Selbst wenn ein Konflikt zu Ende geht, kann man nicht direkt von Frieden sprechen. Eine Rückkehr in das normale Leben muss erst wieder eingeübt werden, schreibt Julia Eichenberg.
Der Krieg in der Ukraine solle so schnell wie möglich enden, fordern Demonstrationen und Manifeste. Man wolle Frieden, jetzt und sofort. Das scheint ein sinnvoller Wunsch. Doch was ist eigentlich Frieden und wann endet ein Krieg?
Kriege prägen Gesellschaften langfristig. Selbst wenn die Kampfhandlungen in der Ukraine morgen enden würden, könnten wir nicht direkt von Frieden sprechen. Es gibt keine schnelle und einfache Rückkehr zum Zustand vor dem russischen Einmarsch. Militär und Gesellschaft müssen demobilisiert werden.
D emobilisierung bedeutet zunächst, den Großteil der Armee aus dem aktiven Kampfeinsatz wieder in die Gesellschaft zurückzubringen: Rücktransport, Entwaffnung, Versorgung von physischen und psychischen Wunden, Reintegration in die Gesellschaft. Militärische Demobilisierung kostet Zeit.
E s ist nicht möglich, alle Soldaten und Soldatinnen einfach von der Front nach Hause zu schicken. Die Reintegration von Kombattant:innen in die Zivilgesellschaft ist eine Langzeitaufgabe: Veteran:innen haben längere Zeit nicht in ihrem zivilen Beruf gearbeitet, andere sind physisch verletzt. Die meisten haben Erfahrungen gemacht, die sie stark belasten und bedürfen psychologischer Aufarbeitung und Betreuung. Bei einer großen Zahl von mobilisierten Soldaten und kämpfenden Freiwilligen oder Zwangsrekruten, wie wir es derzeit in der Ukraine und Russland sehen, ist eine entsprechende psychologische Versorgung nicht leicht anzubieten.
K riegserfahrung kann zwar bei Veteran:innen zu einem Engagement für zukünftigen Frieden führen, wie es nach dem Ersten Weltkrieg der Fall war. Doch sie kann auch mit einer Abstumpfung und Entfremdung von der Zivilgesellschaft einhergehen, und einer großen Bereitwilligkeit, Gewalt als legitime Mittel der Konfliktlösung zu betrachten, auch im zivilen Leben.
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I nsbesondere mit Blick auf Russlands Umgang mit Soldaten bisher ist zu befürchten, dass – anknüpfend an etwa die Verarbeitung des Zweiten Weltkriegs – es eher zu einer symbolischen Aufwertung der Veteranen und ihres Kriegseinsatzes als zu einer umfassenden psychologischen Versorgung und Rehabilitation kommen wird. Symbolisches Gedenken ist billiger als Rehabilitation. Langfristige Auswirkungen der Erfahrung von radikalen militärischen Hierarchien, von Ängsten einerseits und mitunter gruppenfördernden gemeinsamen Gewalterfahrungen andererseits können so eine Gefahr für ein friedliches Zusammenleben in der Zivilgesellschaft sein und zugleich den Kriegszustand als verlockender scheinen lassen als die Rückkehr in eine unsichere zivile Zukunft.
D er Begriff der Demobilisierung wird in den Geschichtswissenschaften auch für die weitere Gesellschaft verwendet. Im Krieg werden auch Gesellschaften mobilisiert: durch politische Propaganda, die unter Umständen einen klaren Feind benennt, aber auch durch Berichterstattung, durch Durchhalteparolen und Aktionen, die die Gemeinschaft im Widerstand stärken. Nicht umsonst wurde dies in den Weltkriegen als „home front“ bezeichnet.
N ach dem Ende eines Krieges muss die Gesellschaft demobilisiert werden: Eine Rückkehr in das friedliche Leben muss wieder eingeübt werden, Inhalte von Zeitungsberichten, Schulunterricht, persönlicher Kommunikation und sozialen Medien wieder von der erhöhten Kriegskonzentration umgestellt werden. Auch bei Zivilistinnen und Zivilisten müssen physische und psychische Wunden versorgt werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner aus zerstörten Häusern, Städten und Gebieten müssen in der Rückkehr unterstützt werden, die Landschaft entmilitarisiert (Minenentsorgung, Abbau von Bunkern und Schützengräben) und Infrastruktur, Wirtschaft und Gebäude wieder aufgebaut.
W enn diese Prozesse der Demobilisierung des Militärs und der Gesellschaft nicht erfolgreich abgeschlossen werden, können Nachkriegskonflikte entstehen oder neue heiße Phasen eines Krieges aufflammen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Frieden bedarf ziviler und gesellschaftlicher Demobilisierung auf beiden Seiten, Wiederaufbau, Sicherheit und Gerechtigkeit.
D azu muss völkerrechtlich, politisch und auch militärisch abgesichert werden, dass der Konflikt nicht direkt wieder aufbricht. Und es muss gesellschaftlich abgesichert werden, dass sich ein Gefühl der Sicherheit und Gerechtigkeit zumindest langsam aufbauen kann. Dazu bedarf es der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und der sehr langfristigen und langwierigen Versöhnungsarbeit. Denn ein Waffenstillstand ist kein Frieden. Damit allein würde der völkerrechtswidrige Angriff ebenso hingenommen wie Kriegsverbrechen. Nachhaltiger Frieden lässt sich nur durch erfolgreiche Demobilisierung erreichen.
Julia Eichenberg forscht über Frieden und Konflikte an den Universitäten Bamberg und Bayreuth. Sie hat unter anderem zu Veteranenproblemen und zu paramilitärischen Auseinandersetzungen nach 1918 gearbeitet. Ihrem derzeitigen Forschungsschwerpunkt zu Exilregierungen 1939-1945 kann man folgen auf dem Blog „The London Moment“.
