- VonBettina Menzelschließen
Im Fall des Datenlecks im Pentagon hat das FBI einen Verdächtigen gefasst. Wie gelangte der mutmaßliche Maulwurf an die Geheiminformationen der USA?
Dighton (USA) – Das Phantom hinter den geleakten Geheimdienst-Dokumenten ist offenbar gefasst. Ein 21-jähriger US-amerikanischer Soldat soll hinter den sogenannten Pentagon-Leaks stecken. Erst veröffentlichten US-Medien den Namen des Verdächtigen, kurz darauf nahmen Agenten der US-Bundespolizei FBI den mutmaßlichen Maulwurf am Donnerstagnachmittag fest. Wie gelangte der junge Soldat an die brisanten Unterlagen?
Pentagon-Leaks: Reporter waren bei der Festnahme vom Maulwurf vor dem FBI vor Ort
Es ist das größte Datenleak von US-Dokumenten seit einem Jahrzehnt: Ein 21-jähriger Angehöriger der Nationalgarde soll Ermittlungen zufolge als Maulwurf für das aktuelle Datenleck verantwortlich sein, das unter anderem Geheimdienstinformationen der USA über den Ukraine-Krieg, Russland, Nato-Pläne und Waffenlieferungen enthalten soll. Auch angebliche Schwächen der ukrainischen Luftabwehr sowie Verluste sind in den Unterlagen enthalten, sowie brisante Informationen über Länder wie China, Nordkorea, Ägypten, Iran und Israel. Für den Ukraine-Krieg könnte die Veröffentlichung weitreichende Folgen haben.
Am Donnerstagnachmittag erfolgte der schwer bewaffnete Zugriff der Behörden, die den jungen Soldaten im Ort Dighton im Bundesstaat Massachusetts festnahmen. Der Zugriff ist gut dokumentiert, da etwa Reporter der US-Zeitung New York Times (NYT) zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Stunden vor Ort waren. Die US-Zeitung hatte den Verdächtigen zuvor mit seinem vollen Namen als mutmaßlichen Maulwurf identifiziert.
Maulwurf des Pentagon-Leaks postete die Dokumente auf Videospiel-Plattform
Schon vor über einem halben Jahr soll der 21-jährige Soldat Geheiminformationen in einer geschlossenen Online-Chatgruppen der bei Videospielern beliebten Plattform Discord gepostet haben. Die dort hochgeladenen Informationen werden in Suchmaschinen wie Google nicht gefunden. Erst als die geheimen Dokumente von der geschlossenen Discord-Gruppe den Weg zu Plattformen wie Telegram und 4chan fanden, berichteten US-Medien kurz vor Ostern über das Leak. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin erfuhr nach eigenen Angaben etwa zum gleichen Zeitpunkt davon. Die Dokumente gelten als echt, könnten jedoch teilweise nachträglich bearbeitet worden sein, wie etwa das Investigativnetzwerk Bellingcat nachwies.
US-Leaks: Wie ein einfacher Soldat an die geheimen Dokumente gelangen konnte
Der nun festgenommene Soldat war laut Informationen der New York Times offenbar als Computer- und Netzwerktechniker ausgebildet worden und arbeitete im Nachrichtendienst der Nationalgarde, wodurch er offenbar Zugriff auf geheime Daten hatte. In den Foren soll der 21-jährige Soldat Informationen der Washington Post zufolge als charismatischer Waffennarr mit düsteren Ansichten über die US-Regierung, die Geheimdienste und die Strafverfolgungsbehörden beschrieben worden sein. Man habe ihn online auch als OG („Original Gangster“) bezeichnet.
Informationen eines der Foren-Mitglieder zufolge habe der Soldat erzählt, er sei an seinem Arbeitsplatz auf einem Militärstützpunkt an die Dokumente gelangt. Er habe in einem abgesicherten Bereich gearbeitet, der die Benutzung von Mobiltelefonen und anderen elektronischen Geräten untersagte. Deshalb habe der nun Festgenommene die Geheimdokumente zunächst abgeschrieben und diese Informationen über Monate hinweg in der geschlossenen Online-Chatgruppe geteilt.
Nach und nach sei der mutmaßliche Maulwurf des Ukraine-Leaks dann dazu übergegangen, Bilder der Papiere zu posten und sei dabei ein großes Risiko eingegangen, enttarnt zu werden. Angaben der New York Times zufolge ließe sich allein anhand von Bildern in sozialen Medien nachvollziehen, dass die Inneneinrichtung des Elternhauses des Soldaten mit Details übereinstimme, die am Rand der Fotos der Geheimdienstinformationen zu sehen sind.
21-Jähriger teilt brisante Geheimdienstinformationen: War es nur aus Angeberei?
