- VonGerd Höhlerschließen
Extrem hohe Temperaturen und viele Brände, doch der Tourismus in Griechenland boomt. Nun kommt aber ein weiteres Problem dazu.
Zwei Wochen Rhodos hatten Carmen und Peter Bode gebucht, aber es wurden nur zwei Tage. „Bei der Ankunft war es schon 42 Grad“, erzählt Carmen Bode. „Am nächsten Tag kam das Feuer, unser Hotel im Südwesten der Insel wurde evakuiert, und nach einer Nacht in einer Notunterkunft wurden wir nach Hause geflogen“, berichtet das Kölner Ehepaar. Griechenland erlebt einen Sommer der Extreme.
Auf den kühlsten und verregnetsten Juni seit Jahrzehnten folgte der heißeste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Erst die Hitze, dann die Brände: Auf den Inseln Rhodos und Korfu mussten Zehntausende Menschen evakuiert werden. Tourist:innen brachen ihren Urlaub ab und wurden vorzeitig heimgeflogen. In Athen sperrten die Behörden in den Mittagsstunden den Zugang zur Akropolis, um Besucher vor Hitzschlag zu schützen. Christos Zerefos, Leiter des Forschungszentrums für Atmosphärenphysik und Klimatologie an der Athener Akademie, erwartet in Zukunft mehr Sommer wie diesen: „Wir hatten immer schon Hitzewellen, aber sie werden häufiger, heißer und dauern länger.“ Zerefos sagt: „Wir werden uns an 2023 als einen Wendepunkt erinnern – die Klimakrise ist da“.
Griechenland trotz Waldbränden weiterhin beliebtes Urlaubsziel
Was bedeutet das für den Tourismus? Wer will bei über 40 Grad noch am Strand liegen oder in einem Hotelpool schwimmen, der so warm ist wie ein Jacuzzi? Costas Synolakis ist Professor für Umweltingenieurwesen an der University of Southern California und Vorsitzender des nationalen griechischen Wissenschaftsrats zum Klimawandel.
Der Geowissenschaftler erwartet zwar keine unmittelbaren dramatischen Konsequenzen für den Tourismus, wohl aber langfristige Folgen. „Hawaii, Florida und Thailand erleben seit einigen Jahren extreme Klimaphänomene, doch die Auswirkungen auf den Tourismus sind bisher minimal“, sagt Synolakis. Dass die Griechenland-Tourist:innen nun auf Ziele in Nordeuropa ausweichen könnten, glaubt er nicht: „Zwischen den Ägäisinseln und Skandinavien gibt es keine Konkurrenz.“
Tourismus in Griechenland trotz Hitze und Brände auf Rekordkurs
Auf den Griechenland-Tourismus insgesamt werden Hitze und die Brände wohl nur minimale Auswirkungen haben. Fachleute erwarten für dieses Jahr mit 32,6 Millionen Besuchenden einen neuen Reiserekord. Das wären 2,8 Millionen mehr als im Vorjahr. „Was in Griechenland aber passieren könnte, ist eine Verlängerung der Tourismussaison“, sagt Synolakis. „Die Europäer machen traditionell vor allem im Juli und August Urlaub, doch die lokale Industrie ist auf eine Saison von März bis November gut vorbereitet“, erläutert der Wissenschaftler. „Eine Verlängerung der Saison bedeutet weniger Menschenmassen und weniger Umweltbelastung“, sagt Synolakis. Damit liegt in der Klimakrise auch eine Chance. Bei vielen Veranstaltern ist Griechenland nun bis weit in den November hinein buchbar.
Feuer-Inferno auf Rhodos: Erschütternde Aufnahmen zeigen, wie die Flammen die Insel verändert haben




Längere Urlaubssaison in Griechenland möglich
Besorgt ist der Geowissenschaftler Synolakis aber über die langfristige Entwicklung. Der Anstieg des Meeresspiegels hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten beschleunigt. „Prognosen gehen davon aus, dass das Mittelmeer bis 2100 um etwa einen Meter ansteigen könnte“, sagt er. Eine Gefahr für die Strände, die infolge menschlicher Eingriffe und mangelhafter Planung der Küstenanlagen ein erhebliches Problem mit der Erosion haben. Der von den Urlauber:innen bevorzugten feine Sand und sanfte Hänge seien am meisten gefährdet. „Griechenland muss seine veralteten Gesetze ändern, die ‚harte Strukturen‘ zum Küstenschutz vorsehen, und stattdessen umweltfreundliche, wirksamere und billigere Strandaufschüttungen zulassen“, fordert der Wissenschaftler.
Immerhin: Eine weitere Hitzewelle scheint Griechenland in diesem Sommer erspart zu bleiben. In den ersten beiden Augustwochen lagen die Temperaturen sogar etwas unter dem langjährigen Durchschnitt. Die Bodes jedenfalls wollen im nächsten Frühjahr wieder nach Rhodos, diesmal auf Kosten der griechischen Regierung, die Urlauber:innen, die wegen der Brände vorzeitig heimfliegen mussten, eine Woche Gratisurlaub versprochen hat.
Rubriklistenbild: © afp
