US-Firma mit Monopol

Ukraine-Krieg: Warum auch Satellitenbilder Teil einer Propaganda sein können

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Das Satellitenbild zeigt brennende Gebäude in Mariupol.
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Satellitenbilder aus Mariupol, Kiew, von Truppenbewegungen Russlands an der Grenze der Ukraine: Wie objektiv sind sie wirklich?

New York - Den eskalierenden Ukraine-Konflikt begleiten schon seit Beginn des russischen Angriffs Bilder aus der Luft: Wer genau hinsieht, entdeckt am Rand der Aufnahmen fast immer den gleichen Urheber - Maxar Pictures. Das liberale US-Politikmagazin New Republic warnt jetzt: Die Bilder weisen teilweise die gleichen Merkmale auf, die auch Propaganda kennzeichnen würden.

Dabei scheint ein Bild aus der Luft zunächst absolut objektiv zu sein: Nichts kann sich der Kamera entziehen und die Perspektive scheint eindeutig - kein Fotograf, der einen Ausschnitt heranzoomt oder etwas anderes bewusst nicht zeigt. Doch: Ist das wirklich so?

Ukraine-Krieg: Firma Maxar arbeitet eng mit US-Regierung zusammen - und ist nicht neutral

Um die Satellitenbilder in dieser Qualität anbieten zu können, verwendet die Firma Maxar nach Angaben von New Republic hoch spezialisierte Technik. Dazu zählen künstliche Intelligenz und Maschinenlernen, 3D-Aufnahme-Technologien und Aufnahmetechnologien aus Satelliten, die alle auf die Bedürfnisse der US-Regierung und ihrer Verbündeten ausgerichtet entwickelt wurden. Nach Firmenangaben stammen 90 Prozent des Wissens der US-Verteidigung in diesem Bereich von Maxar.

Eine Luftaufnahme von Mariupol: Sie zeigt das bombardierte Theater der Hafenstadt. Dort starben vor mehreren Tagen übereinstimmenden Berichten zufolge rund 300 Menschen.

Das nationale Aufklärungsbüro des US-Verteidigungsministerium zahle mehrere Hundert Millionen US-Dollar pro Jahr an Maxar und sei der wichtigste Kunde. Und welche Bilder zu welchem Zeitpunkt aufgenommen werden, sei bei Maxar oft abhängig vom Kundenauftrag. „Einmal aufgenommen, werden die Bilder archiviert und jedermann kann sie kaufen“, sagt Laura Kurgan von der Columbia University. Dabei hätten sowohl Mitarbeiter als auch Kunden keinen Einblick, in wessen Namen das Bild aufgenommen wurde, das sie einsetzen.

Dem pensionierten Navy-Admiral James Stavridis zufolge, würde das US-Militär vor einem Bildauftrag die Firma Maxar mit Informationen aus Geheimdiensten beliefern - wann ein Bild entsteht, sei also alles andere als zufällig. Viele der Bilder entstünden laut News Republic so zu Truppenbewegungen über militärische Gegner der USA - und wenige bis gar keine über die eigenen Truppenbewegungen oder die der Verbündeten. Damit könnten die Bilder nicht als neutral bewertet werden.

Ukraine-Krieg: Satellitenbilder könnten kriegerische Aktionen befeuern

Was die Bilder auch nicht könnten: Die Situation der Menschen vor Ort darstellen. Regionen aus der Luft abgebildet - etwa Kiew als Ort des Konflikts mit Russland – wirkten auf den Satellitenbildern wie Chaos, das nur militärisch in den Griff zu kriegen sei. Als Beispiel nannte er Satellitenbilder des Kabuler Flughafens vom August 2020. Sie hätten den Eindruck von einer Militäroperation gemacht - die mit Waffen und Flugzeugen zu lösen sei -, aber die Verzweiflung der auf den Rollbahnen zurückbleibenden Menschen nicht vermittelt. Und dies mache die Bilder wiederum zu einseitigen und alles andere als objektiven Darstellungen.

