„Direkte Bedrohung“: Ukraine-Soldaten kritisieren Absetzung ihres Kommandeurs vor Pokrowsk-Kämpfen
VonMarcus Giebel
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Russland rückt rund um Pokrowsk vor, die Ukraine tauscht Kommandeure aus. Die Soldaten eines Bataillons veröffentlichen deshalb ein Video und werden deutlich.
Pokrowsk – Womöglich stehen im Ukraine-Krieg die entscheidenden Tage an. Denn Donald Trump kehrt an diesem Montag (20. Januar) ins Weiße Haus zurück. Und seit Monaten kündigt der Republikaner an, sich als US-Präsident darum zu bemühen, dass das Blutvergießen im von Russland überfallenen Land nach bald drei Jahren ein Ende findet.
In den kommenden Wochen kann er seinen vollmundigen Worten Taten folgen lassen. Im 48. Separaten Bataillon der ukrainischen Streitkräfte herrscht aber schon vorher Unruhe. Wegen einer ganz anderen Personalie. Die Einheit verlor ihren Kommandeur Lenur Isljamow, der abgesetzt wurde. Für die Soldaten ein schwerer Fehler, weshalb sich das nach dem krimtatarischen Politiker und Rechtsanwalt Noman Celebicihan benannte Bataillon in einem Video auf Facebook an Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj wendet.
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Ukraine-Bataillon kritisiert Absetzung von Kommandeur: Einheit besteht fast nur aus Freiwilligen
Die Aufnahme entstand in einem kargen Raum. Rund 30 Personen in Flecktarn-Uniform stehen vor der Kamera, in ihrer Mitte halten einige eine ukrainische Flagge mit dem Wappen des Bataillons hoch, das von Russland 2022 als terroristische Vereinigung eingestuft wurde. Mit ruhiger Stimme verliest zunächst ein männlicher Vertreter die Botschaft, nach rund anderthalb Minuten übernimmt ein weibliches Mitglied und gibt zum Ende seiner 30-sekündigen Rede deutlich mehr Gas.
Die Kämpfer huldigen ihrem bisherigen Anführer, der das Bataillon geformt habe. Es bestehe zu 90 Prozent aus Freiwilligen. Darunter sollen auch viele Krimtataren sein. Sie befürchten infolge der Absetzung von Isljamow offenbar die Vernichtung ihrer Einheit. Von Beginn an seien sie „in die härtesten Schlachten geworfen“ worden.
Diese Botschaft geht an ihn: Die Soldaten des 48. Separaten Bataillons fordern Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj (l.) auf, ihren Kommandeur Lenur Isljamow wieder einzusetzen.
In ihren Kampfeinsätzen hätten sie „unseren Mut und unsere Effizienz“ bewiesen. Keine einzige Stellung sei verloren gegangen, dafür gingen demnach Dutzende erfolgreiche Angriffsoperationen und befreite Siedlungen in der Region Donezk auf ihr Konto.
Bataillon will für Pokrowsk-Kämpfe Kommandeur zurück: „Wechsel in einem kritischen Moment“
Nun sind sie wieder in einem umkämpften Gebiet gefragt, etwas Entscheidendes werde aber anders sein. „Doch statt uns zu erholen, wurden wir vor zehn Tagen von einem Krisengebiet in ein anderes verlegt – nach Pokrowsk“, heißt es weiter: „Wir führten den Befehl aus, obwohl wir keine ausreichenden Informationen hatten. Doch gleichzeitig wurde unser Kommandant, Lenur Isljamow, entlassen und eine andere Person eingesetzt.“
Sie hätten ihrem Kommandeur viel zu verdanken. Er sei es gewesen, der das Bataillon „dank seiner Entschlossenheit und seines Kampfeswillens“ aufgestellt habe. Für die Mitglieder von der Krim und aus anderen besetzten Gebieten gebe es nur ein Ziel: die Rückkehr in ihre Heimat.
Schließlich warnen die Kämpfer: „Der Wechsel des Kommandeurs in einem kritischen Moment ist eine direkte Bedrohung für die Kampffähigkeit der Einheit und untergräbt das Vertrauen der Kämpfer!“ Sie fordern die Befehlshaber dazu auf, das Bataillon zu retten. Womit wohl zunächst gemeint ist: Ihr alter Kommandeur soll wieder eingesetzt werden.
Russland kämpft um Pokrowsk: Moskau verkündet weitere Eroberungen in der Region
Isljamow ist ein Unternehmer und gründete 2006 den Sender ATR, der unter Krimtataren viele Fans fand. Infolge der Annexion der Krim durch Wladimir Putin ging die Lizenz verloren und der Hauptsitz wechselte nach Kiew. Vom sogenannten Obersten Gericht der Krim wurde Isljamow unter anderem wegen des Vorwurfs der Gründung einer Militärformation und der Sabotage in Abwesenheit zu 19 Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt, wie die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform 2020 berichtete.
Das von ihm ins Leben gerufene Bataillon soll also derzeit rund um die Industrie- und Bergbaustadt Pokrowsk im Einsatz sein. Dort gerät die Ukraine immer stärker unter Druck. General Oleksandr Lutsenko war bereits im Dezember als Oberbefehlshaber der operativen und taktischen Einsatzgruppe Donezk durch Oleksandr Tarnavskiy ersetzt worden. Auch diese Personalrochade konnte Russlands langsamen Vormarsch aber nicht zum Erliegen bringen.
So teilte das russische Verteidigungsministerium am späten Samstagabend (18. Januar) via Telegam mit, das Dorf Wremiwka und die Siedlung Petropawlowka seien befreit worden. In einem späteren Post wurden weitere Ortschaften in der Region erwähnt, in denen die Truppen vorankommen würden. Dabei gelang demnach die Vernichtung von Einheiten und Ausrüstung von sieben mechanisierten und motorisierten Infanteriebrigaden der ukrainischen Streitkräfte und von einer Sturmbrigade der ukrainischen Nationalpolizei. (mg)