VonStefan Schollschließen
Mehrere russische Raffinerien wurden durch ukrainische Drohnen beschädigt, was zu regionalen Engpässen und steigenden Benzinpreisen führt.
Es ist das übliche russische Ritual: Tankdeckel aufdrehen, den Zapfhahn hineinstecken, zur Kasse laufen und im Voraus bezahlen. Benzinmangel? „Nein, keine Sorge“, lächelt die junge Verkäuferin in der Tatneft-Tankstelle im Moskauer Stadtteil Troparjowo, als sie meine 2000 Rubel abrechnet. Das Benzin sei nicht knapp geworden. „Die Lieferungen sollen sich ja wieder normalisieren.“
Kriegslage
In der Nacht zu Dienstag war wieder Infrastruktur in der Ukraine das Ziel russischer Angriffe. Dabei kam zumindest ein 65-Jähriger an einer Haltestelle in Cherson ums Leben; ein anderer Mann wurde verletzt. In der grenznahem Region Sumy kam es teilweise zu Stromausfällen. Vor allem im Wohnsektor gab es demnach Schäden. Auch ein Bus wurde getroffen, die Fahrerin und ein Passagier trugen Verletzungen davon. Probleme bei der Strom- und Wasserversorgung von Poltawa gab es ebenfalls.
Im russisch besetzten Teil Chersons kamen durch ukrainische Drohnen vier Menschen ums Leben. Bei Kursk und Belgorod gab es auch Drohnenalarm. afp/dpa
Aber ein Liter Super Bleifrei kostet heute 66,19 Rubel, das sind 68 Cent – für Westeuropäer:innen ein Traumpreis, für die Bevölkerung in Moskau aber ein schlechtes Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Russlands Benzinkrise auch die Hauptstadt erreicht hat. Das Portal „msk1.ru“ schreibt bereits von Tatneft-Tankstellen in der Metropole, wo kein Super Bleifrei mehr zu haben ist, von geschlossenen Zapfsäulen und Kanisterfüllverboten bei Lukoil sowie von 68-Rubel-Preisen in der Vorstadt Podolsk – fast 16 Prozent höher als die Durchschnittspreise im vorigen Jahr.
Videos kilometerlanger Warteschlangen vor Provinztankstellen im russischen Fernen Osten und auf der annektierten Krim kursieren seit Wochen. Tatsächlich bricht die Benzinversorgung keineswegs flächendeckend zusammen. Vor allem private Tankstellen machen dicht, die im Gegensatz zu großen Ölfirmen wie Tatneft oder Lukoil keine Raffinerien und Reservelager besitzen. Aber regional häufen sich die Probleme. Und überall rattern die Leuchtziffern auf den Preistafeln. In der Moskauer Nachbarregion Kaluga wird Superbenzin bereits für 77 Rubel verkauft – fast 18 Rubel mehr als Anfang Juni. „Die Preise blähen sich wie Hefeteig“, schimpft ein Moskauer Autofahrer. Russland rutscht in eine Treibstoffkrise. Im Spätsommer erklärten Fachleute die Mängel an Diesel und Benzin vor allem mit der Erntezeit in der Landwirtschaft und dem verstärkten Autoverkehr in der Urlaubssaison.
Beide Argumente stechen jedoch im Oktober nicht mehr. Jetzt ist immer häufiger von Reparaturarbeiten an Raffinerien die Rede. Auch linientreue Medien nennen inzwischen offen deren Ursache: die systematischen Drohnenangriffe der Ukraine. Die Meldungen darüber seien sich sehr ähnlich, schreibt das Portal „Absatz.media“: „Alle Drohnen wurden abgeschossen, keine Opfer, herabfallende Drohnentrümmer haben einen Brand verursacht, alles ist unter Kontrolle. Gleichzeitig sehen wir im Netz Videos brennender Öltanks.“ Nach verschiedenen Einschätzungen fiel die Treibstoffproduktion um 17 Prozent bis 25 Prozent. Die Wirtschaftsagentur RBK meldete vergangene Woche gar, 38 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten seien ausgeschaltet. Allerdings stehen laut dem Carnegie-Experten Sergej Wakulenko 22 Prozent dieser Kapazitäten chronisch still, was die Ausfälle aufgrund von Drohnen auf etwa 16 Prozent drückt.
Und die ukrainische Offensive ist nicht vorbei. Am Montag schlugen mehrere ukrainische Drohnen auf dem Gelände einer Raffinerie bei der westsibirischen Großstadt Tjumen ein. Die Sprengstoffflugkörper flogen 2000 Kilometer über russisches Gebiet – neuer Rekord. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie mit Zusatztanks auch die 2500 Kilometer bis zur größten Raffinerie Russlands in Omsk schaffen.
Aber die Mehrzahl der Ziele – laut dem Fachportal „pronpz.ru“ 32 von 38 russischen Raffinerien – befindet sich ohnehin westlich des Urals; sie produzieren etwa 75 Prozent des Treibstoffs. Dazu gehört auch Kinef im Gebiet Leningrad. Laut Reuters verlor die zweitgrößte Raffinerie Russlands bei einem Drohnenangriff am Sonntag 40 Prozent ihrer Kapazität. Schon Mitte September hatten ukrainische Drohnen Kinef teilweise in Brand gesetzt.
Der Feind bearbeitet die ölverarbeitende Industrie mit immer neuen Wirkungstreffern. „Die sinkende Produktion bedeutet ja nicht nur Benzinknappheit“, doziert der Exilökonom Igor Lipsiz auf Youtube. Dem Staatshaushalt gingen auch die Akzisen beim Benzinverkauf verloren. Und die Regierung habe den Benzinverkauf ins Ausland verboten, was die Einnahmen verringere; man werde sogar selbst Benzin importieren, was noch mehr koste. Und Woche für Woche treffe es ja nicht eine Raffinerie, sondern mehrere – immer neue Ersatzteile und Reparaturpersonal kosteten immer mehr Geld und Zeit. „Das ist ein ganz neues Investitionsprogramm.“ Die Russen versuchen, Raffinerien mit Baugerüsten oder Stahltrossen vor Einschlägen zu schützen; die Ukrainer aber dürften alles dransetzen, diese Abwehr durch Schwarmangriffe auszuschalten. Die Luftschlacht um Russlands Rohstoffindustrie ist in vollem Gang.
