VonFabian Hartmannschließen
Ukrainische Streitkräfte greifen vermehrt russische Radarsysteme an – auch auf russischem Boden. Wird das einen massiven Gegenschlag Putins nach sich ziehen?
Kiew/Moskau – Im mehr als zwei Jahre andauernden Ukraine-Krieg greift die ukrainische Armee seit einigen Wochen vermehrt russische Radarsysteme an – auch solche, die sich auf russischem Boden befinden. Unterdessen wächst die Sorge vor einer neuen Eskalationsstufe im Krieg. Aber nicht nur angesichts des Einzugs erneut Tausender russischer Soldaten durch Präsident Wladimir Putin.
Seit der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 ist die Gefahr einer nuklearen Eskalation Teil der russischen Kriegsführung. Durch neue Drohnenangriffe ukrainischer Streitkräfte auf eine Radaranlage auf russischem Territorium könnte womöglich Putins rote Linie für den potenziellen Einsatz von Atomwaffen überschritten sein, berichtet der US-Nachrichtendienst Newsweek.
Ukraine gelingt erneut Drohnenangriff auf russisches Radarsystem
Wie das ukrainische Militär auf seiner Website meldete, haben Kamikaze-Drohnen des ukrainischen Militärgeheimdienstes eine Radaranlage in der Stadt Kowylkino im russischen Oblast Mordwinien angegriffen. Die Stadt mit rund 20.000 Einwohnern liegt rund 680 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Bereits am 11. April 2024 meldeten die örtlichen Behörden, dass zwei Drohnen in Mordwinien abgeschossen wurden.
Der Standort der Radaranlage unweit des rund 20.000 Einwohner zählenden Kowylkino beherbergt der Newsweek zufolge einen 29B6 „Container“-Over-the-Horizon-Radar, der Teil des russischen Aufklärungs- und Frühwarnnetzes für Luft- und Raumfahrtangriffe ist – auch für solche durch ballistische Raketen.
Der sogenannte Container ist dabei Teil des Raketenangriffswarnsystems (MARS). Das erste Exemplar des Container-Radars wurde von Russland in den Jahren 2000-2002 in Kowylkino gebaut, meldet die Ukrainska Pravda mit Bezugnahme auf Quellen des ukrainischen Militärs.
Wie reagiert Putin auf die ukrainischen Angriffe auf „kritische militärische Einrichtungen“?
Und der Angriff auf das Radarsystem könnte bei Putin durchaus eine Grenze übertreten haben. Laut einem Präsidialerlass Putins aus dem Jahr 2020, der auf der Kreml-Homepage einsehbar ist, ist ein Angriff beziehungsweise eine „Einwirkung des Feindes auf kritische staatliche oder militärische Einrichtungen der Russischen Föderation, (…) deren Ausschaltung die Reaktion der Nuklearkräfte stören würde“ nämlich eine der Bedingungen für die Möglichkeit des Einsatzes von Atomwaffen durch Russland.
Dazu gehören unter anderem „der Erhalt zuverlässiger Informationen über den Start ballistischer Raketen, die das Territorium der Russischen Föderation und (oder) ihrer Verbündeten angreifen“ als auch „der Einsatz von Kernwaffen oder anderen Massenvernichtungswaffen durch den Feind auf dem Territorium der Russischen Föderation und (oder) ihrer Verbündeten“.
Als weitere Kriterien werden in Putins Präsidialerlass genannt: „Einwirkung des Gegners auf kritische staatliche oder militärische Einrichtungen der Russischen Föderation, deren Ausfall zur Unterbrechung der Reaktionsmaßnahmen der Nuklearstreitkräfte führt“ sowie „Aggressionen gegen die Russische Föderation mit konventionellen Waffen, wenn die Existenz des Staates selbst bedroht ist“.
Bereits vergangene Woche hatte die Ukraine die Stellungen in Kowylkino angegriffen
Bereits durch den ukrainischen Drohnenangriff vom 11. April war ein Schaden für Russland entstanden. So wies das ukrainische Militär darauf hin, dass beide Drohnen genau über der russischen Militäreinheit 84680 abgeschossen worden waren. Das Gebäude, in dem sich der Kommandoposten befand, sei infolge des Angriffs beschädigt worden, berichtet die Ukrainska Pravda außerdem.
Auch russische Medien bestätigten, dass infolge des ukrainischen Drohnenangriffs Schäden am betreffenden Gebäude entstanden seien – etwa die russische Internetzeitung The Insider berichtete über den Vorfall.
Der ukrainischen Online-Zeitung zufolge berichteten Anwohner per Messaging-Apps, dass sie gegen 09:00 Uhr Explosionen gehört haben. Etwa auf dem Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter) werden auch Videos geteilt, die eine Rauchsäule am Standort des Container-Radars nach dem Drohnenangriff zeigen sollen. Wie die Ukrainsa Pravda außerdem mitteilt, werde der Fall zwecks konkreterer Details gegenwärtig weiterhin überprüft. (fh)
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