Machtwechsel steht bevor

Vor Trumps Amtsantritt in den USA: Wie eine Nation sich schmählich unterwirft

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Was wie Protest aussieht, ist die Vereinnahmung der Popkultur für den Tyrannen.
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In den USA knicken Individuen wie Institutionen vorsorglich gleich reihenweise vor dem Autokraten und neuen Präsidenten Donald Trump ein. Ein Essay von Karl Doemens

Es ist ruhig in diesen letzten Dezembertagen in Washington. Befremdlich ruhig. Die Andenkenläden in der Stadt haben ihr Sortiment mit „Trump“-Kappen aufgestockt. Vor dem Kapitol steht eine hölzerne Tribüne für die Amtseinführung des neuen Präsidenten im Januar. Dreieinhalb Kilometer entfernt im Oval Office arbeitet der Amtsinhaber wie ein unsichtbarer Geist seine letzten Akten ab.

Äußerlich herrscht „business as usual“ in der amerikanischen Hauptstadt. Kein Sturm auf das Parlament braut sich zusammen wie vor vier Jahren. Es gibt keine Krawalle, keine Demonstrationen, nicht einmal größere gerichtliche Auseinandersetzungen über das Wahlergebnis. Nichts von dem, was bei einem Wahlsieg von Kamala Harris garantiert gewesen wäre. Bei den vorweihnachtlichen Parties redet man über mysteriöse Drohnen-Sichtungen in New Jersey oder den zum Volkshelden aufgestiegenen mutmaßlichen Mörder eines Vorstands einer besonders rabiaten Krankenversicherung. Der bevorstehende Machtwechsel im Weißen Haus? Kollektiv resignatives Achselzucken.

