VonJoachim Willeschließen
Deutschland hat Platz, so viele Fotovoltaik-Anlagen wie nötig zu bauen, so das Öko-Institut.
Ökostrom-Anlagen decken derzeit gut die Hälfte von Deutschlands Elektrizitätsverbrauch ab; anno 2000 waren es erst gerade fünf Prozent. Bis 2030 soll der Anteil der Erneuerbaren laut den Plänen der Bundesregierung auf 80 Prozent steigen, und im Laufe des folgenden Jahrzehnts ist eine Vollversorgung angepeilt.
Der Zubau von Solaranlagen muss dafür auf hohem Niveau weitergehen – nicht nur auf Hausdächern, sondern auch auf Freiflächen. Neue Untersuchungen zeigen nun: Es ist bundesweit mehr als genügend Platz vorhanden, um das umzusetzen. Und dafür müssen keine fruchtbare Ackerböden oder für den Tourismus wertvolle Flächen genutzt werden.
Bis Ende 2023 waren in Deutschland Solarstromanlagen mit knapp 82 Gigawatt (GW) Leistung installiert, von denen rund ein Drittel auf Freiflächenanlagen entfällt. Bis 2040 sollen rund 400 GW erreicht werden, davon alleine 200 GW in Freiflächenanlagen. Das Tempo des Zubaus muss also gegenüber dem letzten Vierteljahrhundert mehr als verdreifacht werden.
Umso mehr kommt es auf hohe Akzeptanz in der Bevölkerung an. Bei Anlagen auf Dächern ist die meist gegeben, zumal Hauseigentümer:innen den dort produzierten billigen Strom auch selbst nutzen können. Doch auch Freiflächenanlagen können so installiert werden, dass sie nicht oder wenig stören.
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So können laut einer Überblicksstudie des Öko-Instituts allein an Seitenstreifen von Straßen, über Parkplätzen sowie auf Industrie- und Gewerbeflächen 287 Gigawatt Solarenergie installiert werden – also mehr als die 200 GW Freiflächen-Solaranlagen, die bis 2040 im Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) als Zielgröße für 2040 festgehalten sind. Landwirtschaftliche Flächen müssten demnach nur in sehr geringem Umfang in Anspruch genommen werden, und dann auch nur solche mit geringerem Ertrag.
Noch viel größer wäre das Potenzial, wenn auch Moorflächen, Gewässer oder weitere Agrarflächen genutzt würden – es betrüge weitere knapp 5000 Gigawatt. Bei den sogenannten Agri-Fotovoltaik-Anlagen wird die landwirtschaftliche Nutzung von Flächen mit der Stromerzeugung gekoppelt. Dabei könnten die Solarmodule auf Gestellen insbesondere über Dauerkulturen wie Trauben oder Obstbäumen gleichzeitig auch Schutz vor Hagelschäden und Sonnenbrand bieten, wodurch teure Schutzvorrichtungen wie Sonnen- und Hagelschutznetze überflüssig würden.
Laut der Analyse könnte theoretisch insgesamt eine Fläche von rund 13 Millionen Hektar für Fotovoltaik-Projekte genutzt werden, was 37 Prozent der deutschen Landesfläche entspricht. Davon wäre gut ein Drittel, nämlich 4,3 Millionen Hektar besonders geeignet. Diese setzen sich zusammen aus rund 400 000 Hektar mit Dauerkulturen und rund 3,9 Millionen Hektar, auf denen es wegen geringer und mittlerer Bodengüte nur geringe Nutzungskonkurrenz gibt.
Derzeit boomt die Solarenergie zwar, 2023 wurde ein Rekord-Zubau von rund 14 Gigawatt erreicht, mehr als im bisherigen Top-Jahr 2022 (rund acht GW). Auslöser dafür sind unter anderem die aktuell sehr niedrigen Preise für Solarmodule, die Überkapazitäten chinesischer Hersteller geschuldet sind, die ihre Ware zu Dumpingpreisen auf den europäischen Markt werfen. Die Fachleute vom Öko-Institut verweisen darauf, dass sich dies ändern kann. So hätten verschiedenen Krisen der letzten Jahre zu Lieferengpässen und auch zwischenzeitlich zu steigenden Anlagenpreisen geführt.
Der weitere Zuwachs, der nötig ist, um die Ziele zur erreichen, ist also nicht unbedingt ein Selbstläufer. Von 2026 an ist eine jährliche Neuinstallation von 22 GW vorgesehen, wobei die Hälfte auf Freiflächenanlagen entfallen soll. Das Öko-Institut empfiehlt daher, möglichst die Bürger:innen einer Kommune an den Erträgen von Erneuerbare-Energie-Anlagen zu beteiligen. Es habe sich gezeigt, dass dadurch „ihre Motivation steigt, deren Ausbau aktiv mit voranzutreiben“. Weil bei den Erlösen von Fotovoltaik-Strom an der Strombörse aber ein Rückgang erwartet wird, „könnten auch längerfristig zusätzliche Finanzierungselemente wie etwa direkte Stromlieferverträge notwendig sein“, schätzt das Institut ein.

