USA schicken Spezialflugzeug

Nato reagiert auf Lage am AKW Saporischschja: „Nuke-Sniffer“ fliegt aktuell über Europa

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Plant Russland möglicherweise einen Anschlag auf das AKW Saporischschja in der Ukraine? Diese Sorge treibt die Nato derart um, dass sie jetzt ein Spezialflugzeug über Europa patrouillieren lassen.

Kiew – In den letzten Tagen hatte die Situation am AKW Saporischschja weltweit zu erheblicher Besorgnis geführt. Aufgrund wiederholter Warnungen seitens Russland und der Ukraine über angebliche Angriffspläne der jeweils anderen Seite hatte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) die Forderung nach erweitertem Zugang zu der Anlage erhoben. Dadurch soll überprüft werden, ob sich Minen oder Sprengstoff auf dem Gelände des Kraftwerks befinden.

Jetzt hat sich die Lage im Süden der Ukraine nach Angaben der ukrainischen Armee etwas beruhigt. „Die Spannungen lassen allmählich nach“, sagte eine Armeesprecherin am Donnerstag (7. Juli). Dies sei den militärischen und diplomatischen Bemühungen Kiews sowie den ausländischen Partnern der Ukraine verdanken, die ebenfalls „Druck auf Russland ausgeübt“ hätten.

Eine WC-135C/W „Constant Phoenix“. (Archivbild)

AKW Saporischschja: Gegenseite Vorwürfe der Kriegsparteien

Das ukrainische Militär hatte den russischen Besatzern unter anderem vorgeworfen, „sprengstoffähnliche Gegenstände“ auf den Dächern zweier Reaktoren angebracht zu haben. Ihre Detonation solle „den Eindruck eines Beschusses von ukrainischer Seite“ erwecken. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow warnte wiederum vor einem „subversiven Akt durch das Regime in Kiew“.

Kopfzerbrechen macht der Nato die Lage in Saporischschja derzeit aber noch immer, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet. Die Atomanlage besteht aus sechs Reaktoren, die zwar schon vom Netz genommen wurden, aber weiterhin gekühlt werden müssen, so das RND. Im Juni wurde die Kühlung des AKW Saporischschja durch die Sprengung des Kachowka-Staudamms beeinträchtigt. Darüber hinaus haben nach Angaben der Ukraine russische Soldaten das Kühlsystem in Saporischschja inzwischen mit Minen versehen. Schon zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einem russischen „Terroranschlag mit Strahlungsaustritt“ in Saporischschja gewarnt.

„Atomschnüffler“ Constant Phoenix: Nuke-Sniffer könnte Hilfe sein

Sollte es aber zur Katastrophe, einem Brand oder gar einer Explosion kommen, könnte der Wind radioaktive Partikel weit durch die Luft tragen. In diesem Fall könnte ein Flugzeug der USA, der „Atomschnüffler“ Constant Phoenix, genaue Daten zur Belastung der Luft in diversen Regionen Europas liefern. Die Constant Phoenix ist ein Spezialflugzeug zur Entnahme von Luftproben, um das Vorhandensein von auffälligem Kernmaterial zu untersuchen.

Eine solche Maschine, intern „Nuke-Sniffer“ genannt, ist in dieser Woche aus dem US-Bundesstaat Nebraska kommend auf Kreta gelandet. Das Flugzeug, vollgestopft mit Hightechanlagen, ist unterwegs in spezieller Mission, wie das RND schreibt. Der Nuke-Sniffer erregte erstmals im Jahr 1986 in Europa Aufmerksamkeit. Damals spielte das fliegende Physiklabor eine entscheidende Rolle bei der Erforschung der genauen Auswirkungen der Tschernobyl-Reaktorkatastrophe durch Luftmessungen.

Nach Einschätzung westlicher Experten wäre ein Anschlag auf das AKW Saporischschja insgesamt weniger gravierend als der GAU von Tschernobyl. Die ukrainischen Behörden planen zunächst eine Evakuierung der Einwohnerinnen und Einwohner im Umkreis von lediglich 50 Kilometern. Entsprechende Evakuierungsübungen und Planspiele sind bereits im Gange.

Nuke-Sniffer inzwischen in England

Auf Kreta blieb das Spezialflugzeug der USA jedenfalls nicht lange. Bereits am vergangenen Donnerstag wurden neue Aktivitäten des mysteriösen „Atomschnüfflers“ bekannt. Er startete von Kreta und wurde bald darauf über den Niederlanden gesichtet. Schließlich landete er etwa 100 Kilometer nordöstlich von London auf der britischen Air Force Base Mildenhall. Interessierte Laien konnten auch diesen Flug mithilfe von kommerziell erhältlichen Flight-Tracker-Apps verfolgen. Im Gegensatz zu russischen Militärmaschinen, die sich oft mit deaktivierten Transpondern dem Westen nähern, blieb der Nuke Sniffer rund um die Uhr erkennbar.

„Derzeit gilt das Motto ‚sehen und gesehen werden‘“, wird ein langjähriger Nato-Insider vom RND zitiert. Der Nato liegt offensichtlich viel daran, dass der Kreml registriert, was alles wahrgenommen wird: „Moskau soll sich beobachtet fühlen.“ Vielleicht wird aber ein Einsatz vom Nuke Sniffer über der Ukraine gar nicht nötig sein. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) kommt nach eigenen Angaben bei der Inspektion mehrerer Teile des Atomkraftwerks Saporischschja voran. „Ich denke, wir machen Fortschritte“, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi am Freitag (7. Juli) bei einem Besuch in Tokio. „Wir konnten die Besichtigungen der Kühlbecken und anderer Orte abschließen.“ Es seien „keine Hinweise auf Sprengstoff oder Minen“ gefunden worden. (skr)

Rubriklistenbild: © IMAGO / piemags

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