Donald Trumps Kabinett: Liste voller skandalöser Überraschungen

Donald Trump im Weißen Haus
Donald Trump ist am 20. Januar 2025 als neuer Präsident ins Weiße Haus zurückgekehrt. Die Posten in seinem Kabinett sind alle verteilt. Wir stellen vor, wer Trump in die Regierung folgt. © Evan Vucci/dpa
 J.D. Vance wird Donald Trump als Vizepräsident ins Weiße Haus folgen.
J.D. Vance ist Donald Trump als Vizepräsident ins Weiße Haus gefolgt. Der 40 Jahre alte ehemalige Senator aus Ohio ist einer der jüngsten US-Vizepräsidenten aller Zeiten. Nach Washington DC hat Vance seine Ehefrau Usha Vance begleitet. Die 38 Jahre alte Anwältin ist die erste „Second Lady“ der USA mit indischen Wurzeln. Das Paar hat die für den Vizepräsidenten vorgesehenen Räumlichkeiten im „United States Naval Observatory“ nahe dem Weißen Haus bezogen. © Alex Brandon/dpa
Marco Rubio soll laut US-Medien in der Regierung von Donald Trump das Amt des Außenministers übernehmen.
Marco Rubio hat in der Regierung von Donald Trump das Amt des Außenministers übernommen. Der 53 Jahre alte Senator aus Florida ist der erste US-Außenminister mit lateinamerikanischen Wurzeln. Rubio trat 2016 gegen Trump bei den Vorwahlen der Republikaner an und musste sich von dem späteren US-Präsidenten als „totaler Witz“ mit einem Schweißproblem beschimpfen lassen. Doch statt sich zu wehren, schluckte der langjährige Senator die Beleidigungen und präsentierte sich als loyaler Anhänger Trumps. In der US-Außenpolitik stellte sich Rubio in der Vergangenheit an die Seite der Ukraine. © IMAGO/Michael Brochstein / SOPA Images
Scott Bessent soll unter Donald Trump den Job des Finanzministers übernehmen
Donald Trumps Nominierung für den Posten des Finanzministers wirkte geradezu langweilig. Scott Bessent übernahm den Job – gegen den Wunsch Elon Musks. Der hatte sich mehrfach gegen die Ernennung des Wall-Street-Experten ausgesprochen. Bessent gilt als international erfahrener Finanzexperte und soll Donald Trump bereits 2016 mehrere Millionen Dollar für den Wahlkampf gespendet haben. In seiner neuen Funktion wird Bessent zahlreiche Wahlversprechen Trumps umsetzen müssen, darunter unter anderem Steuersenkungen, neue Zölle gegen China und die Finanzierung von Projekten wie den geplanten Massenabschiebungen. © DREW ANGERER/AFP
Pete Hegseth soll Verteidigungsminister werden
Eine überraschende Wahl Donald Trumps war die Personalie des Verteidigungsministers. Pete Hegseth war acht Jahre lang als Moderator für Fox News tätig. Als Soldat diente Hegseth im Irak und in Afghanistan. Erfahrung in Regierungsarbeit bringt er aber nicht mit. Doch Hegseth dürfte sich die Nominierung durch Trump mit seiner langjährigen Loyalität verdient haben: Der zweifache Familienvater hält schon seit 2016 zu Trump, als viele den Milliardär noch als politische Witzfigur belächelten. © TERRY WYATT(AFP
Pamela Jo Bondi, genannt Pam Bondi, den Job im Justizministerium bekommen
Statt dem ursprünglich von Trump nominierten Matt Gaetz hat Pamela Jo Bondi, genannt Pam Bondi, den Job im Justizministerium bekommen. Die 59 Jahre alte Juristin war in ähnlicher Funktion auf bundesstaatlicher Ebene bereits in Florida tätig. 2013 stellte sie dort in dieser Funktion einen Betrugsprozess gegen die Trump University ein. 2016 unterstützte sie Trump im Vorwahlkampf der Republikaner. Er holte die Juristin drei Jahre später in sein Anwaltsteam, das ihn im ersten Amtsenthebungsverfahren vertrat.  © MANDEL NGAN/AFP
Douglas James „Doug“ Burgum ist Mitglied der Republikaner
Douglas James „Doug“ Burgum ist Mitglied der Republikaner und hat im Kabinett von Donald Trump den Posten des Innenministers übernommen. Von 2016 an war der ehemalige Unternehmer Gouverneur des Bundesstaates North Dakota.  © IMAGO/Ricky Fitchett
Brooke Rollins soll im zweiten Kabinett Donald Trumps das Amt der Landwirtschaftsministerin übernehmen
Brooke Rollins hat im zweiten Kabinett Donald Trumps das Amt der Landwirtschaftsministerin übernommen. Die Anwältin stammt aus Texas und war bereits in der ersten Regierung Trumps tätig. Sie gilt als loyale Anhängerin des künftigen Präsidenten und als politische Vordenkerin konservativer Strategien. © MANDEL NGAN/AFP
Howard Lutnick, hier im Jahr 2010 mit seiner Ehefrau bei einer Gala
Howard Lutnick, hier im Jahr 2010 mit seiner Ehefrau bei einer Gala, ist Donald Trump als Handelsminister ins Weiße Haus gefolgt. Der Milliardär war stellvertretender Vorsitzender im Übergangsteam Trumps und regelmäßiger Gast in dessen Luxus-Resort Mar-a-Lago. Laut der New York Times war Lutnick lange Zeit als Mitglied der Demokraten registriert, lief nach der Machtübernahme Trumps im Jahr 2016 zu den Republikanern über. © IMAGO
