Probleme auch nach dem Krieg

Waffenschmuggel aus der Ukraine nach Europa? Finnischer Ermittler warnt – auch Clans haben „großes Interesse“

+
Die Ukraine braucht Waffen zur Verteidigung gegen Russland. Doch es gibt auch die Sorge vor Schmuggel nach Europa.
  • schließen

Die westlichen Lieferungen an die Ukraine seien gut, sagt ein finnischer Ermittler. Allerdings könne Schmuggel Europa vor Probleme stellen – „auf Jahrzehnte hinaus“.

Update vom 3. November: Sind Waffen aus der Ukraine zu Kriminellen nach Finnland gelangt? Ein Bericht des finnischen Sender YLE konnte diesen Eindruck erwecken. Die Polizei des skandinavischen Landes hat entsprechende Meldungen nun aber dementiert.

„Aufgrund des Interviews mit unserem Experten haben die Menschen möglicherweise den Eindruck gewonnen, dass bereits Waffen nach Finnland geschmuggelt wurden. Wir haben jedoch keine Beweise für ein solches Phänomen“, erklärte der stellvertretende Direktor der Strafverfolgungsbehörde NBI, wie Correctiv berichtet. Ziel sei es gewesen, auf die Gefahr hinzuweisen, dass sich in Finnland tätige Kriminelle Waffen „aus Konfliktgebieten“ beschaffen.

In den deutschen Medien sei diese Richtigstellung zunächst nicht angekommen. Lobend erwähnte Correctiv aber die Berichterstattung von Merkur.de: Hier sei die Meldung von Anfang an als Vermutung eingeordnet worden.

Waffenschmuggel aus der Ukraine nach Europa? Finnischer Ermittler warnt – auch Clans haben „großes Interesse“

Meldung vom 31. Oktober: Helsinki/Kiew – Der Westen liefert seit Beginn des russischen Angriffskrieges Waffen in die Ukraine. Möglich scheint, dass zumindest ein kleiner Teil leichteren Kriegsgeräts zurück in die EU fließt – und in den Händen der Organisierten Kriminalität landet. Das berichtet der finnische Rundfunk YLE unter Berufung auf örtliche Polizeikräfte. Es geht offenbar um Schusswaffen und Munition, darunter auch Sturmgewehre. Aber auch um noch gefährlicheres Gerät. Heikel könnte zudem vor allem die Zeit nach einem Ende des Ukraine-Kriegs werden.

„Wir sehen Anzeichen dafür, dass es diese Waffen bereits hier in Finnland gibt“, sagte Christer Ahlgren, Kriminaloberkommissar der finnischen Zentralkriminalpolizei, dem Sender. Ursprünglich in die Ukraine gelieferte Waffen seien auch in Schweden, Dänemark und Holland aufgetaucht, „an anderen Orten in Europa“ gar Panzerfäuste. Ahlgren leitet laut YLE eine Einheit für die Bekämpfung Organisierter Kriminalität.

Ukraine-Krieg: Warnungen vor Waffenschmuggel – doch auch Russland könnte hinter Angeboten stecken

Die Warnung vor Waffenschmuggel ist nicht neu. Bereits im Juli schrieb Europol in einem Brief an den EU-Rat von entsprechenden Bestrebungen. Zuletzt gab es auch einen konkreten Bericht über Schmuggel in die andere Richtung: In Lettland stoppten Ermittler einen Transport potenziell gefährlichen Geräts gen Russland, wie fr.de berichtete.

Die Grenzen sind also ein neuralgischer Punkt. Die Lage ist gleichwohl durchaus komplex: Europol erklärte auch, Anzeigen beispielsweise im Darknet zum Verkauf von Waffen aus der Ukraine könnten Teil russischer Propaganda sein. Auf Anfrage des Rechercheprojekts Correctiv stellte die Behörde zudem klar, ihre Warnung habe sich auf „Kleinwaffen“ bezogen. Im Falle Finnlands scheint es nun auch eher um international agierende Banden zu gehen, denn um mutmaßlichen oder vermeintlichen Waffenverkauf über das Internet.

Ukraine-News: Skandinavien fürchtet neue Waffen für Banden und Clans aus dem Kriegsgebiet

„Wir haben zahlreiche Informationen darüber, dass kriminelle Organisationen sehr großes Interesse an diesen Waffen haben, die an die Ukraine geliefert wurden“, erklärte Ahlgren weiter. Im Fokus stehe dabei auch eine Nutzung nach Ende des Krieges. Kriminelle Verbindungen von Finnland in die Ukraine gebe es bereits, etwa im Falle des Rockerclubs Bandidos. Alte Kontakte würden nun bereits mit Blick auf eine Nachkriegszeit reaktiviert.

YLE verwies in dem Bericht auf ähnliche Erfahrungen nach anderen Kriegen: So seien etwa nach den Jugoslawien-Kriegen Waffen nach Schweden geflossen – diese seien nun eine Grundlage für die immer wieder eskalierende Gewalt zwischen Banden in schwedischen Großstädten. Auch in Finnland wachse der Einfluss von Clans, warnte Ahlgren.

„Russland lässt Waffen zurück“: Finnischer Ermittler rechnet mit Problemen nach Ukraine-Krieg

Das Problem in der Ukraine beschränke sich zugleich nicht auf Waffenlieferungen des Westens: „Auch Russland lässt Waffen zurück.“ Es sei unmöglich zu sagen, wie viele Waffen es in der Ukraine gebe und in wessen Besitz sie sich befänden. Es sei gut, dass die Ukraine mit Waffen versorgt werde, betonte der Oberkommissar. „Aber wir werden mit diesen Waffen auf Jahrzehnte hinaus zu tun haben und wir werden einen Preis dafür bezahlen“, fügte er hinzu.

Notwendig sei es deshalb, frühzeitig einzugreifen und Schmugglerrouten zu schließen. Möglich sei das prinzipiell – unter anderem, weil sich auch die Organisierte Kriminalität online vernetze und dabei Datenspuren hinterlasse. Laut Ahlgren gibt es in Finnland aber nicht genügend Polizeikräfte um die großen Datenmengen zu analysieren. Zugleich seien etwa die Sicherheitskontrollen für Hafenmitarbeiter zu gering. (fn)

Kommentare