VonAnna-Katharina Ahnefeldschließen
Präsident Wolodymyr Selenskyj ist der personifizierte Widerstand im Ukraine-Krieg. Doch für Biograf Wojciech Rogacin ist sein Leben keine reine Heldengeschichte.
Berlin – Dunkelgrünes T-Shirt und markante Sätze sind sein Markenzeichen: Es ist ein abenteuerlicher Aufstieg, den Wolodymyr Selenskyj in den letzten Monaten hingelegt hat. So ist es auch nur wenig verwunderlich, dass bereits jetzt einige Biografien über den 44-Jährigen erschienen sind. Der ukrainische Präsident ist eine der wichtigsten Personen der Stunde. Einer seiner Biografen ist der polnische Journalist und Autor Wojciech Rogacin,dessen Buch „Selenskyj“ am 6. Juli 2022 im Europa Verlag veröffentlicht wurde.
„Ich bin davon überzeugt, dass Putin Selenskyj unterschätzt hat“, sagte Rogacin im Interview mit Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Selenskyj war Schauspieler vor seiner politischen Karriere. Erfahrungen? Fehlanzeige. Rogacin betrachtet das als Hauptgrund für seinen Aufstieg: „Putin nahm an, dass er schwach und leicht zu manipulieren sein werde.“ Als Selenskyj und Putin sich 2019 begegneten, sei Putin überrascht gewesen, wie kompromisslos Selenskyj in der Donbass-Frage auftrat. „Er ist keinen Schritt zurückgewichen.“ Rogacin wagt gar die These, dass diese Erfahrung Putin zum Einmarsch in die Ukraine veranlasst habe. (Das gesamte Interview lesen Sie hier.)
Ukraine-Krieg: Biografie über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj
Für sein Buch sprach der Biograf laut eigener Aussage mit engen Mitarbeitern, Gegnern, Journalisten und Freunden. Auch Menschen, die ihm den Rücken gekehrt haben, kommen zu Wort. Selenskyj selbst interviewte er nicht.
Insgesamt hat sich Rogacin stärker auf den persönlichen Werdegang Selenskyjs konzentriert. Seine Politik bleibt eher außen vor. Herausgekommen ist keine Heldengeschichte. „Jede Person hat bessere und schlechtere Seiten. In meinem Buch thematisiere ich nicht nur seine Verbindungen zu Oligarchen und seine Kooperation mit Oligarch Ihor Kolomojskyj, sondern auch seine Firmen im Ausland, auf Zypern, für die er angegriffen wurde, und die Phasen in seiner Präsidentschaft, die er nicht gut meisterte“, so Rogacin.
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Wolodymyr Selenskyj: Kindheitsfreund wusste, dass „er der Anführer der Ukraine wird“
Dass Selenskyj zum Symbol des ukrainischen Widerstands aufgestiegen ist, wundert Rogacin kaum. Einer seiner ältesten Freunde habe ihm die Geschichte erzählt, wie abgezockt und professionell Selenskyj bereits in der Schulzeit mit schwierigen Situationen umging. Er habe gewusst, dass Selenskyj in einer derartigen Krisensituation zum Anführer seines Landes wird. „Er war der erste, der Herausforderungen und Probleme anging. Ich denke, er hat instinktiv, nach seinen persönlichen Vorstellungen gehandelt. Es war richtig, die Ukraine nicht zu verlassen. Hätte er es getan, wäre die Situation für die Ukraine um einiges schlimmer, als sie es jetzt ist. Dass er blieb, hat die Moral der Menschen gestärkt“, sagte Rogacin.
Er erneuerte seine Forderung, Putin immer weiter zu bekämpfen. „Wenn er nicht gestoppt wird, wird er als Nächstes andere Länder ins Visier nehmen.“ Deswegen sei es so wichtig, dass die Ukraine standhält und andere Länder Unterstützung leisten. Andernfalls sehe die Zukunft der Ukraine düster aus – und auch Europa stehe vor großen Herausforderungen, glaub Rogacin.
Rubriklistenbild: © Ukraine Presidency/Imago