Lori Chavez-DeRemer war Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus
Lori Chavez-DeRemer war Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus und ist unter Donald Trump Arbeitsministerin geworden. Die Personalie war innerhalb der Republikanischen Partei umstritten. Chavez-DeRemer unterhält enge Beziehungen zu mehreren Gewerkschaften in den USA und unterstützte während ihrer Amtszeit mehrere Gesetzentwürfe der Demokraten, darunter auch eine Amnestie für illegal Eingewanderte, die auf dem Arbeitsmarkt integriert sind. © IMAGO/Michael Brochstein
Robert F. Kennedy Jr., Neffe des einstigen Präsidenten John F. Kennedy
Robert F. Kennedy Jr., Neffe des einstigen Präsidenten John F. Kennedy, hat sich in den vergangenen Jahren vor allem als Impf-Leugner und Verschwörungstheoretiker hervorgetan. Bei der US-Wahl 2024 trat RFK zunächst als unabhängiger Kandidat an, zog sich dann aber aus dem Rennen zurück und unterstützte die Kampagne Donald Trumps. Der versprach dem 70 Jahre alten Kennedy dafür eine herausragende Rolle bei der Gestaltung der Gesundheitspolitik – und nominierte ihn schließlich als US-Gesundheitsminister. © IMAGO/Robin Rayne
Scott Turner, ehemaliger NFL-Profi, soll unter Donald Trump Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung werden.
Scott Turner ist unter Donald Trump Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung geworden. Der ehemalige Profi der American Football League gehörte bereits der ersten Administration Trumps an. Scott ist die erste Schwarze Person im Team des künftigen Präsidenten. Zu Scotts Aufgaben werden unter anderem Programme zur Förderung von erschwinglichem Wohnraum gehören, außerdem zur Unterstützung von Amerikanern mit geringem Einkommen, zur Verhinderung von Diskriminierung auf dem Markt und zur Förderung der Stadtentwicklung. © ANNA MONEYMAKER/AFP
Sean Duffy, hier mit seiner Ehefrau Rachel Duffy
Sean Duffy, hier mit seiner Ehefrau Rachel Duffy, ist der neue Verkehrsminister in der Trump-Regierung. Duffy bringt politische Erfahrung als ehemaliger Kongressabgeordneter mit. Seine Nominierung durch Trump dürfte er aber vor allem seiner Präsenz bei Fox News verdanken. Neben zahlreichen Gastauftritten moderierte Duffy gut ein Jahr seine eigene Show namens „The Bottom Line“ auf dem Spartensender Fox Business Network. © IMAGO/Robert Deutsch
Chris Wright
Neuer Energieminister ist Chris Wright. Er soll Trump dabei helfen, Regulierungen abzubauen und so die Ausbeutung der Rohstoffe in den USA voranzutreiben. Trump hat es eigenen Aussagen zufolge vor allem auf Ölfelder in Alaska abgesehen. Burgums Aufgabe ist, als Energierminister Öl-Förderungen in dortigen Naturschutzgebieten zu ermöglichen. © Ting Shen/AFP
Linda McMahon. Die 76 Jahre alte Managerin ist die Ehefrau von Vince McMahon
Eine weitere Fernsehpersönlichkeit, die Donald Trump mit nach Washington DC gebracht hat, ist Linda McMahon. Die neue Bildungsministerin ist die Ehefrau von Vince McMahon. Gemeinsam mit ihrem Mann führte McMahon die Wrestling-Show WWE zu internationalem Erfolg. Das Vermögen des Ehepaars wird laut Forbes auf fast drei Milliarden Dollar geschätzt. Die McMahons gelten als spendenfreudige Unterstützer der Republikaner im Allgemeinen und Donald Trump im Speziellen. Was genau ihre Aufgaben sind, ist nicht ganz klar. Im Wahlkampf hatte Trump immer wieder angekündigt, das Bildungsministerium abschaffen zu wollen. © imago stock&people
Der ehemalige Kongressabgeordnete Doug Collins
Der ehemalige Kongressabgeordnete Doug Collins hat unter Donald Trump den Posten des Ministers für Kriegsveteranen übernommen – ein wichtiger Posten in den USA, wo die Rolle der Umgang mit den eigenen Veteranen ein konstanter Streitpunkt ist. Collins gilt als loyaler Unterstützer Trumps und verteidigte auch dessen Behauptungen zum angeblichen Wahlbetrug in Georgia bei der US-Wahl 2020.  © IMAGO/Robin Rayne
Kristi Noem vor der US-Wahl
Kristi Noem berichtete vor der US-Wahl in einer Autobiografie davon, wie sie ihren Hund wegen Ungehorsams erschossen hatte. Damit löste die 52 Jahre alte Gouverneurin des Bundesstaates South Dakota eine Welle der Empörung aus – und hinderte Donald Trump wohl daran, sie zu seiner Vizepräsidentin zu machen. Dafür war die Republikanerin rund ein Jahr lang als Ministerin für innere Sicherheit Teil des Trump-Kabinetts tätig. Im März 2026 musste sie aber ihren Hut nehmen.  © Samantha Laurey/Imago
Senator des Bundesstaates Oklahoma Mullin
