Bei den US-Demokraten läuft es derzeit. Wie erleben Unterstützerinnen und Unterstützer der Partei fernab von Chicago den Wahlkampf? Eine Reportage.
Für Shante und Ron war es eine Woche der ersten Male. Zum ersten Mal Postkarten schreiben an Unentschlossene in der US-Wahl. Zum ersten Mal an Türen klopfen. Zum ersten Mal den Parteitag der US-Demokraten bei einer Watch Party, beim politischen Public Viewing, verfolgen. Wie so viele Demokratinnen und Demokraten sind die Geschwister, die seit Jahrzehnten mit der Partei sympathisieren, motiviert wie lange nicht.
Die beiden kommen eigentlich aus Chicago, wo die Partei sich in den vergangenen Tagen feierte, wohnen aber seit kurzem in Texas. Das Heimat-Event verfolgen sie in einer LGBTQ-Bar in Austin. Eins von vermutlich Hunderten solcher Events landesweit.
Es ist Montag. Zum Auftakt der Demokraten-Woche wartet alles auf Hillary Clinton und Joe Biden. Auf den Bildschirmen der Bar rauschen die vielen Vorreden nahezu unbeachtet vorbei. Shante ist gekommen, um „diesen Moment in unserem Land zu feiern“. Die 53-Jährige fragt rhetorisch: „Wie kann man sich die Geschichte und die Kameradschaft entgehen lassen?“ Nach Barack Obama hofft sie, dass es Kamala Harris als zweite Schwarze Person „von ganz unten ins Weiße Haus schafft“. Das ist für sie, „woraus Amerika gemacht ist: Vielfalt und Möglichkeiten“.
US-Demokraten: Auch Selbstkritik kommt auf
Ron erzürnt indessen das republikanische „Project 2025“, das einen autoritären Umbau der USA vorsieht. „Das hier ist ein freies Land. Niemand hat das Recht, dir zu sagen, was du tun oder lassen sollst“, sagt der 72-Jährige. Doch er kritisiert auch die Regierung unter Joe Biden und Harris: Andere Länder, etwa im Nahen Osten, sollten ihre Konflikte selbst lösen.
„Wir sollten unsere Jungs nicht überall hinschicken“, sagt er, der Anfang der 70er im Vietnam-Krieg kämpfte. Um sie herum hängen Regenbogen-Fahnen. Draußen geht die rote Sonne unter und ein „blauer Supermond“ auf, eine seltene Konstellation. Egal wie man es mit himmlischen Zeichen hält: Die Sterne standen schon schlechter für die Demokraten in diesem Wahlkampf.
Das macht sich anderntags auch im Parteibüro ein paar Straßen weiter bemerkbar. Alles steht und liegt bereit: Sticker, Schilder und Shirts. Es ist Mittwoch. Während Poetin Amanda Gorman, Schauspielerin Mindy Kaling oder Moderatorin Oprah Winfrey in Chicago sprechen, kommen nach und nach Interessierte in das Büro. „Kann ich ein Schild kaufen?“, fragt eine Frau den jungen Wahlkampf-Manager James Murphy.
Gestern sei die Lieferung gekommen, erzählt der 29-Jährige: 3500 dunkelblaue Vorgartenplakate, „HARRIS“ und kleiner darunter „WALZ“ steht darauf. Nur echt, wie einer der Anwesenden betont, mit dem mikroskopischen Zeichen der Druckergewerkschaft.
Murphy zufolge haben vier Freiwillige 1000 davon in fünf Stunden zusammengesteckt. Jetzt gehen sie für eine Spende von 15 Dollar über die Theke. Die Frau nimmt gleich drei mit. Ein Paar deckt sich ebenfalls ein. Der Mann macht schnell noch ein Selfie mit der Pappfigur einer lächelnden Harris neben dem Fernseher, auf dem der Parteitag läuft.
