VonJoachim Willeschließen
Die Welt steuert auf eine katastrophale Erwärmung von bis zu 3,1 Grad zu, warnt das UN-Umweltprogramm – und zeigt, wie sich das Schlimmste verhindern lässt.
Die Weltgemeinschaft hat noch die Chance, die Erderwärmung langfristig auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, doch dazu müssten die Regierungen ihre Anstrengungen zur Treibhausgas-Einsparung rasant hochfahren. Das meldet das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) in Nairobi. Würden nur die bisherige CO2-Einsparpläne umgesetzt, drohten in diesem Jahrhundert hingegen eine Aufheizung des Planeten um 2,6 bis 3,1 Grad. „Dies hätte lähmende Auswirkungen auf Menschen, Planeten und Volkswirtschaften“, heißt es in dem Bericht mit dem Titel „Report zur Emissionslücke 2024: Keine heiße Luft mehr … bitte!“
Laut dem Bericht müssten sich die Länder der Welt gemeinsam dazu verpflichten, die jährlichen Treibhausgas-Emissionen bis 2030 um 42 Prozent und bis 2035 um 57 Prozent zu senken. Zudem sei es wichtig, dies mit raschen Maßnahmen zur Umsetzung zu untermauern. Andernfalls wird das 1,5-Grad-Limit des Pariser Abkommens nach den Unep-Kalkulationen bereits innerhalb weniger Jahre dauerhaft überschritten.
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Der Unep-Emissionsbericht erscheint jährlich im Vorfeld der UN-Klimagipfel. Die diesjährige „COP 29“ beginnt am 11. November in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, einem Land mit hoher Erdöl- und Erdgas-Produktion. Aktualisierte nationale CO2-Pläne (National Determinded Contributions/NDCs) sollen von den Regierungen Anfang nächsten Jahres im Vorfeld der COP 30 in Brasilien eingereicht werden.
Dann bleiben nur noch fünf Jahre, um ambitionierte CO2-Zwischenziele für 2030 umzusetzen. Das 1,5-Grad-Limit als Ziel wurde 2015 auf dem Gipfel in Paris beschlossen. Die UN-Klimapolitik geht allerdings schon auf den „Erdgipfel“ von Rio 1992 zurück, auf dem die Weltklimakonvention beschlossen wurde.
Der neue Report zeigt, dass eine bloße Fortsetzung der aktuellen Politik eine Erwärmung von 3,1 Grad provozieren würde, aber auch eine vollständige Umsetzung der vorliegenden NDCs würde das Temperaturplus nur auf 2,6 Grad drücken. Unter diesen Szenarien, die alle von einer Wahrscheinlichkeit von über 66 Prozent ausgehen, würden die Temperaturen bis ins nächste Jahrhundert weiter steigen. Geht man davon aus, dass die bisher gemachten, noch unverbindlichen „Netto-Null“-Versprechen tatsächlich umgesetzt werden, könnte die globale Erwärmung laut Unep auf 1,9 Grad begrenzt werden. „Aber derzeit besteht wenig Vertrauen in die Umsetzung dieser Versprechen“, moniert Unep. Einige Länder und Ländergruppen wie USA und EU haben angekündigt, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 auf Null herunterzufahren, andere wichtige Emittenten wie China und Indien peilen 2060 respektive 2070 dafür an.
Enorme Anstrenung nötig
Die genannten CO2-Reduktionen , die für das 1,5- oder das Zwei-Grad-Ziel erforderlich sind, beziehen sich auf den globalen Ausstoß von 2019.
Die Emissionen sind seither weiter gestiegen, auf den Rekordwert von 57,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent. Jede Verzögerung bedeutet, dass noch mehr eingespart werden muss.
Das 1,5-Grad-Ziel ist laut dem Report noch drin, allerdings nur bei normen Anstrengungen. Es gibt danach ein technisches Potenzial für Emissionskürzungen im Jahr 2030 von bis zu 31 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent.
Das entspricht etwa der Hälfte der Emissionen von 2023. Für 2035 sehen die Autorinnen und Autoren sogar ein Potenzial zur Einsparung von 41 Milliarden Tonnen CO2.
Das würde die Lücke zum 1,5-Grad-Limit in beiden Jahren zu Kosten von weniger als 200 US-Dollar pro Tonne CO2 schließen.
27 Prozent des Einsparpotenzials im Jahr 2030 beruhe auf dem verstärkten Einsatz von Solar- und Windenergie, für das Jahr 2035 seien es sogar 38 Prozent.
Maßnahmen zum Schutz der Wälder könnten rund 20 Prozent beisteuern. Weitere Möglichkeiten, den CO2-Ausstoß zu drücken, seien Effizienzmaßnahmen, Elektrifizierung und Brennstoffwechsel in den Sektoren Gebäude, Verkehr und Industrie. jw
In dem Unep-Bericht wurde auch untersucht, was nötig wäre, um die globale Erwärmung wenigstens „deutlich“ auf unter zwei Grad zu begrenzen, was im Paris-Abkommen als zweite Sicherheitslinie festgelegt ist. Dazu müssten die Emissionen bis 2030 um 28 Prozent und bis 2035 – dem neuen „Meilenstein-Jahr“, das in die nächsten NDCs aufgenommen werden soll – um 37 Prozent gegenüber dem Stand von 2019 sinken. Problematisch ist bei diesem Limit allerdings, dass dann bereits erste Kippelemente des Weltklimas irreversibel ausgelöst werden könnten. Darunter das Abschmelzen der Eisschilde an Nord- und Südpol sowie das Absterben der tropischen Korallenriffe.
Unep-Chefin Inger Andersen kommentierte den Report so: „Die Zeit der Klimakrise ist gekommen. Wir brauchen eine globale Mobilisierung in einem noch nie dagewesenen Ausmaß und Tempo – und zwar sofort, vor der nächsten Runde der Klimaversprechen –, sonst ist das 1,5-Grad-Ziel bald tot, und ,deutlich unter zwei Grad‘ wird seinen Platz auf der Intensivstation einnehmen.“ Sie forderte die Regierungen auf, die COP 29 zu nutzen, um die Voraussetzungen für strengere NDCs zu schaffen, und dann alles daran zu setzen, einen 1,5-Grad-Pfad einzuschlagen. „Jeder Bruchteil eines vermiedenen Grades zählt, wenn es darum geht, Leben zu retten, Volkswirtschaften zu schützen, Schäden zu vermeiden.“
Auch UN-Generalsekretär António Guterres äußerte sich zu dem Report. Er sagte: „Die Emissionslücke ist kein abstrakter Begriff. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen steigenden Emissionen und immer häufigeren und intensiveren Klimakatastrophen.“ Rekordemissionen bedeuteten Rekordtemperaturen der Meere, die Hurrikane verschlimmern; Rekordhitze verwandele Wälder in Zunderkisten und Städte in Saunen; Rekordregen führt zu biblischen Überschwemmungen. „Der heutige Emissionslücken-Bericht ist eindeutig: Wir spielen mit dem Feuer; aber wir können nicht länger auf Zeit spielen“, mahnt Guterres. Um die Netto-Null bei den Emissionen zu erreichen, ist laut Unep eine Versechsfachung der Investitionen zur CO2-Reduktion erforderlich. Die geschätzten zusätzlichen Investitionen für Netto-Null betragen laut dem Report 0,9 bis 2,1 Billionen US-Dollar pro Jahr von 2021 bis 2050 – Investitionen, die sich in Form vermiedener Kosten durch Klimawandel, Luftverschmutzung, Naturschäden und Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit auszahlen würden.
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