Trump bestimmte zugleich den Nachfolger von Noem: Markwayne Mullin führt mit Wirkung zum 31. März 2026 das für Einwanderungs- und Grenzschutzbehörden zuständige Ressort. Der Senator des Bundesstaates Oklahoma und sechsfache Vater aus dem Mittleren Westen gilt als bodenständig, konservativ und loyal zu Trump. Mullin wuchs auf einer Ranch auf, übernahm als junger Mann das Familienunternehmen, einen Sanitär- und Handwerksbetrieb, und baute es zu einer großen Firma aus. Bevor er in die Politik ging, kämpfte er außerdem als Mixed-Martial-Arts-Sportler und blieb laut eigenen Angaben in seiner kurzen Profikarriere ungeschlagen. Nun verfügt Trumps Kabinett über einen neuen Kämpfer.  © J. Scott Applewhite/dpa
Der 44 Jahre alte Lee Zeldin
Lee Zeldin ist neuer Direktor der Umweltschutzbehörde. Trump selbst glaubt nicht an den menschengemachten Klimawandel. Zeldins Aufgabe soll also weniger der Schutz der Umwelt sein. Stattdessen soll der Ex-Abgeordnete laut Trump „für faire und rasche Deregulierung sorgen“. Zeldin bedankte sich für den Posten bei seinem neuen Chef via X und kündigte an, „amerikanische Arbeitsplätze zurückzubringen“. © IMAGO/Matt Bishop/imageSPACE
Russel Vought nennt sich selbst einen „christlichen Nationalisten“.
Russell Vought nennt sich selbst einen „christlichen Nationalisten“. Erfahrungen hat er bereits als Regierungsbeamter in der ersten Administration von Donald Trump sammeln können. Vought war einer der Autoren des „Project 2025“ und gilt als Hardliner in Sachen Grenz- und Einwanderungspolitik. In der neuen Administration von Donald Trump hat er die Leitung des Büros für Management und Haushalt übernommen. © Michael Brochstein/imago
Tulsi Gabbard war einst Abgeordnete der Demokraten
Tulsi Gabbard war einst Abgeordnete der Demokraten und vertrat den Bundesstaat Hawaii von 2013 bis 2022 im Repräsentantenhaus. 2020 kandidierte sie bei den Vorwahlen der Demokrate. 2022 brach sie mit ihrer Partei und erklärte sich für unabhängig. In den Folgejahren näherte sie sich immer mehr den Republikanern an, bis sie sich vor der US-Wahl 2024 öffentlich für Donald Trump aussprach. Der dankte es der 43 Jahre alte Politikerin jetzt mit einem Amt in seinem Kabinett. Gabbard ist neue Direktorin der Geheimdienste. „Seit über zwei Jahrzehnten kämpft Tulsi Gabbard für unser Land und die Freiheiten aller Amerikaner“, sagte Donald Trump in einem Statement. © Marco Garcia/dpa
John ratcliffe
John Ratcliffe führt seit Ende Januar den Auslandsgeheimdienst der USA. Der ehemalige Kongressabgeordnete aus Texas gilt als enger Vertrauter von Trump. Ratcliffe war zuvor Co-Vorsitzender einer konservativen Denkfabrik. In der ersten Amtszeit des Republikaners war der neue CIA-Direktor als Geheimdienstkoordinator tätig. Die Demokraten warfen Ratcliffe damals unter anderem vor, seine Position für politische Zwecke zu missbrauchen. © Jemal Countess/AFP
Jamieson Greer
Jamieson Greer ist der neue US-Handelsbeauftragte – eine Schlüsselrolle angesichts von Trumps Vorliebe, hohe Zölle auf ausländische Produkte zu verhängen. Historisch habe der US-Handelsbeauftragte nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden, schreibt die „New York Times“. Unter Trump habe die Rolle aber erheblich an Bedeutung gewonnen.  © Imago
Kelly loeffler
Neue Direktorin der Mittelstandsbehörde ist Kelly Loeffler. Die frühere Senatorin verlor im Januar 2021 die Stichwahl um den Sitz im US-Senat – trotz massiver Unterstützung von Donald Trump. Loeffler ist seit 2004 mit Jeffrey Sprecher, dem Vorsitzenden der New York Stock Exchange, verheiratet. © Imago
Susie Wiles, Spitzname „Ice Lady“, wird unter Donald Trump Stabschefin im Weißen Haus
Ebenfalls dabei ist Susie Wiles. Die sogenannte „Ice Lady“ ist Donald Trumps Stabschefin im Weißen Haus und damit die erste Frau auf dieser Position. Die 67 Jahre alte Politikberaterin leitete den Wahlkampf Trumps bei der US-Wahl 2024. In ihrer neuen Funktion wird sie vor allem dafür zuständig sein, zu regeln, wer Zugang zum künftigen Präsidenten erhält. Doch Wiles hat auf einem wahren Schleudersitz Platz genommen. In seinen ersten vier Jahren Regierungszeit benötigte Trump ganze vier Stabschefs. © Alex Brandon/dpa
Elise Stefanik wird die Vereinigten Staaten von Amerika unter der zweiten Regierung von Donald Trump als Botschafterin bei den Vereinten Nationen vertreten
Elise Stefanik sollte die USA eigentlich als Botschafterin bei den Vereinten Nationen vertreten. Doch Donald Trump hat seine Nominierung Ende März überraschend zurückgezogen. Zur Begründung erklärte er, er wolle nicht riskieren, dass Stefaniks Mandat im Kongress bei einer Nachwahl an die Demokraten falle. Stefanik ist eine loyale Verbündete Trumps. 2014 war sie mit damals 30 Jahren die jüngste Frau, die ins Repräsentantenhaus gewählt wurde. Einst zählte sie zu den eher moderateren Mitgliedern der Partei. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein.  © Annabelle Gordon/Imago

