VonLinus Prienschließen
Es gibt Berichte über einen Einsatz chemischer Waffen in Mariupol. Der Westen prüft die Lage. Russische Separatisten hatten zuvor bedenkliche Andeutungen gemacht.
Mariupol - Vorwürfe eines russischen Chemiewaffen-Einsatzes in der belagerten ukrainischen Stadt Mariupol sorgen für Beunruhigung. Großbritannien versucht, entsprechende Berichte zu verifizieren. „Wir arbeiten dringend mit Partnern zusammen, um die Details zu überprüfen“, schrieb Außenministerin Liz Truss am Montagabend auf Twitter. Im russischen Staatsfernsehen hatte ein Vertreter prorussischer Separatisten zuvor möglicherweise verklausuliert über die Möglichkeit des Einsatzes gesprochen. Es würde sich um eine weitere Eskalationsstufe im Ukraine-Konflikt handeln.
Ukraine-Krieg: USA und Großbritannien zeigen sich besorgt
Eduard Bassurin, ein Sprecher der in Mariupol kämpfenden pro-russischen Separatisten, hatte erklärt, eine Einnahme der unterirdischen Befestigungen auf einem Stahlwerk-Gelände in Mariupol wäre zu verlustreich. Die Separatisten könnten sich „an die chemischen Streitkräfte wenden, die finden einen Weg, die Maulwürfe in ihren Löchern auszuräuchern“, zitierte ihn die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti.
Am Dienstag stritt Bassurin entsprechende Vorwürfe dann aber ab - zumindest was die eigenen Kräfte angeht. „Die Streitkräfte der Donezker Volksrepublik haben in Mariupol keine chemischen Waffen eingesetzt“, sagte er der Agentur Interfax. Russland hatte bereits vor Wochen dem Westen das Betreiben von Laboren für Biowaffen vorgeworfen - Experten hatten diese Vorhaltungen mit Sorge verfolgt.
Ukraine-Krieg: Warnung aus Mariupol - „Informationen sind nicht bestätigt“
Die ukrainische Abgeordnete Iwanna Klympusch erklärte nun auf Twitter, Russland habe in Mariupol eine „unbekannte Substanz“ eingesetzt und die Menschen litten an Atemnot. „Wahrscheinlich Chemiewaffen!“, schrieb sie.
Petro Andryuschtschenko, ein Berater des Bürgermeisters von Mariupol, betonte allerdings auf Telegram, dass „die Informationen über den Chemiewaffenangriff derzeit nicht bestätigt sind“. „Details und Klarstellungen“ wurden zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Er warte auf „offizielle Informationen vom Militär“.
Eine Hauptquelle ist offenbar das rechtsextreme ukrainische Asow-Bataillon, das in Mariupol kämpft. Es hatte am Montag auf Telegram erklärt, eine russische Drohne habe eine „giftige Substanz“ auf ukrainische Truppen und Zivilisten abgeworfen. Betroffene hätten danach unter Atemproblemen und neurologischen Problemen gelitten. Batallionsgründer Andrej Biletsky sagte in einer Videobotschaft: „Drei Menschen haben deutliche Anzeichen einer Vergiftung durch Kriegschemikalien, aber ohne katastrophale Folgen.“ Die Angaben können nicht verifiziert werden.
Ukraine-Krieg: Russischer Hardliner spricht öffentlich über die Möglichkeit „chemischer Truppen“
„Jeder Einsatz solcher Waffen wäre eine gefühllose Eskalation in diesem Konflikt, und wir werden Putin und sein Regime zur Rechenschaft ziehen“, schrieb unterdessen Truss. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, sagte am Montagabend, Washington habe unbestätigte Informationen über einen Chemiewaffenangriff in der strategisch wichtigen Stadt. „Wenn diese Informationen wahr sind, sind sie sehr besorgniserregend“, sagte er. Er verwies auf „Bedenken“ des US-Militärs, dass Russland „verschiedene Mittel zur Krawallbekämpfung, insbesondere Tränengas gemischt mit chemischen Kampfstoffen, in der Ukraine einsetzen könnte“.
Knapp sieben Wochen nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine steht die wichtige Hafenstadt Mariupol offenbar vor dem Fall: Die verbliebenen ukrainischen Truppen in der Stadt erklärten am Montag, sie bereiteten sich auf die „letzte Schlacht“ vor, pro-russische Separatisten aus der Region Donezk meldeten die Einnahme des Hafens von Mariupol. (AFP/lp)
