VonStefan Schollschließen
Indische und chinesische Firmen reagieren erstmals spürbar auf die neuen Öl-Sanktionen und prüfen ihre Importe aus Russland.
Die Sanktionen seien ein Segen – Maxim Oreschkin, Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, reagierte bei einer Investitionstagung in Wladiwostok erfreut auf neue Strafen des Westens. Die gigantischen Einschränkungen, mit denen Russland belegt worden sei, hätten nur seine wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit erhöht, so Oreschkins Spin. „In Anbetracht des positiven Effekts wird mit der Zeit jedes Land der Weltmehrheit darum bitten, dass man Sanktionen gegen es verhängt.“
Am Donnerstag hatten die USA neue Sanktionen gegen die Ölkonzerne Rosneft und Lukoil verkündet, am selben Tag veröffentlichte die EU ihr 19. Sanktionspaket. Aber nicht nur russische Fachleute erwarteten kaum Schäden für die Wirtschaft des Landes. „Bisher ist es nicht mehr als ein Warnschuss“, kommentiert die BBC. So treten Donald Trumps Sanktionen erst in einem Monat in Kraft. Und die EU-Bürokratie verhängte zwar ein Importverbot für russisches Flüssiggas, das aber erst 2027 allgemein gelten soll.
Doch der Markt reagierte auf die US-Sanktionen heftiger, als Freund und Feind erwartet hatten. Indische Firmen begannen laut der Agentur Reuters, ihre Bestellungen zu überprüfen, um sicherzustellen, dass sie kein Öl von Rosneft oder Lukoil kaufen. Raffinerien sprachen von der Bereitschaft, ihre Importe aus Russland stark einzuschränken, um Trumps Sanktionen gerecht zu werden. Auch Chinas staatliche Ölfirmen setzten am Donnerstag Einkäufe russischen Öls, das auf dem Seeweg kommt, aus.
Die beiden Länder machen laut dem kasachischen Portal „Topnews“ vier Fünftel des russischen Öl-Exports aus. Das geschieht schon jetzt zum Großteil unter Umgehung westlicher Sanktionen, über Ketten von Zwischenhändlern. Die Wirtschaftsexpertin Jelena Ustjuschanina befürchtet im Gespräch mit der linientreuen Zeitung „Argumenty i Fakty“ aber, diese Ketten würden komplizierter und teurer werden. Der Rabatt für die Käufer wachse, die Exportreingewinne aber würden „stark schrumpfen“.
Russlands vom Rohstoffexport angetriebene Wirtschaft gerät so unter Druck. Nach monatelangen ukrainischen Drohnenangriffen sind 38 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten außer Gefecht, Moskau musste die lukrative Benzinausfuhr einstellen. Aber auch im Inland klettern die Preise steil, laut der Agentur „RBK“ verteuerte sich Normalbenzin etwa in der Region Tjumen von Januar bis August 2025 um etwa 8 Prozent, und allein im September bis Oktober um noch mal so viel. Fast alle Branchen haben so höhere Kosten, und einige stecken schon tief in der Krise.
Die Kohleindustrie verzeichnete laut RBK 2024 eine Milliarde Euro Minus, und bis Mai 2025 noch einmal so viel. Trotz offiziell ausgerufenem Arbeitskräftemangel hat die Pkw-Fabrik „AwtoWAS“ die Viertagewoche eingeführt, ebenso das Rüstungswerk „Uralwagonsawod“.
Nach Angaben des Agrarportals „sd.expert.ru“ schrumpfte die Menge des geernteten Getreides im ersten Halbjahr um 80,2 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum 2024. Zum Teil ist das klimabedingt, liegt aber auch an den Treibstoffpreisen, überteuerten und mit großen Wartezeiten gelieferten Ersatzteilen für Importmähdrescher und 25 Prozent Zinsen auf Kredite zum Kauf russischen Geräts.
Hohe Zinsen, wenig Absatz
Währenddessen standen bei „Uralmasch“, dem führenden Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen, schon im Mai 700 unverkaufte Traktoren und 2300 Mähdrescher. Auch dort gibt es Kurzarbeit.
Um den Kriegshaushalt 2026 zu finanzieren, wird der Staat Strom- und Gaspreise sowie die Mehrwertsteuer erhöhen. Auch etwa 6,3 Millionen Kleinbetriebe mit mehr als umgerechnet 105 000 Euro Jahresumsatz, die bisher davon befreit waren, sollen zahlen. Nach der Umfrage einer Unternehmervereinigung denke ein Drittel der Betroffenen daran, dichtzumachen, ein weiteres Drittel will in die Schattenwirtschaft wechseln. „Leute mit Initiative und Talent“, schreibt der Investitionsexperte Jewgenij Kogan auf Telegram, „sind nur noch damit beschäftigt zu überleben.“