Noch vor kurzem warnten Weggefährten vor Trump als „Faschisten“

Ein wenig verwundert das schon. Schließlich ist es keine zwei Monate her, dass frühere Weggefährten Trumps vehement vor einer Rückkehr des „Faschisten“ ins Oval Office warnten und führende Figuren der Demokratischen Partei die US-Demokratie am Abgrund sahen. Nun empfängt Joe Biden am lodernden Kamin grinsend den Mann, der ihn ins Gefängnis werfen will, und seine Frau Jill lächelt ihn bei der Wiedereröffnung von Notre Dame freundlich an.

Selbst Trump scheint dieses protokollarische Übermaß an Freundlichkeit nicht geheuer. Eilig veralberte er das Foto aus der Kirche und setzte es für seine kommerziellen Interessen ein. Ohne deren Einverständnis wirbt er nun mit Jill Bidens Höflichkeit für sein neues Parfum: „Ein Duft, dem deine Feinde nicht widerstehen können.“

Auch sonst gibt es keine Anzeichen für eine Wandlung des ruchlosen Wahlkämpfers Trump zum besonnenen Staatsmann. Im Gegenteil: Seine Kandidaten für Regierungsämter wollen die politische Gegenseite wegsperren, die Polio-Impfung abschaffen und hegen Sympathien für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Das ganze Kabinett voller Verschwörungsfantasten, Wahlleugner und zwielichtiger Extremer ist ein einziger ausgestreckter Mittelfinger gegen traditionell-konservative amerikanische Werte und Normen.

Trump agiert schon vor Amtseinführung wie korrupter Autokrat

Derweil agiert Trump schon vor der Amtseinführung wie ein korrupter Autokrat – im Großen wie im Kleinen: Er feuert Behördenchefs, die eigentlich gar nicht kündbar sind, verhökert Tickets zu „Candlelight-Dinners“ mit dem Präsidenten zum Stückpreis von einer Million Dollar, macht zwielichtige private Deals mit ausländischen Herrschern und versorgt den vorbestraften Schwiegervater seiner Tochter und die abgelegte Verlobte seines Sohnes mit Botschafterposten in Paris und Athen.

Trotzdem gibt es keinen öffentlichen Aufschrei. Natürlich: Rund 77 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner haben für Trump gestimmt und stehen zu ihrem Präsidenten. Aber die restlichen rund 250 Millionen Frauen und Männer, die zuhause blieben oder – zu einem geringeren Anteil – für Kamala Harris votierten, scheinen vom Erdboden verschluckt. Die Ex-Kandidatin selber tritt öffentlich nicht mehr in Erscheinung, die Demokratische Partei leckt ihre Wunden, und alle, die ihnen nahestanden, ziehen sich ins Private zurück: Die Einschaltquoten der liberalen Sender CNN und MSNBC sind seit der Wahl in den Keller gestürzt.

Frust, Erschöpfung, Ratlosigkeit. Dazu die Weihnachtsfeiertage. Menschlich ist der Wunsch verständlich, die Augen vor dem drohenden Desaster zu verschließen. Aber zur individuellen Resignation der breiten Masse kommt ein anderes, weit beunruhigenderes Phänomen – ein befremdlicher kollektiver Opportunismus der liberalen Eliten.

