Verluste an Ukraine-Front: Russland-Soldaten flüchten vor „Fleischwolftaktik“
VonSimon Schröder
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Putin bietet neuen Rekruten für den Ukraine-Krieg viel Geld. Dennoch kommt es innerhalb der russischen Armee immer wieder zur Fahnenflucht.
Moskau – Moskaus Machthaber Wladimir Putin geht mit seinen Soldaten im Ukraine-Krieg bekanntlich nicht zimperlich um. Immer wieder ist die berüchtigte „Fleischwolftaktik“ der russischen Armee in den Schlagzeilen. Laut dem ukrainischen Militärportal Defence Express sollen in den vergangen neun Monaten sogar bis zu 25.000 russische Soldaten aus Putins Armee desertiert sein – aus Angst, an der Ukraine-Front als Kanonfutter herhalten zu müssen.
Aus einem Bericht des ukrainischen Geheimdiensts geht demnach hervor, dass zwischen November 2024 und Juli 2025 tausende russische Soldaten des Zentralen Militärbezirks ihre Einheiten ohne Autorisierung verlassen haben sollen. In mehr als 30 Fällen sei das Militärpersonal sogar mit Waffen und Kampffahrzeugen geflohen. Laut dem ukrainischen Geheimdienst soll vor allem die „Fleischwolftaktik“ Schuld an der weitläufigen Fahnenflucht sein.
Was ist die berüchtigte „Fleischwolftaktik“ der russischen Armee?
Die „Fleischwolftaktik“ bezeichnet eine besonders brutale Kriegsstrategie, die Russland unter Präsident Wladimir Putin im Ukraine-Krieg anwendet. Dabei werden große Mengen an Soldaten und Material in verlustreichen Offensiven eingesetzt, um gegnerische Stellungen zu zermürben und langsam Gelände zu gewinnen. Die Taktik nimmt hohe Verluste auf russischer Seite bewusst in Kauf.
Hintergrund
Die Taktik wurde insbesondere bei Kämpfen um Städte wie Bachmut und Awdijiwka beobachtet. Russische Truppen greifen häufig frontal an, oft mit schlecht ausgebildeten oder zwangsrekrutierten Soldaten. Ziel ist, die ukrainischen Verteidiger zu „überrennen“, indem sie ständig neue Truppen nachschieben – ähnlich wie bei einem Fleischwolf, in den immer neues „Material“ gepresst wird.
Putins Verbündete: Diese Länder stehen im Ukraine-Krieg an der Seite Russlands
Darüber hinaus werden auch die katastrophalen Zustände in der russischen Armee aufgeführt. Immer wieder gibt es Fälle von Schikane und Missbrauch. Innerhalb Wladimir Putins Streitkräften soll es auch zu Hinrichtungen kommen, wenn Soldaten einen Befehl nicht ausführen, schreibt der ukrainische Geheimdienst weiter. „Im vergangenen Jahr wurden mehr als 30 solcher Fälle dokumentiert. Das bedeutet im Endeffekt, dass Kommandeure ihre eigenen Soldaten systematisch hinrichten, weil sie sich weigern, für die Ambitionen des Kremls zu sterben.“
Putin setzt trotz hoher Verluste auf Freiwilligkeit in der russischen Armee – durch enorm hohe Gehälter
Der Großteil russischer Soldaten soll sich freiwillig gemeldet haben, um der russischen Armee zu dienen. Putin wirbt mit attraktiven Gehältern, um die Ränge für seine Streitkraft im Ukraine-Krieg aufzufüllen. Vorauszahlungen für neue russische Rekruten liegen über 450 Prozent des Durchschnittsgehalts in Russland, schreibt die BBC etwa. Das Jahresgehalt eines russischen Soldaten liegt sogar über 600 Prozent über dem Durchschnitt.
Russland-Expertin Kateryna Stepanenko vom „Instiute for the Study of War“ erklärt gegenüber dem Kyiv Independent: „Viele glauben, dass die Russen zum Kämpfen gezwungen sind. Tatsächlich hat der Kreml Angst davor, sein Volk zu mobilisieren.“ Um eine Revolte im eigenen Land zu verhindern, setzt Putin daher auf attraktive Gehälter, um Freiwillige zu finden, die an die Ukraine-Front ziehen. Stepanenko meint: „Sie werden nicht nur durch finanzielle Anreize motiviert, sondern auch durch zahlreiche soziale Vorteile. Dazu gehören kostenlose Bildung, Wohnzuschüsse, Rabatte auf Autos und andere Privilegien, die den Dienst attraktiver machen.“
Bis zu 42.000 Euro für neue Rekruten in Putins Armee – Russlands Verluste im Ukraine-Krieg weiter enorm
Dabei ist entscheidend, aus welcher Region die Soldaten kommen. Die russischen Regionen Samara, Belgorod und Jamal bieten beispielsweise die höchsten Einmalzahlungen für neue Rekruten. Ein neuer Rekrut aus der Region Samara erhält eine Einmalzahlung von 4 Millionen Rubel (ca. 42.000 Euro). Während des ersten Dienstjahres können die Soldaten aus Samara bis zu 7 Millionen Rubel (ca. 74.000 Euro) verdienen. In einigen russischen Regionen wie Adygeja, Kurgan und Kursk übersteigen die Kriegsausgaben sogar die für die Gesundheitspflege, wie die BBC schreibt. Dabei scheint ein Ende des Ukraine-Kriegs vorerst nicht in Sicht.
Doch die breite russische Bevölkerung für den Ukraine-Krieg zu mobilisieren, kommt für Putin vorerst nicht infrage, meint Stepanenko im Gespräch mit dem Kyiv Independent: „Es gibt eine Art Gesellschaftsvertrag zwischen Putin und der russischen Gesellschaft. Putin wird die breite russische Bevölkerung nicht mobilisieren und diejenigen bezahlen, die dienen, solange sich die Menschen nicht gegen den Krieg stellen. Bislang hat das funktioniert – es gab keine groß angelegten Proteste in ganz Russland.“ Doch die zunehmende Fahnenflucht in der russischen Armee könnte für Putin zum Problem werden. Denn Russlands Verluste sind auch aufgrund der „Fleischwolftaktik“ weiter enorm. Laut ukrainischen Angaben sollen bisher 1.131.070 russische Soldaten (Stand 20. Oktober) im Ukraine-Krieg verletzt oder getötet worden sein. Die Zahlen lassen sich nicht unabhängig überprüfen. (Quellen: Kyiv Independent, BBC, Defense Express, eigene Recherche) (sischr)