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Der neue UN-Bericht zeigt: 296 Millionen Menschen nehmen Drogen. Expert:innen der Deutschen Aidshilfe sind sich sicher, dass die richtige Sprache Menschen mit Suchtproblemen unterstützen kann. Betroffene äußern sich bei BuzzFeed News.
2022 stieg die Zahl der Drogentoten in Deutschland auf 1990 Menschen an. Der neue Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Wien legt offen: In den letzten zehn Jahren ist die weltweite Zahl an Drogenkonsument:innen um fast ein Viertel gestiegen, besonders in Krisenherden wie der Ukraine oder Afghanistan. Weltweit greifen etwa 296 Millionen Menschen zu Drogen.
Nüchterne Daten sind dabei trügerisch, sie lassen die Gefahr weit weg erscheinen, doch wie reagiere ich, wenn im Freundeskreis oder mein*e eigene*r Partner:in zu illegalen Substanzen greift? Und aus dem „ab und zu mal“ eine Sucht wird? Der erste und enorm wichtige Schritt dabei: Ändere deine Sprache!
Michael spricht über Kommentare seiner Freunde: „Ich weiß, sie meinten es gut, aber es tat mir nicht gut“
Das mag anfangs vielleicht absurd klingen, doch die Expert:innen der Deutschen Aidshilfe (DAH) sind sich sicher, dass darin der Schlüssel zum Erfolg liegen kann. Schuldzuweisungen und eine negative Wortwahl indes helfen nicht nur nicht, sie können die Situation auch weiter verschlimmern. „Stigmatisierung ist ein ethisches Problem, weil sie benachteiligt und die Menschenwürde der Betroffenen angreift. Die Stigmatisierung findet oft über Sprache statt, etwa über negativ aufgeladene Worte. ‚Sucht‘ und ‚Droge‘ sind zum Beispiel manchmal regelrechte Kampfbegriffe, die Menschen übergestülpt werden und sie lähmen“, sagt Dirk Schäffer, Referent für Drogen bei der DAH BuzzFeed News.
Auch Michael aus Berlin kann das BuzzFeed News bestätigen, der 23-Jährige ist durch die Partyszene nach und nach an immer härtere Substanzen gelangt: „Meine früheren Freunde, die mich noch aus meiner Zeit davor kennen, wollten mir immer wieder helfen. Aber ihre Art zu helfen, diese Blicke, die wehmütige Stimme und ihre Worte griffen mich immerzu an. Das löste bei mir zumeist eher ein Gefühl von ‚Jetzt erst recht‘ aus. Ich weiß, sie meinten es gut, aber es tat mir nicht gut.“
Ähnliche Erfahrungen macht auch die DAH seit Jahren: „Menschen mit einem problematischen Substanzkonsum oder einer Abhängigkeitserkrankung haben oft in ihrem ganzen Leben immer wieder Erfahrungen von Stigmatisierung und Ausgrenzung gemacht – nämlich dann, wenn sie ihren Konsum offenbarten, zum Beispiel in der Schule, zu Hause, im Beruf oder schließlich vor Gericht.“
Stigmatisierende Sprache gibt es auch in der queeren Community
Dieses Stigma gibt es dabei auch quer durch alle Freundeskreise hindurch, beispielsweise auch in der queeren Szene, wie David erzählt: „Ich dachte echt, bei meinen schwulen Freund:innen gibt es da keinen Stress. Ich meine, wir waren oft zusammen weg, haben auch mal was eingeworfen. Ich bin weiter in die Chemsex-Szene gerutscht und plötzlich war ich für sie nicht mehr gut genug. Das hat mich krass verletzt, tut es bis heute noch!“
Viele Menschen mit Substanzkontakt machen dabei laut der DAH ganz ähnliche Erfahrungen: „Solange Menschen Alkohol oder Substanzen kontrolliert und in Maßen konsumieren, ist für ihr Umfeld oft alles in Ordnung. Kommt es aber zu Auffälligkeiten oder die Sache gerät außer Kontrolle, stehen sie oft alleine da. Dies ist eine der schlimmsten Erfahrungen, die Menschen machen können.“
Für Schäffer ist zudem klar, eine stigmatisierende Sprache macht vor keiner Community halt, auch nicht bei LGBTQIA+, wo anderweitig viel Wert auf Akzeptanz und Zusammenhalt gelegt wird. Allerdings könnte gerade auch eine tief verbundene Community abhängigen Menschen helfen: „Communitys können hier eine wichtige Rolle spielen, indem sie eine sensible Sprache kultivieren. Dabei geht es eigentlich darum, differenziert und sensibel zu denken: genau hinzuschauen, was bei der anderen Person los ist und gegebenenfalls auf hilfreiche Weise mit ihr zu sprechen“, so Schäffer.
Wie erleben drogenerfahrene Menschen die Situation tatsächlich?
