Kolumne „Americawatch“

Bidens Schönrede zur Lage der Nation

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US-Präsident Joe Biden hat zur Lage der Nation gesprochen. Es klang nach Wahlkampfrede – und das verheißt nichts Gutes, schon gar nicht für die Nation.

Ein jährlich wiederkehrendes Spektakel in der US-Politik ist die State of the Union Address, die Rede des US-Präsidenten zur Lage der Nation. Genaugenommen geht es bei diesem Kabinettstück eher um die Lage des Präsidenten, also darum, ob es politisch gerade gut oder eher schlecht um ihn steht. Natürlich dürfen die üblichen Protagonist:innen dabei nicht fehlen: Die Guten – verkörpert durch die Demokraten –, die Bösen – die Republikaner in ihrer Paraderolle – und die Witzfiguren.

Bei dem viel beachteten Lagebericht von Präsident Joe Biden am Dienstagabend (7. Februar, Ortszeit) wurden letztere glaubhaft dargestellt von der geschmacklos gekleideten, grölenden, rechtsextremen, republikanischen Abgeordneten Marjorie Taylor Greene, deren schlechte Kleiderwahl nur noch übertroffen wurde von der schon immer stil- und neuerdings auch parteilosen ex-demokratischen Senatorin Kyrsten Sinema. Als republikanischer Running Gag seit Ende 2022 und derzeit unübertroffenes Oberhaupt der Hanswurst:innen hatte selbstverständlich der Skandal-Abgeordnete George Santos seinen großen Auftritt, als er sich vor laufenden Kameras ein Wortgefecht mit seinem Parteikollegen, dem republikanischen Senator Mitt Romney, lieferte.

Aber zurück zu der zugegeben eher langweiligen Hauptfigur der Show, Joe Biden. Hat er eine gute Rede gehalten und sie für seine Verhältnisse flüssig und sicher vorgetragen? Ja, das hat er. Konnte er dabei ein paar Wirkungstreffer gegen die Republikaner landen? Ja, auch das. Ist das letztlich relevant für das Leben der 338 Millionen Menschen in den USA? Nein, es ist ein Medienspektakel, mehr nicht. Der Präsident beweihräuchert sich selbst, benennt seine Gegenspieler:innen im In- und Ausland und verspricht, dass mit seiner Hilfe im nächsten Jahr alles noch viel besser wird. Dazu wird er von seiner Partei frenetisch beklatscht und bejubelt – that’s it.

Mehrheit der Amerikaner:innen wäre unzufrieden über Bidens Wiederwahl

Zugegebenermaßen würde mein Urteil über Joe Bidens Ansprache positiver ausfallen, müsste man sie nicht als etwas interpretieren, das nicht nur mir, sondern auch der Mehrheit der Amerikaner:innen Sorgen bereitet: als Auftaktrede zu einer Wiederwahlkampagne für die US-Wahl 2024. Es ist nicht so, dass Biden ein außerordentlich schlechter US-Präsident wäre – er hatte weitaus schlechtere Amtsvorgänger, wie beispielsweise Donald Trump, George W. Bush, Ronald Reagan, Richard Nixon. Die Liste der republikanischen Präsidenten ist lang und auch die beiden neoliberalen Demokraten Bill Clinton und Barack Obama waren nicht gerade hilfreich für arme Menschen und die US-Mittelschicht.

In seiner Rede zur Lage der Nation hat Biden den Status quo seines Landes als gut, wenn auch ausbaufähig beschrieben. Er wolle „den Job zu Ende bringen“ wiederholte Biden mehrmals und die liberalen US-Leitmedien verteilen insgesamt gute Noten für seine Ansprache. Doch wie sieht es tatsächlich aus – mit der Situation in den USA und der des Präsidenten, der mit 80 Jahren wahrscheinlich noch einmal antreten und bis Anfang 2029 im Weißen Haus wohnen bleiben will?

