VonMarcus Mäcklerschließen
Ist Wagner-Chef Prigoschin abgeschrieben? Angeblich will das russische Militär Söldner-Gruppen aufbauen, die leichter zu kontrollieren sind.
München – Anfang der Woche schickte Jewgeni Prigoschin mal wieder ein Video in die Welt. Zu sehen: Er, prahlend, mit einer russischen Flagge in den Händen. Man habe die hart umkämpfte ukrainische Stadt Bachmut „rechtlich“ erobert, sagte Prigoschin etwas kryptisch. „Das ist die private Militärfirma Wagner, das sind die Jungs, die Bachmut eingenommen haben.“
Es war der jüngste von vielen behaupteten Durchbrüchen in Bachmut, einer übrigens, zu dem sich das Verteidigungsministerium bis dato nicht geäußert hat. Das wundert nicht, denn das Verhältnis zwischen regulärer Armee und der Söldner-Gruppe ist tief zerrüttet. In dem Streit geht es nicht zuletzt darum, wer für Erfolge und Misserfolge in der Ukraine verantwortlich ist. Prigoschins kleiner Wagner-Werbeblock war deshalb bewusst gesetzt.
Fühlt sich der Kreml von Prigoschin bedroht? Moskau plant wohl eigene Söldner-Gruppe
Dass er ihm nutzt, kann man bezweifeln. Denn glaubt man dem für gewöhnlich gut informierten britischen Verteidigungsministerium, dann arbeitet Russlands Militärführung daran, Wagner-Konkurrenten aufzubauen. Letztlich gehe es darum, die ebenso berüchtigte wie einflussreiche Söldner-Gruppe „in ihrer bedeutenden Kampf-Rolle in der Ukraine zu ersetzen“, teilte London am Dienstag mit. Die Militärs wollten schlicht eine Gruppe schaffen, die besser zu kontrollieren sei.
Tatsächlich fiel Prigoschin in der Vergangenheit oft als unkalkulierbarer Charakter auf. Er kritisierte die Militärführung und ihre Strategie immer wieder öffentlich, auch Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Das Ministerium reagierte mit kleinen Schikanen, untersagte Prigoschin etwa, weiterhin Häftlinge für seine Armee anzuwerben, und geizte wohl auch mit Nachschub an Munition. Prigoschin wiederum nannte das „Verrat“ und drohte mit dem Abzug seiner Kämpfer.
Zuletzt mäßigte der 61-Jährige seinen Ton etwas, fand sogar verhalten lobende Worte für Russlands Militärs. Die US-Denkfabrik „Institute for the Study of War“ schlussfolgerte, daraus spreche die Angst, es sich vollends mit Moskau zu verscherzen und die Söldner-Gruppe in der Schlacht um Bachmut ganz zu verlieren.
Putin auf Prigoschin angewiesen – Verzicht auf Wagner ist laut britischen Einschätzungen schwierig
Der Kreml will sich Prigoschins Querschüsse wohl nicht länger als nötig antun, angeblich ist er auch bei seinem alten Freund Wladimir Putin in Ungnade gefallen. Ein völliger Verzicht auf Wagner dürfte aber schwer werden. Keine andere Söldner-Armee komme derzeit an die „Größe und Kampfstärke“ Wagners heran, heißt es aus London. Das gilt für die Ukraine, aber auch für all jene Teile der Welt, in denen die Kämpfer aktiv sind, vor allem in Afrika. Dort vergrößern sie Russlands Einfluss seit Langem. Gerüchte, Wagner wolle sich künftig wieder auf Afrika statt auf die Ukraine fokussieren, wies Prigoschin zurück.
Wagner gilt als gnadenlos, auch den eigenen Leuten gegenüber. Im Kampf um Bachmut sollen sie zu Tausenden als Kanonenfutter eingesetzt worden sein, vor allem ehemalige Häftlinge, die Prigoschin mit dem Versprechen anwarb, nach ihrem Kampfeinsatz seien sie frei. Ende März prahlte er denn auch damit, 5000 Ex-Gefangene freigelassen und sie „erzogen“ zu haben. Jüngst wurde aber der Fall publik, der das Gegenteil beweist: Ein verurteilter Mörder, von Wagner angeworben und nach seinem Ukraine-Einsatz begnadigt, ermordete kurz nach seiner Rückkehr in die Heimat eine Rentnerin.
Mit Prigoschin und seiner Truppe mag Moskau Probleme haben, im Grundsatz findet man den Einsatz von Söldnern aber gut. Sie würden besser bezahlt und seien aus Kreml-Sicht effektiver als reguläre Truppen. Außerdem würden ihre Verluste in Russland eher toleriert.