Die Aidshilfe wollte es genauer wissen und fragte mehrere Monate bei Betroffenen nach. Wie erleben drogenerfahrene Menschen die Situation tatsächlich? „Für viele ist dramatisch, dass Stigmatisierung auch vor Mitarbeiter:innen im Gesundheitswesen nicht Halt macht. In jene Menschen setzen sie oft ihre Hoffnung, werden aber immer wieder enttäuscht. Das fördert Misstrauen.“
Um Vertrauen wieder aufzubauen, braucht es zuallererst eine Sprache, die mitnimmt, die fördert, statt fordert: „Sprache hat das Potenzial, Menschen zu ermutigen. Sie ist aber auch ein mächtiges Instrument, um Menschen auszugrenzen und zu einer Gefahr zu erklären.“
Zusammen mit mehreren Fachvereinen hat die Aidshilfe deswegen einen Leitfaden erarbeitet, wie wir Sprache positiv einsetzen können. Zu den zehn Grundsätzen zählen dabei Aspekte wie eine bestärkende Begriffsbenutzung, keine Banalisierung von Problemen sowie Gespräche auf Augenhöhe. Ebenso sollten wir nicht einschüchternd oder wertend auftreten, unserem Gegenüber die eigene Sprache aufdrängen oder vorschnelle Annahmen fällen. Wichtig sei auch, auf die No-Gos zu achten, so Schäffer weiter: „Sätze wie ‚Du musst einfach nur aufhören´ sind ebenso falsch wie verletzend, denn sie suggerieren, dass alles eigentlich einfach ist und die abhängige Person nur wollen muss. Implizit wird damit behauptet, der oder die andere wolle nicht. Einen Menschen mit Suchtproblem als ‚charakterlich schwach´ zu bezeichnen, verletzt und stigmatisiert in mehrfacher Hinsicht.“
Ebenso negativ sind Worte wie beispielsweise Junkie, Alki, Süchtiger oder Rückfall. Im Gegenzug lässt sich mit positiven Ausdrücken sofort eine bessere Ausgangslage erreichen, beispielsweise können wir von „Substanz“ anstatt von Droge oder Rauschgift sprechen.
Michael wünscht sich, dass er auf seine Freund:innen zukommen darf, wenn er Redebedarf hat
Damit sind wir wieder bei David und seinem Freundeskreis, der die Lage eher verschlimmert hat – ein Phänomen, das auch in Familien oft vorkommt, so Schäffer: „Angehörige, die versuchen zu helfen, als ‚co-abhängig´ zu bezeichnen, kann auch sehr verletzend und stigmatisierend sein.“
Das denkt auch Michael, der seit einigen Monaten keine Substanzen mehr nimmt: „Ich will nicht dauernd darüber sprechen müssen, es bleibt für mich sowieso ein omnipräsentes Thema, aber ich möchte im Freundeskreis nicht als der Süchtling abgestempelt werden. Und ich will nicht, dass das erste Gesprächsthema immer mein früherer Drogenkonsum ist. Noch schlimmer ist dann nur noch, wenn Menschen mich mit großen Augen anblicken und bedeutungsschwanger fragen: Und, wie geht es dir heute?“ Michael wünscht sich indes, dass er normal behandelt wird und er auf seine Freund:innen zukommen darf, wenn er Redebedarf hat.
Tipps für junge Menschen, die wenig Erfahrung mit Alkohol- und Drogenmissbrauch haben
Und in der Tat können weniger Worte auch manchmal mehr sein, so der DAH-Experte weiter: „Jungen Menschen, die wenig Erfahrung im Umgang mit Alkohol- oder Drogenmissbrauch haben, würde ich raten, wenig Worte zu machen. Hilfreich ist es eher, wenn sie durch ihr Verhalten, ihre Mimik und Gestik Ruhe ausstrahlen und den Freund oder die Freundin fest im Freundeskreis einschließen. Sie können auch auf sensible Weise dazu motivieren, sich Hilfe zu holen, und auf Ansprechpersonen hinweisen, etwa Mitarbeiter:innen in Sozialprojekten und Jugendclubs.“
Bei David ist es schlussendlich zum Bruch mit den alten Freund:innen gekommen – ebenso wie mit den Kumpels aus der Chemsex-Szene. „Das wurde irgendwie beinahe als Verrat gewertet, als ich gesagt habe, ich höre auf damit. Ich kann das auch verstehen. Du erlebst zusammen unter Droge eine so intensive Zeit, dass die Realität sowie auch der nüchterne Sex für viele dann nur noch wie ein alter Schwarz-Weiß-Film rüberkommen. Wer dahin freiwillig zurückwill, ist aus deren Sicht irgendwie gestört. Chemsex schweißt auch freundschaftlich irre zusammen, das machte mir den Ausstieg noch schwerer.“
Verletzungen durch Sprache vermeiden – „Messlatte lege ich auch bei mir selbst an“
Für David kam die Wende, als er morgens in Berlin in einer Seitengasse erwachte, ohne zu wissen, was passiert war. Vor einem Monat zog er deswegen in eine andere Stadt und will dort neu anfangen, inklusive eines neuen Freundeskreises. „Ich will Menschen um mich haben, die mir nicht den Eindruck vermitteln, ich bin weniger wert, nur weil ich vielleicht mal Unsinn treibe. Diese Messlatte lege ich auch bei mir selbst an und achte seither viel mehr auf meine Wortwahl!“
Das kann auch Schäffer abschließend nur empfehlen: „Diese Grundsätze sind sicherlich nicht nur im Kontext des Substanzkonsums wichtig. Sich damit auseinanderzusetzen kann unser Zusammenleben ganz allgemein verbessern und Verletzungen durch Sprache, Haltung und Verhalten vermeiden helfen.“