Konflikte, Kriege, Militäroperationen: Genau hier müsse man hellhörig werden, sagt der Propaganda-Experte Cory Wimberly, Professor an der University of Texas Rio Grande Valley. Die Bilder von Maxar würden häufig ein Bild von Bedrohungsszenarien für die USA zeichnen. Zwar habe sich Maxar auf der Website für Frieden und gegen den Krieg in der Ukraine ausgesprochen, würde aber gleichzeitig weiter Bilder der Bedrohung durch Russland oder China liefern.

Wenn jemand Geld mit Bildern aus Kriegsregionen verdiene, könne man auch unterstellen, dass weitere Konflikte auch im Interesse der Firma sein könnten.

„Wenn die Art, wie man Geld verdient, auf Konflikten und Kriegen beruht, dann wird man sich auch Gelegenheiten suchen, in Konflikte und Kriege involviert zu werden.“

Cory Wimberly, Experte für Propaganda

Ukraine: Krieg wird mit Hilfe von Satellitenbildern erklärt

Nicht zuletzt würde der Ukraine-Krieg in den Medien vielfach mit Hilfe der Satellitenbilder erklärt. So hätten US-Experten mit Bezug auf Bilder von russischen Hubschrauberflotten für eine Flugverbotszone gegen Putin argumentiert.

Das Satellitenbild, aufgenommen am Dienstag (15.03.2022), zeigt einen Truppenkonvoi der russischen Armee.

Doch das sei keineswegs trivial: „Wir leben in einer Welt der Bilder in den Medien, aber wir können sie immer noch nicht gut verstehen“, sagte Wimberly. Die Betrachter verstünden viel zu wenig, wie stark Bilder den Fokus, die Prioritäten und die Werte bestimmten. „Wie stark uns Bilder wirklich beeinflussen, hängt oft davon ab, wie sehr man genau das verschleiern kann“, meint er.  

Es sei etwa auch für Laien erkennbar, dass ein Bild eine Militärbasis zeigt, auf der Bewegungen stattfinden.

„Aber was dort genau gemacht wird, und welche Einheiten sich bewegen - dafür braucht es viel mehr Spezialwissen. Und das haben nur Militärexperten.”

Hans Kristensen, Direktor des Nuclear Information Project der Vereinigung US-amerikanischer Wissenschaftler

Dass ein Bild auf Laien leicht verständlich wirkt, könnte also ein Einfallstor für Manipulation sein: Man sei schnell bereit, sich eine Meinung zu bilden - ohne den Kontext des Bildes zu hinterfragen.

Ukraine-Krieg: Empfehlungen zum Umgang mit Satellitenbildern

Bei aller Debatte über die Satellitenbilder der USA - die Propaganda der russischen Kriegsmaschinerie trägt andere Züge. Putin hat nicht nur die Geschichte Russlands umschreiben lassen, sondern erließ Gesetze zur Unterdrückung von Andersdenkenden, die mit drastischen Strafen rechnen müssen. Moskaus Version der Wahrheit verbreitet der Chefpropagandist von Putin, Dmitir Peskow.

News Republic empfiehlt allerdings auch: Wer Satellitenbilder in Medien veröffentlicht oder betrachtet, sollte mehrere Punkte beachten, wie Lisa Parks, Professorin für Kommunikation an der Santa Barbara University, anführt:

  • Vorher- und Nachherbilder betrachten
  • Satellitenbilder durch Fotos von der Situation vor Ort ergänzen
  • Aufnahmezeitpunkt und Urheber nennen
  • Informationen zum Kontext suchen

„Satellitenbilder sollten nie der Endpunkt einer Diskussion sein“, so Parks, „sondern immer nur ein Anfang“. Alle Hintergründe finden Sie hier: Der Ukraine-Krieg kurz erklärt. (kat)

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