US-Präsident Joe Biden

Um Bidens Wiederwahlchancen ist es nach aktuellem Stand überhaupt nicht gut bestellt. Eine Umfrage der Washington Post und ABC News ergibt Alarmierendes: Eine deutliche Mehrheit von Bidens potenziellen Wählerschaft will nicht, dass er erneut kandidiert und 62 Prozent der Befragten insgesamt geben an, sie wären „unzufrieden“ oder „wütend“, sollte Biden 2024 wiedergewählt werden. Hinsichtlich Trump empfinden 56 Prozent dasselbe und stünden derzeit Biden und Trump zur Wahl, würde Trump mit 48 zu 45 Prozent gegen Biden gewinnen.

Ausschlaggebend für Wahlsiege in den USA sind zumeist die Wechselwähler:innen, die Independents. Von diesen bevorzugen derzeit 50 Prozent Trump und nur 41 Prozent Biden. Das sind sehr schlechte Aussichten für den amtierenden Präsidenten. Auch in Umfragen zu einer potenziellen Wahl zwischen Biden und dem rechtsradikalen Florida-Gouverneur Ron DeSantis würde Biden unterliegen. In der Washington-Post-ABC-Umfrage geben nur sieben Prozent der Befragten an, bezüglich Biden enthusiastisch zu sein, bei Trump sind es immerhin siebzehn Prozent.

Republikaner wollen Biden 2024 unwählbar machen

Die Zeit bis zur Wahl im November 2024 werden die Republikaner im Repräsentantenhaus wohl damit zubringen, mehr oder weniger legitime öffentliche Anhörungen zu Joe Biden, seinem Sohn Hunter Biden und dem Inhalt von dessen ominösem Laptop abzuhalten. Vielleicht stoßen sie dabei auf Verwerfliches oder gar illegales, aber auch wenn nicht, bleibt immer etwas hängen, insbesondere, da die rechten US-Medien nicht davor zurückschrecken, schamlos Lügen zu verbreiten.