Die Motivation des Soldaten ist noch unklar. Laut Mitgliedern der Online-Chatgruppe wollte der Netzwerktechniker einerseits „vor seinen Freunden prahlen“, es sei ihm aber auch um Information der Gruppe gegangen. Zwischenzeitlich sei laut Washington Post Frustration erkennbar gewesen, dass seine Enthüllungen nicht genug Aufmerksamkeit erhielten. Aus seiner Sicht klinge es so, als habe dieser „OG“ ein gewisses „Maß an Narzissmus“ gemeinsam mit anderen Whisteblowern vor ihm, sagte Ex-Geheimdienstkoordinator James Clapper dem Sender CNN. „Es gibt ein Ego-Element, sich selbst wichtig zu fühlen, dadurch dass man Zugang zu solchem Material hat und es offenlegt.“
Die Discord-Gruppe, in der der mutmaßliche Maulwurf die Informationen teilte, habe aus 24 Mitgliedern bestanden, die unter anderem über Waffen, militärische Ausrüstung und Gott diskutierten, hieß es. Es seien auch Menschen aus Russland und der Ukraine dabei gewesen. Nach jetzigem Erkenntnisstand soll es sich bei dem Verdächtigen nicht um einen russischen oder ukrainischen Agenten handeln.
US-Maulwurf lud Dateien in Discord-Gruppe hoch
Womöglich hatte der 21-Jährige mit seiner Enttarnung gerechnet: Mitte März habe er keine neuen Dokumente mehr hochgeladen, da Ende Februar offenbar die in der Discord-Gruppe vereinbarte Geheimhaltung gebrochen wurde und die Dokumente in anderen Gruppen geteilt worden waren. Ob die Dokumente noch irgendwo zum Download herumgeistern, ist unklar. Laut New York Times soll der Soldat Anfang April einem Gruppen-Mitglied aber mitgeteilt haben, „es sei etwas passiert und er bete zu Gott, dass dieses Ereignis nicht eintrete.“ Kurz darauf berichtete die NYT erstmals über die Pentagon-Leaks.
Was ist ein „Leak“?
Das Britannica-Wörterbuch definiert ein Leak als das „Weitergeben (geheimer Informationen) an jemanden, sodass sie der Öffentlichkeit bekannt werden.“ Der Duden erklärt „das Leak“ als „ungewollte Veröffentlichung von als geheim eingestuften, [sicherheits]politisch oder militärisch brisanten Dokumenten [im Internet].“
Spätestens seit die Enthüllungsplattform Wikileaks im Jahr 2006 ihre Arbeit aufnahm, wurde der Begriff „Leak“ als Bezeichnung für ein Datenleck auch im deutschsprachigen Raum bekannt. In der Regel erfolgt die Veröffentlichung von geheimen Daten, die das öffentliche Interesse betreffen, über das Internet. Der Whistleblower Edward Snowden deckte etwa im Jahr 2013 die weltweiten Spionage- und Überwachungspraktiken der USA auf, die auch in Deutschland als sogenannte NSA-Affäre hohe Wellen schlug.
Allerdings ist nicht jedes „Leak“ automatisch Whistleblowing zuzuschreiben. Als Whistleblower gilt ein Hinweisgeber, der im Geheimen ablaufende Missstände etwa in Politik, Wirtschaft oder im Militär aufdeckt und damit der Öffentlichkeit einen Dienst erweisen will. Im Fall der Pentagon-Leaks liegt die Sachlage wohl anders: Der nun festgenommene 21-jährige Verdächtige wollte dem ersten Anschein nach kein Unrecht im Dienst der Weltöffentlichkeit bekannt machen. Momentan geht man davon aus, dass der Soldat die Dokumente mutmaßlich mit keinem bestimmten Ziel veröffentlichte.
Mehr als eine Million Menschen hat Zugriff auf „Top Secret“-Geheimdokumente
Trotz der Veröffentlichungen der Whistleblower Edward Snowden im Jahr 2013 und Chelsea Manning 2010 hatten in den USA noch im Jahr 2019 1,25 Millionen Menschen Zugriff auf Geheimdokumente der Kategorie „Top Secret“. Das geht aus Informationen des US-Nachrichtendienstes hervor. Verteidigungsminister Austin kündigte nun eine Überprüfung des Zugangs zu Geheimdienstinformationen an, um „diese Art von Vorfall zu verhindern.“
Die USA werten die Veröffentlichungen der Geheimdokumente als „große Bedrohung der nationalen Sicherheit“. Im Ausland stellt man sich die Frage, wie verlässlich die USA geheime Informationen und Informanten schützen können und wie loyal die Weltmacht gegenüber ihren Verbündeten ist. Am Freitag soll der mutmaßliche Maulwurf einem Richter am zuständigen US-Bezirksgericht in Massachusetts vorgeführt werden (bme/dpa/AFP).