„Untergräbt das Vertrauen“

„Direkte Bedrohung“: Ukraine-Soldaten kritisieren Absetzung ihres Kommandeurs vor Pokrowsk-Kämpfen

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Russland rückt rund um Pokrowsk vor, die Ukraine tauscht Kommandeure aus. Die Soldaten eines Bataillons veröffentlichen deshalb ein Video und werden deutlich.

Pokrowsk – Womöglich stehen im Ukraine-Krieg die entscheidenden Tage an. Denn Donald Trump kehrt an diesem Montag (20. Januar) ins Weiße Haus zurück. Und seit Monaten kündigt der Republikaner an, sich als US-Präsident darum zu bemühen, dass das Blutvergießen im von Russland überfallenen Land nach bald drei Jahren ein Ende findet.

In den kommenden Wochen kann er seinen vollmundigen Worten Taten folgen lassen. Im 48. Separaten Bataillon der ukrainischen Streitkräfte herrscht aber schon vorher Unruhe. Wegen einer ganz anderen Personalie. Die Einheit verlor ihren Kommandeur Lenur Isljamow, der abgesetzt wurde. Für die Soldaten ein schwerer Fehler, weshalb sich das nach dem krimtatarischen Politiker und Rechtsanwalt Noman Celebicihan benannte Bataillon in einem Video auf Facebook an Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj wendet.