Der Geld-Wettbewerb
Der Wechsel von Joe Biden zu Kamala Harris hat zu einer Explosion der Spenden für den Wahlkampf der Demokraten geführt. Einer Analyse der „New York Times“ nach konnte die Harris-Kampagne in den letzten elf Tagen des Juli nach Bidens Rückzug 1,5 Millionen neue Einzelspender:innen gewinnen können und 680 000 Menschen, die zuvor schon für Biden gespendet hatten, zu neuen Zuwendungen bewegen. Das mittlere Alter von Harris Unterstützer:innen liegt demnach bei 56, bei Biden waren es 66 Jahre.
Insgesamt haben Harris und Biden „Open Secrets“ zufolge knapp 500 Millionen US-Dollar direkte Spenden akquiriert, gegenüber 265 Millionen für Kontrahent Trump. Der hat bei Spenden von ihn unterstützende Drittorganisationen aber einen Vorteil von 255 zu 207 Millionen US-Dollar. FR
„Es war hart, Leute für den Zweikampf Biden gegen Donald Trump zu motivieren“, erinnert sich Murphy. Jetzt habe sich alles verändert: „Wir haben umgestellt von Trump verhindern auf Kamala wählen.“ Doch nicht alles fällt so leicht. Viele Stühle bleiben heute leer. Rund 30 Leute sind gekommen, und noch bevor Harris’ „running mate“ Tim Walz als Hauptredner auftritt, gehen hier die Lichter aus. Für Organisator Murphy ist der Parteitag ein „schwieriges Event“, weil die Abende für einen Tag unter der Woche sehr lange dauern.
Einen Tag später spielt das keine Rolle. Die Hand liegt auf dem Herzen eines jungen Mannes, als die „Chicks“ dreistimmig die Nationalhymne singen. Früher hieß das texanische Trio „Dixie Chicks“, doch den Südstaaten-Teil des Namens legten sie ab.
In der Studentenbar Tweedy’s beginnt ein langer Abschlussabend des Parteitags musikalisch. Nicht nur, als in Chicago Beyoncés „Texas Hold’em“ läuft, singen einige mit. Die Studierende Naomi Levine hat das Treffen für die Gruppe „Texas für Kamala Harris“ mitorganisiert. Bunt leuchtende Girlanden, Zimmerpflanzen, bekritzelte Wände, Stimmengewirr – und gebannte Blicke auf den Bildschirm.
Demokraten vor der US-Wahl: Viele werden wieder aktiv
Die 20-Jährige Naomi hat stets ein Auge auf ihrem Smartphone. Bastelt an Texttafeln, macht Bilder, nimmt Videos auf. Erst seit wenigen Wochen betreut sie die Konten der Gruppe in den sozialen Medien, die sich 2008 als „Texas für Barack Obama“ gründete. Nun wurde man mit neuem Namen wieder aktiv. „Die meisten sind jetzt 40 oder 50 und haben keine Ahnung von Social Media“, sagt die Kommunikationsstudentin, „ich bin dagegen in dieser Welt groß geworden.“ Die Gruppe habe 34 solcher Watch Partys in ganz Texas organisiert, sagt sie. Einmal zeigt der Videowürfel in Chicago Live-Bilder von Treffen in vielen Staaten, das Tweedy’s ist nicht dabei.
Bilder einer Karriere: Kamala Harris strebt Präsidentenamt in den USA an
Als Harris auftritt, springt stattdessen Levine filmend auf und animiert die Bar: „Jubelt, jubelt, jubelt!“. Hier, in direkter Nähe der University of Texas, funktioniert das. Progressiver wird es so südlich in den USA kaum mehr. Trotzdem sagt die junge Frau über das Demokraten-Dasein im konservativen Staat: „Es kann manchmal Angst machen, man kommt sich klein vor. Doch es ändert sich etwas in Texas.“ Sie hofft auf einen Effekt aus Chicago.
Um kurz nach zehn Uhr endet Harris’ Rede. Die Basis macht weiter. Levine eilt nach Hause, um Instagram zu füllen. Shante und Ron wollen weiter Postkarten schreiben. Und Wahlkämpfer Murphy sagt: „Bis November wird es keine freien Tage geben.“