„Beschlossen, dass es genug ist“

Warum starb Nawalny genau jetzt? Experten zeigen Putins mögliche Botschaft auf

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Der Tod von Alexej Nawalny sorgt für Bestürzung. Völlig unerwartet kommt er nicht. Experten ordnen ein, was dahinter stehen könnte.

Moskau – „Sein Widerstand gegen ein System der Unterdrückung hat ihn das Leben gekostet.“ Mit diesen Worten reagierte Frankreichs Außenminister Stéphane Séjourné auf den von russischen Behörden vermeldeten Tod von Alexej Nawalny. US-Präsident Joe Biden geht noch weiter und machte Wladimir Putin persönlich verantwortlich. Es bleiben zumindest vorerst viele Fragezeichen – so auch zur genauen Todesursache. Und doch stellt sich die Frage, warum Nawalny nach Jahren der Inhaftierung zum jetzigen Zeitpunkt ermordet worden sein könnte?

Von einem „politischen Mord“ an Nawalny spricht etwa der politische Soziologe Maxim Aljukow gegenüber dem Business Insider. Doch welchen Vorteil könnte Putins Apparat aus dem Tod eines seit Jahren inhaftierten Oppositionellen ziehen?

Nawalny ermordet? Experte sieht Nutzen für Putin – „wäre keine Überraschung“

Nach Meinung des Soziologen am King‘s College in London kommt Nawalnys Tod Putin aktuell durchaus gelegen. Schließlich steht in knapp einem Monat die russische Präsidentschaftswahl an. Der Tod des Kritikers könnte demnach eine deutliche Warnung an alle anderen Kontrahenten sein. „In Anbetracht der Tatsache, dass Putin immer wieder Gegner physisch ausschaltet, einschließlich der Vergiftung von Nawalny selbst, wäre das keine Überraschung“, so der Experte gegenüber dem Blatt.

Aljukow stellt Nawalnys Tod damit in eine Reihe mit diversen ungeklärten, abrupten Todesfällen in der russischen Elite. Besonders hebt er den Tod von Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin hervor. Nawalnys Tod könnte zeigen, „dass Widerstand zwecklos ist“, so der Wissenschaftler. Sehr ähnlich schätzt US-Analyst David Sanger die Lage gegenüber CNN ein: „Putin tritt zu den Wahlen an, nachdem er all diejenigen niedergeschlagen hat, die öffentlich die Unfähigkeit und den üblen Charakter der Führung in Russland angeprangert haben“.

Bei einer Mahnwache für Nawalny in New York sind Plakate zu sehen, auf denen Demonstranten die Meinung von Alexej Nawalny und Wladimir Putin zum Ausdruck bringen.

Der Fall Nawalny: Hat Putin „beschlossen, dass es genug ist“?

Auch nach Meinung weiterer Experten könnte hinter dem Ableben Nawalnys eine Botschaft Putins an seine Gegner kurz vor der Wahl stehen. „Putin könnte sehr wohl beabsichtigt haben, Nawalny, eine Symbolfigur der russischen Opposition, zu beseitigen, um die Chancen einer abweichenden Meinung in der Wahlperiode zu verringern“, meint etwa Callum Fraser vom britischen Verteidigungs-Think-Tank RUSI gegenüber Business Insider. Auch er zieht den Tod Prigoschins als Vergleich heran. Putin könne „beschlossen haben, dass es genug ist“, so der wissenschaftliche Mitarbeiter weiter.

Alexej Nawalny ist tot: Protest, Anschläge, Gefängnis – sein Leben in Bildern

Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garri Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.
2017 rief Nawalny im ganzen Land zu Protesten gegen Korruption in Russland auf – und wurde zu 15 Tagen Arrest verurteilt.  © Str/AP/dpa | Str
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition.
2015 wird der Oppositionsführer Boris Nemzow in Russland auf offener Straße erschossen. Nawalny beteiligt sich an den Protesten – hier bei einer Gedenk-Demo 2018 – und wird immer mehr zum neuen Gesicht der Opposition. © Alexander Zemlianichenko / dpa
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen.
2018 plante Nawalny, als Kandidat bei der Präsidentschaftswahl gegen Wladimir Putin anzutreten. Allerdings beschloss ein Gericht vorab seinen Ausschluss von den Wahlen. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen.
Familie Nawalny: Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny (M), seine Frau Julija (r), seine Tochter Daria (l) und sein Sohn Sachar stehen nach der Stimmabgabe bei einer Stadtratswahl im Jahr 2019 zusammen. © Andrew Lubimov / dpa
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt.
September 2020: Nach einer Nowitschok-Vergiftung wird Nawalny in der Berliner Charité behandelt. © Daria Nawalny / dpa
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte.
Nach seiner Genesung und Rückkehr aus Deutschland wurde Nawalny in Russland festgenommen – hier zeigt er in Handschellen das „Victory“-Zeichen, begleitet von einer Polizei-Eskorte. © Sergei Bobylev / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe.
Alexej Nawalny (r) und seine Anwälte im Moskauer Stadtgericht 2021 – ihm droht eine lange Haftstrafe. © Moscow City Court Press Service / dpa
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe.
Alexej Nawalny Anfang des Jahres 2022 hinter Gittern bei einer Anhörung bezüglich Beschwerden zu seiner Unterbringung während der 3,5-jährigen Haftstrafe. © Anna Ustinova / Imago
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im Februar 2022.
Kurzer Glücksmoment in schweren Zeiten: Nawalny und Ehefrau Julija Arm in Arm rund um eine weitere Anhörung des Kreml-Kritikers vor Gericht im März 2022. Wegen angeblicher Veruntreuung von Spendengeldern wurden 13 weitere Jahre Haft gefordert. © Sergei Fadeichev / Imago / ITAR-TASS
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny.
Bilder wie dieses aus dem Mai 2022 von einer weiteren Anhörung schüren Sorgen um den Gesundheitszustand von Nawalny. Der Kritiker trat während seiner Haftzeit immer wieder beispielsweise in Hungerstreik. Seine Haft-Unterbringung soll teils dürftig gewesen sein. © IMAGO/Sergei Karpukhin / ITAR-TASS
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023.
Nawalny wieder vor Gericht im August 2023. Der Oppositionsführer war erneut zu 19 Jahren Haft unter anderem wegen Extremismus verurteilt worden. © IMAGO/Sofya SandurskayaITAR-TASS
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden
Ende 2023 galt Nawalny kurz als verschwunden. Dann hieß es, er sei in ein Strafgefangenenlager nach Sibirien gebracht worden. Das Foto zeigt ihn im Januar 2024 bei einer weiteren Video-Schalte. © Alexander Zemlianichenko / dpa
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire

Einen Wechsel in Putins Umgang mit der Demokratie sieht gar Keir Giles – ein leitender Berater des Russland- und Eurasien-Programms des Think Tanks Chatham House. Nawalny habe Putin zuvor geholfen, den Schein der Demokratie zu wahren, meint er. Nun versuche Putin nicht einmal mehr, diesen Schein aufrechtzuerhalten.

Ob dieser von Experten vermutete Plan Putins aufgeht, bleibt abzuwarten. Der Tod des Kritikers könnte dessen Bewegung und generell die Opposition gegen den Ukraine-Krieg und Putin auch bestärken.

Der Kreml-Kritiker war nach Angaben der russischen Gefängnisbehörde am Freitag nach einem Spaziergang in einem Gulag zusammengebrochen und verstorben. Ersten Berichten zufolge soll ein Blutgerinnsel die Todesursache gewesen sein. (rist)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Jimin Kim / SOPA Images

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