Nawalny verlängert die Liste der Opfer Putins – ein Überblick

Alexej Nawalny
Alexej Nawalny war über Jahre der markanteste Kopf der russischen Opposition. Schon früh prangerte der Rechtsanwalt das Machtlager von Präsident Wladimir Putin offen als „Partei der Gauner und Diebe“ an.  © Andrei Zhilin/afp
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin.
Wahlen 2012 in Russland: Nawalny protestiert gemeinsam mit Schach-Großmeister Garry Kasparow (l.) für faire Wahlen in Russland – am Ende gewann Wladimir Putin. © Anatoly Maltsev / dpa
Alexej Nawalny
2013 trat er als Bürgermeisterkandidat in Moskau an und erreichte mit 27 Prozent der Stimmen den zweiten Platz. Später organisierte er Massenproteste im ganzen Land, besonders aber in Moskau. 2018 wollte Nawalny selbst Präsident werden, doch die Justiz schob ihm einen Riegel vor. Wiederholt wurde er wegen Betrugs- und Diebstahlsvorwürfen vor Gericht gestellt und verurteilt. © Kirill Kudryavtsev/afp
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei.
Nawalny – damals bereits sozusagen der Superstar der Protestbewegung in Russland – mit seiner Ehefrau Julija, vor Gericht. Nach seinen Protesten kam er damals vorerst frei. © Valentina Svistunova / dpa
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro.
Kreml-Kritiker Nawalny 2017 nach einer Farbattacke vor seinem Büro. © Evgeny Feldman / dpa
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden.
Nawalny vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2018. Dort war Russland zuvor wegen Festnahmen des Kreml-Kritikers verurteilt worden. © Jean-Francois Badias / dpa
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen.
Ein großes Portrait von Alexej Nawalny mitten in St. Petersburg. Nach nur wenigen Minuten ließ man es wieder überstreichen. © Alexander Demianchuk / Imago
Alexej Nawalny
Im August 2020 brach Nawalny bei einer Reise zusammen und fiel ins Koma. Grund war eine Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok, wie Untersuchungen an der Charité in Berlin bewiesen. © Instagram account @navalny/afp
Alexej Nawalny
Im Januar 2021 kehrte Nawalny nach Russland zurück, wo er erneut vor Gericht gestellt und unter anderem wegen angeblichem „Extremismus“ zu 19 Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Im Dezember 2023 folgte die Verlegung in ein Lager hinter dem Polarkreis. Am 16. Februar 2024 starb Nawalny nach Justizangaben in dem Straflager. Er sei nach einem Hofgang zusammengebrochen, teilte die Gefängnisverwaltung mit.  © Vera Savina/afp
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben
Am 16. Februar 2024 kommt überraschend dann die Info aus Russland, Nawalny sei im Strafgefangenenlager gestorben. Weltweit wird um den Kreml-Kritiker getrauert. © IMAGO/Vuk Valcic / ZUMA Wire
Jewgeni Prigoschin
Jewgeni Prigoschin war in Russland als skrupelloser Unternehmer mit krimineller Vergangenheit bekannt. Er und Putin kannten sich lange. Als der heutige Präsident noch in der St. Petersburger Stadtverwaltung arbeitete, soll er in Prigoschins Restaurant eingekehrt sein. Deshalb war Prigoschin, der mehrere Jahre wegen Raubs in Haft saß, auch als „Putins Koch“ bekannt. Niemand sonst in Russland traute sich solche Kritik wie Prigoschin © ITAR-TASS/Imago
Jewgeni Prigoschin
Über Monate hinweg legte sich Jewgeni Prigoschin mit der Militärführung in Moskau an. Immer wieder warf der Chef der russischen Privatarmee Wagner dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab der Armee vor, Präsident Wladimir Putin zu belügen. Mit einem bewaffneten Aufstand seiner Privatarmee forderte Prigoschin aber auch Putin selbst heraus. © Sergey Pivovarov/Imago
Jewgeni Prigoschin
Nach seinem gescheiterten Aufstand sahen Fachleute den Söldnerchef aber dem Tode geweiht. Kremlchef Putin hatte die Kämpfer um seinen Ex-Vertrauten als Verräter bezeichnet. Tatsächlich starb Prigoschin zwei Monate nach seiner Meuterei gegen die russische Staatsmacht im August 2023 bei einem Flugzeugabsturz in Russland. © Imago
Boris Nemzow
Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow galt als einer der schillerndsten und mutigsten Politiker Russlands. Feinde machte er sich vor allem mit seiner Kritik an der Ukraine-Politik von Kremlchef Wladimir Putin. Er wurde zur Galionsfigur der zersplitterten Opposition und galt als Unterstützer der Richtung Westen strebenden Ukraine. © Oxana Onipko/afp
