VonJohannes Dieterichschließen
Nach zehn Jahren sind die Blauhelme im westafrikanischen Mali nicht mehr willkommen. Gierige Putschisten, Islamisten und russische Söldner teilen das Land nun unter sich auf.
Schließlich ging alles blitzschnell. Weniger als eine Dreiviertelstunde brauchte der UN-Sicherheitsrat am vergangenen Freitag in New York, um die „Multidimensionale integrierte Stabilisierungsmission“ der Vereinten Nationen in Mali (Minusma) zu Grabe zu tragen: Einstimmig beschlossen die 15 Mitglieder des Rats die Abwicklung der umstrittensten Mission des Staatenbunds bis Ende 2023. Mehr als 300 Blauhelme mussten während des zehnjährigen UN-Einsatzes in dem Sahelstaat ihr Leben lassen. Nun stellt sich umso lauter wieder die Frage: Wozu?
Hätten die fast 22 Millionen Menschen in Mali über die Zukunft der Friedenmission zu entscheiden gehabt, wären die Chancen für eine Fortsetzung Minusmas wesentlich größer gewesen. Doch auch bei den UN entscheiden die Regierungen: Und Militärherrscher Assimi Goïta ließ keinen Zweifel an seinem Wunsch, dass die rund 15 000 Angehörigen der Mission „unverzüglich“ nach Hause geschickt werden. Auch wenn der Sicherheitsrat noch ein halbes Jahr für einen „geordneten“ Abzug herausschinden konnte: Spätestens dann wird in dem Unruhestaat ein gefährliches Vakuum entstehen, das die auf knapp 2000 Mann geschätzte russische Söldnerabteilung „Wagner“ gewiss nicht füllen wird. Zu befürchten ist vielmehr, dass die für ihre Brutalität berüchtigte Truppe das Pulverfass vollends zur Explosion bringen wird.
UN-Mission in Mali: Viel haben die Blauhelme nicht ausgerichtet
Einem der russischen Einsätze ist zu verdanken, dass die UN-Mission jetzt abgewickelt wird. Im März vergangenen Jahres überfielen die Söldner gemeinsam mit malischen Soldaten das Städtchen Moura im Zentrum des Landes und exekutierten mehr als 500 Menschen. Das Massaker löste weltweites Entsetzen und zeitigte eine Minusma-Untersuchung, die im Mai zu dem Schluss kam, dass gemeinsam mit „ausländischen Kämpfern“ operierende malische Soldaten für das Blutbad verantwortlich waren.
Erzürnt warf die Militärregierung in Bamako der UN-Mission Spionage und Gefährdung der Sicherheit des Landes vor: Minusmas Vorwürfe würden „den Frieden, die Versöhnung und den natürlichen Zusammenhalt der Bevölkerung“ zerstören. Seitdem wurde in Bamako das Ende der UN-Mission, der auch über 1000 Bundeswehrsoldat:innen angehörten, mit Hochdruck betrieben.
Viel hatten die rund 13 000 Blauhelme in ihrem zehnjährigen Einsatz nicht ausgerichtet. Wenn überhaupt, konnten sie höchstens der Bevölkerung in den Städten des Landes einen gewissen Schutz vor den Übergriffen der Islamisten bieten, in diesem Fall der mit Al-Kaida verbündeten „Jama’at Nusratul Islam wal Muslimin“ und dem „Islamischen Staat“. Außerhalb der Städte war die Bevölkerung den Angriffen der Extremisten wehrlos ausgesetzt – vor allem, nachdem Frankreich seine Truppen im vergangenen August abzog. Sie hatten zehn Jahre lang Jagd auf die Islamisten gemacht, die den Norden Malis gemeinsam mit Sezessionisten 2012 besetzt gehalten hatten. Damals wurden die französischen Soldaten noch als Befreier gefeiert.
UN-Mission in Mali: Die Ankunft der „Wagner“-Söldner änderte die Situation dramatisch
Als sich abzeichnete, dass die Fremdenlegion die islamistischen Umtriebe nie wirklich würde beenden können, verschlechterte sich das Verhältnis zur einstigen Kolonialmacht: Hinzu kam, dass dem französischen Kontingent in der im Süden gelegenen Hauptstadt Bamako eine zu große Nähe zu den sezessionistischen Tuareg im Norden vorgeworfen wurde. Das „Abkommen von Algerien“, das für Frieden zwischen den Tuareg und Bamako führen sollte, erwies sich als zunehmend labil – und wird nach dem Abzug der vor allem im Norden stationierten Minusma in akuter Gefahr sein.
Die Enttäuschung über Paris und der Aderlass der malischen Regierungstruppen führte im August 2020 zum Putsch gegen die als frankophil betrachtete zivile Regierung: Die Offiziere präsentierten sich als „Retter der Souveränität“ ihres Landes. Kurz darauf bot sich „Wagner“, die überall in Afrika nach Pfründen suchte, als Freund der Putschisten an: Manche malische Offiziere hatten noch aus Zeiten des Kalten Kriegs beste Beziehungen zu Moskau.
Die Ankunft der russischen Söldner änderte die Lage in Mali dramatisch. Paris zog sich verstimmt zurück, Bamako setzte seine Hoffnungen ganz auf „Wagner“ und machte Minusma mit zahllosen Restriktionen das Leben schwer. Die Bundeswehrsoldat:innen durften kaum noch ihre Drohnen fliegen lassen – wohl aus Furcht, sie könnten die Umtriebe der Söldner beobachten. Schon im vergangenen Jahr zeichnete sich ab, dass Minusma zum Scheitern verurteilt war.
Unter dem Abzug der UN-Truppen wird vor allem Malis Landbevölkerung leiden: Sie wird sowohl den Angriffen der Islamisten wie der Brutalität der russischen Söldner schutzlos ausgeliefert sein. Die Folge wird sein, dass immer mehr Menschen den Extremisten in die Arme getrieben werden: Deren Angriffe nehmen schon jetzt an Häufigkeit zu – allein in der ersten Hälfte dieses Jahres fielen fast 1600 Menschen ihren Überfällen zum Opfer.
Fachleute sind sich einig, dass Malis Spannungen nur politisch zu lösen sind: Auch Paris musste einsehen, dass eine militärische Lösung gegen den Islamismus im Sahel illusionär bleiben wird. Indem er die UN-Mission beenden lässt und die russischen Söldner mit der Sicherung des Landes betraut, schlägt Militärherrscher Assimi Goïta die entgegengesetzte Richtung ein: In der Heimat Timbuktus und der ältesten Universitäten der Welt zeichnen sich noch schlimmere Zeiten als heute schon ab.