Ob Biden unentschlossene Wähler:innen nach dieser Schmutzkampagne noch von sich wird überzeugen können, ist fraglich. Ebenso wie, ob er in seinem Alter die Kraft für einen anstrengenden Wahlkampf mit Reisen, Reden, TV- und Live-Auftritten aufbringt. Er selbst hat die Corona-Pandemie im September für beendet erklärt, also wird er nicht erneut von seinem Keller im Bundesstaat Delaware aus Schmalspur-Wahlkampf machen können, so wie bei der Präsidentschaftswahl 2020.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.  © Angela Weiss/afp
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung. © afp
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau (links) und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs (rechts). Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley. © afp
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.  © Jerome Delay/afp
Im Juni 1987 erklärte Biden seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 1988. Nur sechs Wochen später war er aber wieder raus aus dem Rennen, noch ehe es richtig begonnen hatte. Der Grund war eine peinliche Plagiatsaffäre. Biden hatte eine Rede des britischen Labour-Vorsitzenden Neil Kinnock teilweise kopiert. Die darin enthaltenen Details passten allerdings nur zu Kinnocks Leben, nicht zu Bidens. „Ich habe einige dumme Dinge getan und ich werde wieder dumme Dinge tun“, verteidigte er sich noch, bevor er kurz danach seine Kandidatur zurückzog.
Im Juni 1987 erklärte Biden seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 1988. Nur sechs Wochen später war er aber wieder raus aus dem Rennen, noch ehe es richtig begonnen hatte. Der Grund war eine peinliche Plagiatsaffäre. Biden hatte eine Rede des britischen Labour-Vorsitzenden Neil Kinnock teilweise kopiert. Die darin enthaltenen Details passten allerdings nur zu Kinnocks Leben, nicht zu Bidens. „Ich habe einige dumme Dinge getan und ich werde wieder dumme Dinge tun“, verteidigte er sich noch, bevor er kurz danach seine Kandidatur zurückzog. © Imago
20 Jahre später versuchte es Biden ein zweites Mal. Doch erneut ging seine Kandidatur fürs Präsidentenamt schief. Diesmal war die Konkurrenz von Barack Obama und Hillary Clinton einfach zu stark für ihn. Nachdem Biden bei der ersten Vorwahl im Bundesstaat Iowa gerade einmal ein Prozent der Stimmen erhalten hatte, gab Biden das Rennen auf. Noch 2019 verhöhnte ihn Donald Trump aufgrund dieses Ergebnisses und bezeichnete Biden als „1% Joe“.
20 Jahre später versuchte es Biden ein zweites Mal. Doch erneut ging seine Kandidatur fürs Präsidentenamt schief. Diesmal war die Konkurrenz von Barack Obama und Hillary Clinton einfach zu stark für ihn. Nachdem Biden bei der ersten Vorwahl im Bundesstaat Iowa gerade einmal ein Prozent der Stimmen erhalten hatte, gab Biden das Rennen auf. Noch 2019 verhöhnte ihn Donald Trump aufgrund dieses Ergebnisses und bezeichnete Biden als „1% Joe“.  © Imago
Am Ende wurde die US-Wahl 2008 doch noch zu einem Erfolg für Biden. Als Vizepräsident unter Barack Obama konnte er die Politik in den nächsten Jahren maßgeblich mitbestimmen. So war Biden in der ersten Amtszeit ein lautstarker Förderer der 2010 verabschiedeten Gesundheitsreform, die unter dem Namen „Obamacare“ bekannt wurde. Im Mai 2012 sorgte Biden für Schlagzeilen, als er sich dafür aussprach, in den gesamten USA gleichgeschlechtliche Ehen zu ermöglichen. 2015 wurde sie durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs landesweit legalisiert.
Am Ende wurde die US-Wahl 2008 doch noch zu einem Erfolg für Biden. Als Vizepräsident unter Barack Obama konnte er die Politik in den nächsten Jahren maßgeblich mitbestimmen. So war Biden in der ersten Amtszeit ein lautstarker Förderer der 2010 verabschiedeten Gesundheitsreform, die unter dem Namen „Obamacare“ bekannt wurde. Im Mai 2012 sorgte Biden für Schlagzeilen, als er sich dafür aussprach, in den gesamten USA gleichgeschlechtliche Ehen zu ermöglichen. 2015 wurde sie durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofs landesweit legalisiert. © Emmanuel Dunand/afp
