VonJens Kiffmeierschließen
Verzweifelter Abwehrkampf: Die Ukraine stemmt sich gegen Russlands Übermacht. Doch Waffen und Munition werden knapp. Bleibt am Ende nur der Partisanen-Krieg?
Kiew – Zu wenig Waffen und hohe Verluste: Die Verteidigung der östlichen Landesteile gegen die russischen Angreifer fällt der Ukraine offenbar immer schwerer. So gilt eine militärische Besetzung des kompletten Donbass durch Russland in Fachkreisen nicht mehr als ausgeschlossen. Noch sei der Osten nicht an Wladimir Putin verloren, aber „es sieht schlecht aus“, sagte der Militärexperte Carlo Masala im Interview mit der Zeitung Die Welt. Ein Ende des Ukraine-Krieges sei damit aber längst nicht in Sicht. Seine Vermutung: Die Ukraine verlagert ihre Taktik zunehmend auf einen Partisanenkampf. In Kiew übt man sich bereits in Durchhalteparolen.
Ukraine-Krieg: Im Kampf gegen Russland rechnen Militärexperten zunehmend mit Partisanen-Kampf
Die genaue militärische Lage ist unübersichtlich. Fest steht: Die Kämpfe in der Ostukraine stecken fest. Seit Wochen verändert sich der Frontverlauf im Ukraine-Krieg nur minimal. Dennoch bezifferte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Überlegenheit der russischen Artillerie auf ein Verhältnis von 20:1. Dennoch hält die ukrainische Armee den Angriffen mühsam stand. Doch die Waffen und die Munition gehen den Verteidigern allmählich aus.
„Vieles hängt jetzt davon ab, wie schnell der Nachschub aus dem Westen kommt“, sagte Militärexperte Masala. So wurden aus der Europäischen Union, aber auch aus den USA Panzer und moderne Raketenwerfer versprochen. Doch selbst bei schneller Auslieferung stellen diese laut Masala „keinen Gamechanger“ dar. Sie könnten aber helfen, den verzögerten Vormarsch der russischen Truppen weiter zu verlangsamen. Wahrscheinlicher sei es aber, dass bis dahin die ukrainische Armee versuchen werde, Putins Truppen in einen Partisanen- und Häuserkampf hereinzuziehen.
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Bereits seit Wochen beklagt die Regierung in Kiew die schleppende Unterstützung aus dem Westen. Vor allem Deutschland mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zog sich wegen seiner Zögerlichkeit viel Kritik zu, unter anderem der Blockade von 50 geforderten Marder-Panzern. In der ARD pochte Außenminister Dmytro Kuleba am Sonntagabend erneut auf mehr Hilfe. „Wenn wir keine Waffen erhalten, in Ordnung“, sagte er in der Talksendung von Anne Will und schob trotzig hinterher: „Dann werden wir mit Schaufeln kämpfen, aber wir werden uns verteidigen, denn dieser Krieg ist ein Krieg um unsere Existenz.“
Ukraine-Krieg: Partisanen sind seit Beginn des Kampfes gegen Wladimir Putin und die Besatzer im Einsatz
Die Ansage von Kuleba klang bereits nach Durchhalteparole. Dabei sind die Ukrainerinnen und Ukrainer seit Beginn des Ukraine-Krieges auf den Partisanenkampf gepolt. In den ersten Kriegstagen hatte Putins Armee auch noch parallel zur Ostukraine die Besetzung der Hauptstadt Kiew im Visier. Doch der Vormarsch scheiterte am Widerstandsgeist der Bevölkerung, die Truppenbewegungen ausspionierte, Hinterhalte organisierte und Molotow-Cocktails vorbereitete.
Hohe Verluste im Ukraine-Krieg lassen die Moral bröckeln – auf beiden Seiten
Doch mittlerweile hinterlassen die andauernden und zermürbenden Dauergefechte deutliche Spuren im Widerstandsgeist. Nachdem zuletzt in der russischen Armee die Zahl der Deserteure stark angestiegen ist, scheint jetzt auch auf Seiten der Ukraine die Moral stark zu bröckeln. Das berichteten sowohl der ukrainische und britische Militärgeheimdienst laut der Süddeutschen Zeitung in öffentlichen Kommentaren. Dies liege vor allem an den hohen Verlusten. Demnach fallen täglich 200 bis 500 ukrainische Soldaten den Kämpfen zum Opfer. Bei den russischen Truppen soll die Zahl der Todesopfer noch gewaltiger ausfallen, weswegen Putins Soldaten dort vermehrt zu meutern beginnen.
Rubriklistenbild: © Evgeniy Maloletka/dpa

