Die Welt blickt mit Sorgenfalten in die Ukraine. Zündet Russlands Präsident Wladimir Putin jetzt die nächste Eskalationsstufe?
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VonKlaus Rimpelschließen
Der ehemalige US-General Ben Hodges erklärt, welche Absichten Putin mit seinem Ukraine-Einmarsch wirklich verfolgt. „Der Westen muss jetzt zusammenhalten“, sagt er.
München - In dem Buch Future War zeichnen Militär-Experten ein Szenario von künftigen Kriegen mit künstlich erzeugten Corona-Viren und Cyber-Attacken. In der Ukraine-Krise scheinen sich viele der düsteren Prognosen schon zu bewahrheiten – Russland begleitet seinen militärischen Aufmarsch mit vermehrten Cyber-Attacken und Propaganda-Lügen. Der Münchner Merkur sprach mit einem der Autoren, dem früheren Befehlshaber der US-Armee in Europa, Generalleutnant a.D. Ben Hodges.
Hat die Ukraine militärisch eine Chance gegen die russische Armee?
Frederick Ben Hodges: Es wird ein langwieriger, blutiger Krieg mit Tausenden von Toten und großem Leid der Zivilbevölkerung. Hunderttausende Flüchtlinge werden in die EU fliehen. Russland ist im Schwarzen Meer klar überlegen – aber Bodentruppen haben keinen so großen Vorteil gegenüber den Ukrainern. 150 000 Soldaten klingt erst mal viel – aber das sind gerade mal zweimal so viele Menschen, wie sie in die Münchner Allianz-Arena passen! Und die Ukraine ist ein riesiges Land – sie können Kiew nicht erobern, allenfalls einkesseln. Und der Widerstand wird auch nach einer Niederlage weitergehen.
Sie glauben, dass Putin nicht die ganze Ukraine erobern will – warum betreibt er dann den Aufwand dieses gewaltigen Militär-Aufmarsches?
Hodges: Er will die Ukraine erwürgen wie eine Boa Constrictor! Schon jetzt kann Wladimir Putin mit seiner Schwarzmeer-Flotte alle ukrainischen Exporte blockieren. Er will die ukrainische Wirtschaft zerstören, um so den Sturz Präsident Selenskys zu erwirken und eine Regierung in Kiew zu bekommen, die nachgiebiger und weniger pro-westlich ist. Das kann Putin auch ohne großen Krieg erreichen.
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Was bringt das Putin überhaupt?
Hodges: Ich glaube, Putins eigentliches Ziel ist die formale Machtübernahme in Belarus! Ich gehe davon aus, dass der belarussische Präsident Lukaschenko noch im Sommer in Rente geschickt wird und dann der Anschluss von Belarus an Russland erfolgt. Putin wird Staatsoberhaupt dieser Union und muss sich nicht mehr mit Wahlen herumschlagen. Die Ukraine soll zum „failed State“ werden, der so am Boden ist, dass er nie EU-Mitglied werden kann. Und dann wird die Ukraine eine Art Belarus 2.0.
Was ist die richtige Strategie, um all das zu verhindern?
Hodges: Geschlossenheit des Westens ist jetzt wirklich wichtig. Der Druck muss aufrecht erhalten werden, die Tür für Dialog offen bleiben. Die Tatsache, dass China auf der Sicherheitskonferenz die Souveränität der Ukraine betont hat, wird Putin nicht kalt lassen. Aber wir müssen auch der Ukraine helfen! Ich traf Präsident Selensky vor drei Tagen, und er hat mich sehr beeindruckt, als er sagte: Ich brauche keine US- oder deutschen Soldaten, aber das nötige Geld, damit wir uns selbst verteidigen können. Deutschland hat hier eine Schlüsselrolle, auch als moralische Autorität.
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Hat Putin mit seiner Kritik an der Nato-Osterweiterung nicht einen Punkt?
Hodges: Er benutzt das Nato-Thema nur, aber das was Putin wirklich fürchtet, ist das Vordringen liberaler Demokratien in seinen Machtbereich. Doch die Aussage „Ihr dürft nicht wohlhabend wie die Estländer werden“ ist der eigenen Bevölkerung schwerer zu vermitteln als die Angst zu schüren, ein Verteidigungsbündnis wie die Nato würde sie bedrohen. Die Nato hat sich ja nicht „ausgedehnt“ und wie ein Imperium andere unterworfen – Staaten wie Polen oder Estland wollten so schnell wie möglich unter einen Schutzschirm gelangen, was viel über ihr Verhältnis zu Russland aussagt. Weder Moskau noch Washington können im 21. Jahrhundert souveränen Staaten irgendetwas vorschreiben, weshalb mündliche US-Versprechen über die Köpfe der Betroffenen hinweg wertlos wären, sollte es sie denn nach dem Zerfall der UdSSR je gegeben haben.
Das Interview führte Klaus Rimpel.

