Sprengstoff-Katapulte im Ukraine-Krieg: Kiew setzt auf neue Technik gegen Putins Minen
VonPatrick Mayer
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Die Ukrainer haben mit den russischen Minenfeldern schwer zu kämpfen. Bei ihrer Offensive hoffen sie jetzt auch auf eine Räum-Raupe vom deutschen Bodensee.
München/Robotyne - Die Offensive lahmt im Ukraine-Krieg. Daraus macht auch Kiew keinen Hehl mehr. Bisher hätten die Ukrainer nur etwa acht der anvisierten 100 Kilometer im Süden zurückgelegt, um das Asowsche Meer zu erreichen und so die russische Armee in zwei Teile zu spalten, schreibt die New York Times (NYT).
Ukraine-Offensive: Oberbefehlshaber verlangt mehr Minenräumgeräte gegen russische Taktik
Allein beim Dorf Mala Tokmatschka wenige Kilometer nördlich von Robotyne soll die ukrainische Armee in einem großen Minenfeld am 8. Juni insgesamt 25 Minenräumer und Panzer verloren haben, einschließlich sieben gelieferten Leopard-2-Panzern, schreibt die Süddeutsche Zeitung (SZ). Im Kampf gegen die Minen forderte Walerij Saluschnyj, der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, im Interview mit der Washington Post (WP) jetzt mehr M58 Mine Clearing Line Charge (MICLIC)-Systeme.
"As of today, a number of large fortified areas have been captured, active skirmishes and clearing of liberated territories are underway," 24th separate assault battalion "Aidar" reports about ongoing operations S/SE of Ivanivske near Bakhmut. UR-77 mine clearing is used. pic.twitter.com/lHO9eBNxL8
„Wir brauchen viele davon“, wurde Saluschnyj zitiert. Damit nicht genug: Wie ein Posting eines viel zitierten und geteilten Twitter-Accounts (siehe Video unten) beweisen soll, ist offenbar ein Minenräumgerät aus deutscher Produktion bereits an der ukrainischen Front angekommen.
Ukraine-Offensive: MICLIC-Systeme könnten im Süden die Wende bringen
„Die Verminung ist ein Riesen-Problem, weil sie die Einsatzmöglichkeiten der Ukrainer stark einschränkt. Wenn ich Minengassen vorfinde, kann ich dort immer nur recht kleinteilige Angriffe fahren. Die Ukrainer wussten, dass es diese Minengürtel gibt, aber dachten, dass sie dahinter in freies Terrain vorstoßen“, erklärte Militärexperte Gustav Gressel dem Tagesspiegel zur Taktik Moskaus: „Allerdings fangen die Russen, aufgrund der langsameren Gegenoffensive, jetzt schon wieder an, dort zu verminen.“
Die Verminung ist ein Riesen-Problem, weil sie die Einsatzmöglichkeiten der Ukrainer stark einschränkt.
Der Senior Policy Fellow der Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) meinte trotzdem: „An manchen Stellen der Frontlinie könnte es mit dem Durchbruch schon bald klappen.“
Weil die MICLIC-Systeme gepaart mit anderen Minenräumgeräten westlicher Bauart im Süden die Wende bringen, während sich Kreml-Machthaber Wladimir Putin über eine neuerliche Attacke auf die prestigeträchtige Krim-Brücke ärgern darf?
Zur Einordnung: Beim MICLIC-System wird eine kleine Rakete aus einem schlichten Radanhänger, der zum Beispiel von einem M113-Mannschaftstransporter gezogen wird, mit einer mehr als 100 Meter langen Sprengstoff-Ladung verschossen. Die Linienladung, die aussieht wie ein katapultierter Feuerwehrschlauch (siehe Twitter-Video oben), hat auf jedem Meter C4-Sprengstoff angebracht, der beim Aufprall auf Bodenminen explodiert.
Ukraine-Offensive: Minenräumgerät vom Bodensee offenbar an der Front eingetroffen
So kann eine Schneise von bestenfalls 100 mal acht Metern durch ein Minenfeld geschlagen werden, woraufhin gepanzerte Fahrzeuge und Infanterie dort geschützt durchstoßen können. Der Einsatz des MICLIC wurde bei Twitter etwa rund um Bachmut dokumentiert, wo die ukrainische Armee deutlich besser vorankommt. Schon im September hatten die USA erklärt, Kiew solche MICLIC-Systeme zu liefern. Die ukrainischen Streitkräfte hatten bislang wohl schlicht zu wenige davon. Bleibt die Frage, warum, während die Offensive der Ukraine voll anlief.
Ein anderes Minenräumsystem ist das beschriebene GCS-200. Das Raupenfahrzeug, das aussieht wie eine Mischung aus einer Planierraupe und einem landwirtschaftlichen Pflug, wird in Stockach am Bodensee von der Firma GCS produziert, die sich auf Minenräumung spezialisiert hat und die ihren Hauptsitz im Schweizer Freienbach am Zürichsee hat.
Laut dem Magazin Wehrtechnik (WT) verfügt das Fahrzeug, das landwirtschaftliche Komponenten enthält, über einen tiefen Schwerpunkt „und damit bessere Mobilität, zum Beispiel bei Kanten und Erhöhungen“. Mit einem Kamerasystem können verdächtige Stellen ferngesteuert untersucht und Minen mithilfe sogenannter „Schlägel“, die wie wuchtige Stahlketten aussehen und sich schnell drehen, ausgeschaltet werden, indem sie zur Explosion gebracht werden. Ein großer Vorteil: Die Karosserie des GCS-200 ist laut WT verschraubt und nicht verschweißt, was die Wartung deutlich vereinfache.
Nächste Lieferung Deutschlands: Bekam die Ukraine direkt das Minenräumgerät?