Bei der US-Wahl 2012 sicherten sich Obama und Biden eine zweite gemeinsame Amtszeit. Im Wahlkampf konnte Biden mit einem griffigen Slogan punkten: „Bin Laden ist tot und General Motors lebt“. Biden spielte damit auf Erfolge der Regierung in der ersten Amtszeit an. So war Al-Kaida-Gründer Osama bin Laden im Mai 2011 vom US-Militär in Pakistan getötet worden. Für die Rettung des verstaatlichten Autoherstellers General Motors gab die US-Regierung insgesamt 51 Milliarden Dollar aus.
Bei der US-Wahl 2012 sicherten sich Obama und Biden eine zweite gemeinsame Amtszeit. Im Wahlkampf konnte Biden mit einem griffigen Slogan punkten: „Bin Laden ist tot und General Motors lebt“. Biden spielte damit auf Erfolge der Regierung in der ersten Amtszeit an. So war Al-Kaida-Gründer Osama bin Laden im Mai 2011 vom US-Militär in Pakistan getötet worden. Für die Rettung des verstaatlichten Autoherstellers General Motors gab die US-Regierung insgesamt 51 Milliarden Dollar aus. © Pete Souza/afp
Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Dezember 2012 übernahm Biden den Vorsitz einer Arbeitsgruppe für eine Änderung des Waffenrechts. Eine Verschärfung auf Bundesebene fand aber keine Mehrheit im Kongress. Kurz vor Ende der zweiten Amtsperiode verlieh Obama seinem Vize unangekündigt die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung in den USA. Biden sei der „beste Vizepräsident, den wir je hatten“, sagte Obama damals.
Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Dezember 2012 übernahm Biden den Vorsitz einer Arbeitsgruppe für eine Änderung des Waffenrechts. Eine Verschärfung auf Bundesebene fand aber keine Mehrheit im Kongress. Kurz vor Ende der zweiten Amtsperiode verlieh Obama seinem Vize unangekündigt die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung in den USA. Biden sei der „beste Vizepräsident, den wir je hatten“, sagte Obama damals. © Nicholas Kamm/afp
Biden wurde seit Obamas Wiederwahl immer wieder als möglicher Nachfolger genannt. Am 21. Oktober 2015 gab Biden allerdings bekannt, 2016 nicht für die Präsidentschaft kandidieren zu wollen. Grund war der Tod seines Sohnes Beau, der im Mai 2015 an einem Gehirntumor gestorben war. Später bedauerte er, auf eine Kandidatur verzichtet zu haben. Für die Demokraten trat dafür Hillary Clinton an, die die Wahl gegen Donald Trump überraschend verlor.
Biden wurde seit Obamas Wiederwahl immer wieder als möglicher Nachfolger genannt. Am 21. Oktober 2015 gab Biden allerdings bekannt, 2016 nicht für die Präsidentschaft kandidieren zu wollen. Grund war der Tod seines Sohnes Beau, der im Mai 2015 an einem Gehirntumor gestorben war. Später bedauerte er, auf eine Kandidatur verzichtet zu haben. Für die Demokraten trat dafür Hillary Clinton an, die die Wahl gegen Donald Trump überraschend verlor. © Kevin Lamarque/afp
Über seinen Sohn Beau lernte Biden die Juristin Kamala Harris kennen, die er bei der US-Wahl 2020 dann zu seiner Vize-Kandidatin machte. Harris war 2003 zur ersten Bezirksstaatsanwältin in San Francisco gewählt worden, bevor sie im Januar 2011 als Attorney General von Kalifornien vereidigt wurde. Dieses Amt stellt eine Kombination aus Justizministerin und Generalstaatsanwältin dar. 2017 zog sie als zweite „Person of Colour“ in den US-Senat ein.
Über seinen Sohn Beau lernte Biden die Juristin Kamala Harris kennen, die er bei der US-Wahl 2020 dann zu seiner Vize-Kandidatin machte. Harris war 2003 zur ersten Bezirksstaatsanwältin in San Francisco gewählt worden, bevor sie im Januar 2011 als Attorney General von Kalifornien vereidigt wurde. Dieses Amt stellt eine Kombination aus Justizministerin und Generalstaatsanwältin dar. 2017 zog sie als zweite „Person of Colour“ in den US-Senat ein. © Mandel Ngan/afp