Boris Nemzow
Nemzow wurde im Februar 2015 durch mehrere Schüsse in den Rücken aus einem Auto heraus erschossen. Der Mord wirft noch immer viele Fragen auf. Die EU drängte Russland wiederholt dazu, den Fall weiter aufzuklären. Ein Gericht in Moskau verurteilte 2017 den mutmaßlichen Mörder und vier Komplizen aus dem Nordkaukasus zu langen Haftstrafen. Nemzows Familie beklagte, dass nach den Drahtziehern nie wirklich gesucht worden sei. © afp
Boris Nemzow
In den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer in Russland einen Namen gemacht. Präsident Boris Jelzin (rechts im Bild) holte ihn einst in die Regierung nach Moskau. Nemzow war zeitweilig auch als Präsidentenanwärter gehandelt worden. „Ich bin liberal, was Wirtschaftsfragen angeht, aber für eine starke Staatsmacht in der Politik“, sagte er einmal. © TASS/afp
Alexander Litwinenko
Der Putin-Kritiker Alexander Litwinenko starb im November 2006 in London nach einem Anschlag mit dem radioaktiven Gift Polonium 210. Einem Untersuchungsbericht zufolge soll ihm das Strahlengift in einem Londoner Hotel in den Tee gemischt worden sein. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit siechte Litwinenko tagelang dahin. Vom Krankenhausbett beschuldigte er Putin, hinter dem Anschlag zu stecken. Die britische Justiz sieht es ebenfalls als bewiesen an, dass die Spur in hohe politische Kreise in Moskau führt. Russland weist dies zurück. © Sergei Kaptilkin/dpa
Anna Politkowskaja
Die Journalistin Anna Politkowskaja machte sich als Kritikerin der Kriege in Tschetschenien einen Namen. Die Mitarbeiterin Oppositionszeitung Nowaja Gaseta berichtete über Kriegsverbrechen der russischen Armee und der verbündeten tschetschenischen Gruppen und sprach von einem „schmutzigen Krieg“. Häufig musste sie sich gegen Drohungen wehren. Am 7. Oktober 2006 wurde sie vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Politkowskajas Familie vermutet ein politisches Motiv für die Tat.  © Imago
Boris Beresowski
Die Serie von mitunter rätselhaften Todesfällen, hinter denen russische staatliche Stellen vermutet werden, ist noch sehr viel länger. Der Oligarch Boris Beresowski (Mitte) fiel nach dem Machtantritt Putins in Ungnade und floh nach Großbritannien. Am 23. März 2013 wurde Beresowski tot im Bad seines Hauses in Ascot gefunden.  © Shaun Curry/afp
Pawel Scheremet
Im Juli 2016 kam der russische Exil-Journalist Pawel Scheremet in Kiew durch eine Autobombe ums Leben. Scheremet engagierte sich während der Maidan-Proteste 2013/2014 in Kiew aufseiten der prowestlichen Kräfte und wurde später Redakteur beim renommierten Internetportal Ukrainskaja Prawda. © Dmytro Larin/afp
Denis Woronenkow
2017 wurde der abtrünnige russische Abgeordnete Denis Woronenkow auf offener Straße in Kiew erschossen. Auch sein Fall wurde nie aufgeklärt. © ITAR-TASS/Imago
Sergej Magnizki
Sergej Magnizki starb 2009 unter ungeklärten Umständen in einem Moskauer Gefängnis. Angeblich wurde der Anwalt, der nach eigenen Angaben einen Steuerbetrug aufgedeckt hatte, zu Tode geprügelt. Medizinische Hilfe wurde im verweigert.  © HO/Hermitage Capital Management/afp
Baburowa/Markelow
Die Journalistin Anastassija Baburowa und der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow wurden 2009 auf der Straße in Moskau erschossen. Für die Tat wurden ein Rechtsextremist und eine Komplizin zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie hatten ihre Schuld bestritten. © ITAR-TASS/Imago
Natalia Estemirowa
Die Menschenrechtlerin Natalia Estemirowa wurde 2009 in der Konfliktregion Nordkaukasus erschossen aufgefunden. Mit Berichten über das Verschwinden von Zivilpersonen in dem Gebiet hatte sie sich wiederholt den Zorn der Machthaber zugezogen. © Memorial/afp
Sergej Juschenkow
Eines der ersten Todesopfer war Sergej Juschenkow. Der Duma-Abgeordnete wurde im April 2003 in Moskau erschossen. Juschenkow war der Staatsführung ein Dorn im Auge, wenngleich der Politiker über wenig Macht und Einfluss verfügte.  © Roman Mukhamedzanov/Vremya Novos/afp