Der Kontrast zum Auftakt der ersten Amtszeit von Trump könnte kaum größer sein: „Heute Abend weinen wir, wir verzweifeln und haben Angst“, hatte der KI-Pionier Sam Altman am Tag nach der Präsidentschaftswahl 2016 getwittert. Dieses Mal postete er: „Glückwunsch an Präsident Trump. Ich wünsche ihm riesigen Erfolg!“

Wirtschaftsbosse pilgern vor Amtsantritt in Scharen zu Trumps Anwesen in Mar-a-Lago

Damals versammelten sich 200 000 Menschen zum Women’s March, der größten Protestkundgebung seit dem Vietnamkrieg, in Washington. Heute pilgern die Wirtschaftsbosse in Scharen zu Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Florida. Nach der ersten Wahl legte der Historiker Timothy Snyder ein kleines Bändchen mit dem Titel „Über Tyrannei“ vor, das in linken Kreisen schnell zur Pflichtlektüre wurde. Die erste Lektion lautet: „Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam!“ Acht Jahre später macht die amerikanische Zivilgesellschaft das komplette Gegenteil.

Anfang Dezember war David Frum zu Gast bei „Morning Joe“, der Frühstücksshow des linken Fernsehsenders MSNBC. Eigentlich hätte der Auftritt ein Gastspiel unter Freunden sein können: Der konservative Publizist ist seit langem einer der prominentesten Trump-Kritiker. Doch dieses Mal hatte er bald buchstäblich ein Störgeräusch im Ohr. Frum erklärte, dass er den von Trump auserwählten ehemaligen Fox-Moderator Pete Hegseth, der verschiedener sexueller Übergriffe und Alkoholaffären bezichtigt wird, als Verteidigungsminister für ungeeignet hält und stichelte: „Wenn man zu betrunken für Fox News ist, muss man wirklich verdammt betrunken sein.“ Daraufhin meldete sich in seinem Ohrknopf der Produzent der Sendung und forderte ihn auf, die Lästerei zu unterlassen. Kurz darauf entschuldigte sich Moderatorin Mika Brzezinski vor laufenden Kameras für Frums Äußerung.

Die bizarre Intervention hat eine Vorgeschichte: Bis zur Wahl hatten Brzezinski und ihr Ehemann Joe Scarborough, das Moderatoren-Duo von „Morning Joe“, aus ihrer Verachtung für Trump, den sie mit Hitler verglichen, keinen Hehl gemacht. Nach dessen Sieg aber pilgerten sie aus Angst vor dessen Rache nach Mar-a-Lago und baten ihn um einen „Neustart“ der Beziehung. Frum ist überzeugt, dass er die Konsequenzen dieses Kniefalls zu spüren bekam: „Es ist höchst bedenklich, wenn in den führenden Foren für öffentliche Debatten Einschüchterungsversuche zu spüren sind und mit Beschwichtigungen beantwortet werden“, kommentierte er in der Zeitschrift „The Atlantic“.

Zuckerberg und Bezos umgarnen den neuen Präsidenten Trump

Der Sender MSNBC befindet sich in schlechter Gesellschaft. Meta-Chef Mark Zuckerberg, der Trump nach dem Kapitolsturm vom 6. Januar 2021 aus Facebook verbannt hatte, umgarnt den künftigen Präsidenten nun genauso wie Amazon-Boss Jeff Bezos. Bei einem Besuch von Zuckerberg in Mar-a-Lago wurde die Nationalhymne in einer von verurteilten Straftätern des Kapitolsturms gesungenen Fassung gespielt, die Trump als „Helden“ bezeichnet. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ hielt der Unternehmer dabei seine Hand auf der Brust. Kurz darauf spendete er eine Million Dollar für Trumps Inaugurationsfeier.

Auch Bezos machte eine Million locker. Schon vor der Wahl hatte der Eigentümer der „Washington Post“ verhindert, dass die Redaktion eine Wahlempfehlung für Harris veröffentlicht. Kürzlich schwärmte der zweitreichste Mann der Welt dann in einem Interview ernsthaft, Trump sei „ruhiger und ausgeglichener“ geworden. Für dessen Präsidentschaft sei er „sehr zuversichtlich“.