Im Wahlkampf spielte aber vor allem Bidens anderer Sohn eine Rolle. Hunter Biden war 2014 in den Verwaltungsrat des ukrainischen Gaskonzerns Burisma aufgenommen worden – just zu einer Zeit, da sein Vater als Vizepräsident für die Ukraine zuständig war. Bidens Widersacher Donald Trump sprach von Korruption und setzte die ukrainische Regierung unter Druck, entsprechende Untersuchungen einzuleiten.
Im Wahlkampf spielte aber vor allem Bidens anderer Sohn eine Rolle. Hunter Biden war 2014 in den Verwaltungsrat des ukrainischen Gaskonzerns Burisma aufgenommen worden – just zu einer Zeit, da sein Vater als Vizepräsident für die Ukraine zuständig war. Bidens Widersacher Donald Trump sprach von Korruption und setzte die ukrainische Regierung unter Druck, entsprechende Untersuchungen einzuleiten. Eine private Besonderheit: Nur sechs Tage nachdem er sie kennengelernt hatte, wurde Melissa Cohen 2019 seine zweite Ehefrau. © Roberto Schmidt/afp
Trotz der Vorwürfe gewann Joe Biden die Wahl. Am 6. Januar 2021 kamen der Senat und das Repräsentantenhaus zusammen, um das Ergebnis offiziell zu zertifizieren. Als ein aufgebrachter Trump-Mob das Kapitol stürmte, hielt die Welt für mehrere Stunden den Atem an. Einen Tag später konnte der Kongress seine Arbeit dann aber wieder aufnehmen. Am 20. Januar 2021 wurde Joe Biden schließlich zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt.
Trotz der Vorwürfe gewann Joe Biden die Wahl. Am 6. Januar 2021 kamen der Senat und das Repräsentantenhaus zusammen, um das Ergebnis offiziell zu zertifizieren. Als ein aufgebrachter Trump-Mob das Kapitol stürmte, hielt die Welt für mehrere Stunden den Atem an. Einen Tag später konnte der Kongress seine Arbeit dann aber wieder aufnehmen. Am 20. Januar 2021 wurde Joe Biden schließlich zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt. © afp
Bidens Amtszeit wird überschattet vom Ukraine-Krieg. Nach dem Einmarsch russischer Truppen in das Nachbarland am 24. Februar 2022 verhängte Biden Sanktionen gegen Russland, stockte die US-Truppen in Europa auf und unterstützt die Ukraine mit finanziellen Hilfen und Lieferung von Militärtechnik. Im März 2022 bezeichnete Biden den russischen Präsidenten Wladimir Putin als „Kriegsverbrecher“ und „mörderischen Diktator“.
Bidens Amtszeit wird überschattet vom Ukraine-Krieg. Nach dem Einmarsch russischer Truppen in das Nachbarland am 24. Februar 2022 verhängte Biden Sanktionen gegen Russland, stockte die US-Truppen in Europa auf und unterstützt die Ukraine und ihren Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit finanziellen Hilfen und Lieferung von Militärtechnik. Im März 2022 bezeichnete Biden den russischen Präsidenten Wladimir Putin als „Kriegsverbrecher“ und „mörderischen Diktator“. © Oliver Douliery/afp
Kurz vor der US-Wahl 2024 machten sich allerdings zunehmend die Strapazen des Amtes bei Joe Biden bemerkbar. Sein TV-Duell gegen Donald Trump wurde zum Debakel. Nach wochenlangen Debatten über seine Gesundheit zog Biden am 21. Juli seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl. „Es war die größte Ehre meines Lebens, als Ihr Präsident zu dienen“, erklärte Biden. Er ist der erste Präsident in der Geschichte der USA, der seine Kandidatur aufgrund von Bedenken bezüglich seiner geistigen und körperlichen Fitness aufgibt.
Kurz vor der US-Wahl 2024 machten sich allerdings zunehmend die Strapazen des Amtes bei Joe Biden bemerkbar. Sein TV-Duell gegen Donald Trump wurde zum Debakel. Nach wochenlangen Debatten über seine Gesundheit zog Biden am 21. Juli seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl. „Es war die größte Ehre meines Lebens, als Ihr Präsident zu dienen“, erklärte Biden. Er ist der erste Präsident in der Geschichte der USA, der seine Kandidatur aufgrund von Bedenken bezüglich seiner geistigen und körperlichen Fitness aufgibt. © Chris Delmas/AFP

