- VonBettina Menzelschließen
Neun von zehn Ukrainern halten einer aktuellen Umfrage zufolge auch Angriffe auf russisches Staatsgebiet für notwendig – doch die wenigsten von ihnen wollen Vergeltung.
Kiew - Am 24. Februar 2023 jährt sich der russische Überfall auf die Ukraine zum ersten Mal. Neun von zehn Ukrainern sind einer am Freitag vom Internationalen Institut für Soziologie in Kiew (KIIS) veröffentlichten Umfrage zufolge offenbar der Meinung, dass die Ukraine auch russisches Staatsgebiet angreifen sollte. Insgesamt fast 80 Prozent der Befragten sehen militärische Infrastruktur in Russland als legitimes Ziel an. Mehr als ein Drittel der Befragten (39 Prozent) halten im Ukraine-Krieg neben militärischen Strukturen auch Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur für notwendig.
Umfrage in ukrainischer Bevölkerung: 90 Prozent für Angriffe auf russisches Staatsgebiet
Über die Umfrage des KIIS
Das Internationale Institut für Soziologie in Kiew (KIIS) befragte vom 14. bis 22. Februar 2023 insgesamt 2.002 Personen ab 18 Jahren via computergestützten Telefoninterviews. Die Handynummern wurden den Forschern zufolge zufällig ausgewählt. Die Befragten befanden sich in allen Regionen der Ukraine, mit Ausnahme der Halbinsel Krim und bestimmten Gebieten der Regionen Donezk und Luhansk. Die Meinung von Ukrainern, die sich im Ausland aufhielten, floss nicht in die Umfrage ein.
Von den insgesamt 2.002 Befragten gaben 90 Prozent an, dass sie es für notwendig halten, auch Angriffe auf russisches Staatsgebiet durchzuführen. Die größte Unterstützung für Angriffe auf russisches Territorium kam der Umfrage zufolge aus dem Osten der Ukraine. Diese Region des Landes hatte seit Beginn des Krieges die Hauptlast der russischen Angriffe zu tragen.
Die meisten der Befragten sprachen sich für die Notwendigkeit von Angriffen auf russisches Staatsgebiet aus, die wenigsten von ihnen waren allerdings für blinde Vergeltung. Mehr als ein Drittel (38 Prozent) war der Meinung, dass militärische Infrastruktur das Ziel sein sollte. Weitere 39 Prozent gehen der KIIS-Umfrage zufolge davon aus, dass es notwendig ist, sowohl auf militärische Standorte als auch auf die russische Energieinfrastruktur abzuzielen. Die Diskussion „neben militärischen Zielen auch Energieziele zu treffen“ spiegele „offensichtlich den Wunsch nach Rache“ jener Ukrainer wider, die wüssten, wie es ist „lange ohne Strom zu sein“, so die Interpretation des Instituts für Soziologie.
Umfrage in ukrainischer Bevölkerung: Ukrainer bewahren Menschlichkeit im Krieg
Etwas mehr als jeder Zehnte (13 Prozent) gab an, dass wahllos auf russisches Staatsgebiet gezielt werden könne – entsprechend dem russischen Vorgehen gegen die Ukraine. Sieben Prozent der Befragten sprachen sich hingegen gegen jegliche Art der Angriffe auf russischem Gebiet aus. „Trotz allem bewahren die Ukrainer nicht nur die Einheit, sondern auch die Menschlichkeit“, kommentierte der Direktor des Internationalen Institut für Soziologie in Kiew, Anton Hrushetsky, die Ergebnisse.
Inwiefern diese Veröffentlichung die Meinung aller Ukrainer widerspiegelt, lässt sich nicht abschließend sagen. Umfragen stellen generell nur Momentaufnahmen dar, statistische Abweichungen sind möglich. Insbesondere in Kriegszeiten ist es schwierig, das Meinungsbild in der Bevölkerung repräsentativ einzufangen. „Unter Kriegsbedingungen kommt zu dem angegebenen Formfehler noch eine gewisse systematische Abweichung hinzu“, so der KIIS-Direktor Hrushetsky. Insgesamt gehe er aber von repräsentativen Ergebnissen aus, hieß es in einer Mitteilung des KIIS weiter.
Das bedeuten die Umfrageergebnisse aus völkerrechtlicher Sicht
Russland führt seit Monaten immer wieder gezielt Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine durch, um die ukrainische Bevölkerung zu terrorisieren und die Moral zu brechen. Millionen Ukrainer mussten mitten im Winter stundenlang ohne Strom und Heizung ausharren. Bei gezielten Angriffen auf die Energieinfrastruktur handelt es sich um einen Bruch des Völkerrechts, die „Regeln des Krieges“ erlauben lediglich Angriffe auf militärische Ziele. Allerdings gilt die Beweislage als schwierig, da womöglich auch Energieinfrastruktur indirekt militärischen Zwecken dienen könnte.
„Militärische Ziele [sind] nur solche Objekte, die aufgrund ihrer Beschaffenheit, ihres Standortes, ihrer Zweckbestimmung oder ihrer Verwendung wirksam zu militärischen Handlungen beitragen und deren gänzliche oder teilweise Zerstörung, deren Inbesitznahme oder Neutralisierung unter den in dem betreffenden Zeitpunkt gegebenen Umständen einen eindeutigen militärischen Vorteil darstellt“, heißt es dazu auf der Seite des Bundesverteidigungsministeriums. Russische Energieinfrastruktur anzugreifen könnte demnach gegen das Völkerrecht verstoßen, willkürliche Angriffe auf Staatsgebiet und damit auch auf die Zivilbevölkerung wären in jedem Fall ein Bruch des humanitären Völkerrechts.
Waffen werden nicht gegen russisches Staatsgebiet eingesetzt
Die USA gaben Anfang Februar bekannt, der Ukraine auch Waffen mit größerer Reichweite zu liefern. Die sogenannten GLSDB-Raketen haben eine Reichweite von rund 150 Kilometern – und damit etwa doppelt so viel wie die Raketen, über die die Ukraine bisher verfügte. Doch auch wenn es technisch möglich wäre, russisches Kernland anzugreifen, ist das nicht das Ziel der Verteidiger.
„Wir sagen unseren Partnern immer, dass wir uns verpflichten, die Waffen ausländischer Partner nicht gegen das Staatsgebiet Russlands, sondern nur gegen ihre Einheiten in den zeitweise besetzten Gebieten der Ukraine zu verwenden“, bekräftigte der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow am 5. Februar. Dies ist aus Sicht von Militärexperten wichtig, um eine Ausweitung des Konflikts zu vermeiden. Der Westen steht zwar fest an der Seite der Ukraine und unterstützt das Land unter anderem mit Waffenlieferungen, andererseits liegt das Augenmerk der NATO darauf, nicht selbst Kriegspartei zu werden.