Ukraine-Bataillon kritisiert Absetzung von Kommandeur: Einheit besteht fast nur aus Freiwilligen

Die Aufnahme entstand in einem kargen Raum. Rund 30 Personen in Flecktarn-Uniform stehen vor der Kamera, in ihrer Mitte halten einige eine ukrainische Flagge mit dem Wappen des Bataillons hoch, das von Russland 2022 als terroristische Vereinigung eingestuft wurde. Mit ruhiger Stimme verliest zunächst ein männlicher Vertreter die Botschaft, nach rund anderthalb Minuten übernimmt ein weibliches Mitglied und gibt zum Ende seiner 30-sekündigen Rede deutlich mehr Gas.

Die Kämpfer huldigen ihrem bisherigen Anführer, der das Bataillon geformt habe. Es bestehe zu 90 Prozent aus Freiwilligen. Darunter sollen auch viele Krimtataren sein. Sie befürchten infolge der Absetzung von Isljamow offenbar die Vernichtung ihrer Einheit. Von Beginn an seien sie „in die härtesten Schlachten geworfen“ worden.

Diese Botschaft geht an ihn: Die Soldaten des 48. Separaten Bataillons fordern Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj (l.) auf, ihren Kommandeur Lenur Isljamow wieder einzusetzen.

In ihren Kampfeinsätzen hätten sie „unseren Mut und unsere Effizienz“ bewiesen. Keine einzige Stellung sei verloren gegangen, dafür gingen demnach Dutzende erfolgreiche Angriffsoperationen und befreite Siedlungen in der Region Donezk auf ihr Konto.

Bataillon will für Pokrowsk-Kämpfe Kommandeur zurück: „Wechsel in einem kritischen Moment“

Nun sind sie wieder in einem umkämpften Gebiet gefragt, etwas Entscheidendes werde aber anders sein. „Doch statt uns zu erholen, wurden wir vor zehn Tagen von einem Krisengebiet in ein anderes verlegt – nach Pokrowsk“, heißt es weiter: „Wir führten den Befehl aus, obwohl wir keine ausreichenden Informationen hatten. Doch gleichzeitig wurde unser Kommandant, Lenur Isljamow, entlassen und eine andere Person eingesetzt.“

Sie hätten ihrem Kommandeur viel zu verdanken. Er sei es gewesen, der das Bataillon „dank seiner Entschlossenheit und seines Kampfeswillens“ aufgestellt habe. Für die Mitglieder von der Krim und aus anderen besetzten Gebieten gebe es nur ein Ziel: die Rückkehr in ihre Heimat.

Attacke in der Region rund um Pokrowsk: Russische Soldaten feuern eine Haubitze ab.

Schließlich warnen die Kämpfer: „Der Wechsel des Kommandeurs in einem kritischen Moment ist eine direkte Bedrohung für die Kampffähigkeit der Einheit und untergräbt das Vertrauen der Kämpfer!“ Sie fordern die Befehlshaber dazu auf, das Bataillon zu retten. Womit wohl zunächst gemeint ist: Ihr alter Kommandeur soll wieder eingesetzt werden.

Russland kämpft um Pokrowsk: Moskau verkündet weitere Eroberungen in der Region

Isljamow ist ein Unternehmer und gründete 2006 den Sender ATR, der unter Krimtataren viele Fans fand. Infolge der Annexion der Krim durch Wladimir Putin ging die Lizenz verloren und der Hauptsitz wechselte nach Kiew. Vom sogenannten Obersten Gericht der Krim wurde Isljamow unter anderem wegen des Vorwurfs der Gründung einer Militärformation und der Sabotage in Abwesenheit zu 19 Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt, wie die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform 2020 berichtete.

Das von ihm ins Leben gerufene Bataillon soll also derzeit rund um die Industrie- und Bergbaustadt Pokrowsk im Einsatz sein. Dort gerät die Ukraine immer stärker unter Druck. General Oleksandr Lutsenko war bereits im Dezember als Oberbefehlshaber der operativen und taktischen Einsatzgruppe Donezk durch Oleksandr Tarnavskiy ersetzt worden. Auch diese Personalrochade konnte Russlands langsamen Vormarsch aber nicht zum Erliegen bringen.

So teilte das russische Verteidigungsministerium am späten Samstagabend (18. Januar) via Telegam mit, das Dorf Wremiwka und die Siedlung Petropawlowka seien befreit worden. In einem späteren Post wurden weitere Ortschaften in der Region erwähnt, in denen die Truppen vorankommen würden. Dabei gelang demnach die Vernichtung von Einheiten und Ausrüstung von sieben mechanisierten und motorisierten Infanteriebrigaden der ukrainischen Streitkräfte und von einer Sturmbrigade der ukrainischen Nationalpolizei. (mg)

Rubriklistenbild: ©  IMAGO / ABACAPRESS, Screenshot Facebook/48 ОШБ ім. Номана Челебіджіхана

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