territorium verlassen haben, werden wir weiter als Nachbarn leben müssen.“

Ob ein Kriegsende auch möglich sei, falls Putin der starke Mann im Kreml bleibe, wollte Zakaria noch wissen. „Das hängt vor allem von ihm ab“, spielte Selenskyj den Ball zum bislang wenig einsichtigen Präsidenten in Moskau, fügte aber hinzu: „Es gibt für ihn nur diese eine Möglichkeit, aus dieser Situation herauszukommen. Einen anderen Weg gibt es nicht.“ Heißt: Rückzug aus der Ukraine und von der Krim sowie Anerkennung des Staatseigentums des westlichen Nachbarn.

Das war immer Selenskyjs Ziel. Vermutlich war er ihm nie so nah wie jetzt. (mg)

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