Der zum Disney-Konzern gehörende TV-Sender ABC spendierte kurz vor Weihnachten gleich 15 Millionen Dollar für ein neues Trump-Museum. Im Gegenzug legte der Präsident in spe einen Rechtsstreit bei. Der Polit-Spekulant hatte ABC wegen Verleumdung verklagt, nachdem ein Moderator dort erklärte, der Ex-Präsident sei wegen „Vergewaltigung“ der Schriftstellerin E. Jean Carroll verurteilt worden. Tatsächlich hatte ihn das Gericht „des sexuellen Missbrauchs“ schuldig gesprochen. Fachleute glauben, ABC hätte gute Chancen gehabt, die Klage abzuwehren. Trotzdem gab der Sender klein bei und übernimmt auch noch Trumps Anwaltskosten von einer Million Dollar.

Unterwerfung vor Trump: Wirtschaftliche Interessen und Sorgen vor Repressionen

Die Gründe für diese Unterwerfungen sind individuell verschieden. Sie reichen von wirtschaftlichen Interessen all derer, die Geschäfte mit der Trump-Regierung machen wollen, bis zu echten Sorgen vor Repressionen und dem Entzug von Sendelizenzen. Trump hatte ABC damit nach seiner verlorenen Fernsehdebatte offen gedroht. Umso besorgniserregender wirkt nun die Reihe an Kapitulationen. Dem Publizist Bill Kristol kommt da Ungarn in den Sinn: „Das fühlt sich an wie der Beginn der Orbánisierung unserer Politik.“

Trump genießt derweil die Ehrerbietungen. „In meiner ersten Amtszeit wollten mich alle bekämpfen“, sagte er bei einer Pressekonferenz: „Dieses Mal wollen alle meine Freunde sein.“ Der ABC-Deal hat ihn in seinem Kampf gegen die Medien, die er als „Feinde des Volkes“ diffamiert, bestärkt. Kurz darauf verklagte er den „Des Moines Register“ im Bundesstaat Iowa, der vor der Wahl eine im Rückblick unzutreffende Umfrage veröffentlicht hatte. Der Vorstoß wirkt absurd, könnte die finanzielle Resilienz der Lokalzeitung aber auf eine harte Probe stellen.

Trump macht sich daran, die demokratischen Institutionen zu zerstören

Als Trump vor acht Jahren zum ersten Mal ins Weiße Haus einzog, konnte man darauf hoffen, dass die Republikaner im Kongress und die Institutionen seine schlimmsten autoritären Impulse ausbremsen würden. Inzwischen hat der Möchtegern-Autokrat die Partei und den Obersten Gerichtshof fest im Griff und macht sich nun aktiv daran, die demokratischen Institutionen zu zerstören. Die Bundespolizei FBI will Trump erklärtermaßen zur Verfolgung aller einsetzen, die ihm nicht passen. Sein Kandidat für den Chefsessel, Kash Patel, hat eine regelrechte „Feindesliste“ erstellt.

Seit der Watergate-Affäre der 70er Jahre hat der Kongress darauf hingearbeitet, eine solche politische Instrumentalisierung der mächtigen Ermittlungsbehörde mit 36 000 Beschäftigten zu verhindern. Die Amtszeit des Direktors läuft deshalb unabhängig vom Wahlzyklus zehn Jahre. Den derzeitigen FBI-Chef Christopher Wray hatte Trump ironischerweise 2017 selbst berufen. Einen Machtkampf mit dem Präsidenten hätte der Beamte am Ende wahrscheinlich verloren. Aber es wäre ein mächtiger Eklat geworden – ein öffentlicher Akt des Widerstands gegen einen Mann, der Normen und Gesetze nach Gutdünken zurechtbiegt und missachtet. Und vielleicht sogar Stoff für einen patriotischen Hollywood-Streifen.

Zeitungen in USA müssen mit Trumps Präsidentschaft um Unabhängigkeit fürchten

Doch Heldentum ist rar geworden in den USA. Überraschend erklärte Wray in der vorigen Woche, dass er seinen Posten im Januar räumt – zweieinhalb Jahre vor dem ursprünglichen Vertragsende. Bereitwillig macht er damit den Weg für den Zerstörer Patel frei. „Democracy Dies in Darkness“, hatte sich die „Washington Post“ zu Beginn von Trumps erster Amtszeit kämpferisch in den Zeitungstitel geschrieben. Zu Beginn der zweiten Amtszeit muss die Redaktion um ihre Unabhängigkeit fürchten. Wahrscheinlich hat dort gerade niemand die Nerven, das Motto zu ändern. Aber Demokratie kann auch bei prallem Tageslicht gefährlich in die Defensive gedrängt werden.

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