Doch nicht nur Bidens Zustand könnte zum Hindernis im Wahlkampf werden, auch der wirtschaftliche Zustand der USA ist bedenklich. In letzter Zeit gab es immer wieder Erfolgsmeldungen von der nachlassenden Inflation, der niedrigsten US-Arbeitslosigkeit seit 53 Jahren und dass Biden mit seiner Politik dafür gesorgt habe, dass seit seinem Amtsantritt zwölf Millionen neue Stellen geschaffen worden seien. Doch wenn man von Menschen gewählt werden will, sollte man sich lieber auf Wirtschaftsdaten konzentrieren, die sich direkter auf diese Menschen auswirken.

Biden hat sich nicht für Reformen eingesetzt

Laut einer aktuellen Umfrage von Morning Consult glauben 46 Prozent der Erwachsenen in den USA, dass sich das Land derzeit in einer Rezession befindet – obwohl es nicht stimmt – und ein Viertel erwartet eine innerhalb des Jahres. Fast zwei Drittel der Amerikaner:innen (64 Prozent) leben von einem Gehaltszettel zum nächsten. Selbst Besserverdienende sind betroffen. Erstmals gibt auch mehr als die Hälfte der Menschen mit sechsstelligem Jahreseinkommen an, finanzielle Belastungen zu spüren, vor einem Jahr waren es noch 42 Prozent.

Auch wenn das Lohnwachstum im historischen Vergleich hoch ist, kann es dennoch nicht schritthalten mit den gestiegenen Lebenshaltungskosten und der inflationsbedingten Teuerungsrate. Dadurch müssen immer mehr Menschen in den USA auf ihre Ersparnisse zurückgreifen oder Kredite aufnehmen, die allerdings aufgrund der ständigen Leitzinserhöhung der US-Notenbank Fed immer teurer werden. Die wirtschaftliche Situation der meisten Menschen in den USA ist also alles andere als rosig.

Das wird es wohl kaum helfen, dass Biden in seiner Rede ein Vorgehen gegen Preiswucher bei Kreditkartengebühren und überhöhte Zuzahlungen für Sitzplatzreservierungen in Flugzeugen für Familien versprach. In seinen ersten zwei Amtsjahren, als die Demokraten noch die Mehrheiten in beiden Kongresskammern hatten, haben Biden und seine Regierung es versäumt, dringend notwendige Sozialreformen zu verabschieden, die den Menschen spürbar geholfen hätten: Einen 15-Dollar-Mindestlohn, Kindergeld, eine Krankenversicherungsreform sowie eine Reform der Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte.

In einer Wiederholungsbefragung der Washington Post und ABC News geben 41 Prozent der Befragten an, derzeit finanziell schlechter dazustehen als vor Bidens Amtsantritt. Nur 16 Prozent geht es seitdem finanziell besser. Das sind die schlechtesten Werte in dieser Befragung seit 37 Jahren. Die Zahl 37 taucht erneut auf, wenn es darum geht, wie hoch die Prozentzahl derer ist, die mit Bidens Arbeit hinsichtlich der Wirtschaft zufrieden sind. Seit Ende August 2021 liegt Bidens Unbeliebtheitswert konstant über seinem Beliebtheitswert. Derzeit bewerten laut Fivethirtyeight 52 Prozent Biden positiv und 43 Prozent haben eine negative Meinung von ihm.

Das Abtreibungsrecht scheint keine von Bidens Prioritäten zu sein

Bei den Midterm-Wahlen waren die wirtschaftlichen und die Beliebtheitswerte Bidens ähnlich schlecht und die Demokraten haben dennoch keine krachende Niederlage erlitten. Was maßgeblich dazu beitrug, war das Anti-Abtreibungsurteil des rechtslastigen Supreme Courts. Doch auf das Thema Abtreibungsrecht ist Biden in seiner über eine Stunde dauernden Rede nur einmal ganz kurz gegen Ende eingegangen, was von Abtreibungsbefürworter:innen kritisiert wurde.

Eine Rede sind nur Worte – Zahlen und Fakten sprechen eine deutlichere Sprache und weisen darauf hin, dass es derzeit nicht gut aussieht für Biden und seine politische Zukunft. Sollten die USA 2024 erneut zwischen Biden und Trump wählen müssen und würde letzterer diesmal gewinnen, würde die schlimmste, gefährlichste Witzfigur in der Geschichte der US-Politik wieder zum Protagonisten – mit unabsehbaren Folgen. Und Schuld daran wäre dann Biden, ein eitler, alter Mann, der es nicht geschafft hat, die Bühne rechtzeitig zu verlassen. (Johanna Soll)

Rubriklistenbild: © IMAGO / UPI Photo

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