VonPeter Siebenschließen
Das Interesse an Volt sei durch die Debatte um Merz groß, heißt es in der Partei. Aber: Volt habe Potenzial liegenlassen, sagt ein Experte.
Berlin – Etwas ist anders, sagt Friederike Helmchen: „Man merkt im Straßenwahlkampf, dass sich was verändert hat.“ Helmchen tritt in Berlin zur Bundestagswahl an – für Volt. Kurz vor der Wahl ist sie in der ganzen Stadt unterwegs, hängt die violetten Plakate ihrer Partei auf, kommt mit Menschen ins Gespräch. „Das Interesse an Volt ist seit der Debatte um Merz spürbar gestiegen“, sagt sie.
Merz‘ Union schafft Mehrheit bei Abstimmung mit AfD – Wahlkampfgeschenk für Kleinparteien
Die Union hatte letzte Woche erstmals mit Stimmen der AfD eine Mehrheit für einen Antrag für eine verschärfte Migrationspolitik im Bundestag erwirkt. Kritiker sprachen von einem Dammbruch, einem Skandal. Sogar Altkanzlerin Angela Merkel schaltete sich ein, nannte Merz‘ Vorgehen falsch. Am Wochenende gingen Zehntausende in mehreren Städten gegen den CDU-Vorstoß und die AfD auf die Straße.
Für Parteien wie Volt womöglich ein Wahlkampfgeschenk, glaubt Friederike Helmchen: „Wir wollen frischen Wind in den Bundestag bringen, viele sehnen sich jetzt nach einer demokratischen Alternative.“ Statt auf Ideologie setze man bei Volt auf eine Vision: Ganz oben im Wahlprogramm geht es um Digitalisierung und eine Bildungsreform. Auch die digitale Transformation in der Wirtschaft will Volt unterstützen und zudem für soziale Gleichberechtigung sorgen. Auf dem Parteienspektrum bewegt sich Volt tendenziell eher links der Mitte, das Programm der Partei kann man sozialliberal nennen.
Niedrige Hürden für Mitglieder bei Volt vor der Bundestagswahl
Am wertvollsten sei der große Pragmatismus bei Volt, deshalb sei sie selbst vor ein paar Jahren in die Partei eingetreten, sagt Helmchen. „Ich wollte was verändern, hab mich bei den Grünen umgeschaut und auch bei der SPD. Aber da hatte ich das Gefühl, dass ich selbst am Ende keinen Einfluss habe.“ Bei Volt sei das anders. „Jeder kann sich sofort aktiv beteiligen, es gibt weniger Hürden als bei den großen Parteien.“
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Die 48-Jährige bezeichnet sich selbst als Anpackerin, hat sich eine erfolgreiche Karriere im Veranstaltungsbusiness aufgebaut. Das sei nicht immer leicht gewesen als Frau, erzählt sie. Ihre Erfahrungen bringt sie jetzt auch in den Wahlkampf ein: „Wir wollen bestehende gesellschaftliche Normen und traditionelle Rollenbilder aufbrechen, die Frauen oft dazu drängen, beispielsweise nach der Geburt ihrer Kinder zu Hause zu bleiben, während Männer schneller in den Beruf zurückkehren.“ Solche Strukturen hinderten Frauen daran, ihr volles Potenzial zu entfalten. „Ich habe diese Erfahrung auch gemacht, und es ist tatsächlich in der weiterlaufenden Zeit nicht signifikant besser geworden.“
Bei Volt habe man sich deshalb für den Einsatz paritätischer Listen zu den Wahlen ausgesprochen. „Die Vision: Wir schaffen Sichtbarkeit, verteilen Macht und Verantwortung gerecht und fördern das Bewusstsein, dass Gleichberechtigung keine Ausnahme, sondern die Regel sein muss“, sagt Helmchen.
Volt setzt auf Wähler bei der Bundestagswahl, die AfD verhindern wollen
Einen ersten kleinen Hype hatte Volt bei der letzten Europawahl erlebt. Damals holte die Partei 2,6 Prozent der Stimmen. Ob Volt jetzt aber die Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl knacken kann, ist ungewiss. Aktuell sieht es in den Bundestagswahl-Umfragen nicht danach aus. Helmchen argumentiert: „Wenn Volt in den Bundestag kommt, verhindern wir eine rechte Mehrheit. Während zwei Prozent mehr für SPD oder Grüne kaum etwas ändern, bedeutet die gleiche Unterstützung für Volt mindestens 32 Sitze mehr für das progressive Lager.“
Politikberater und Parteienkenner Johannes Hillje ist davon nur bedingt überzeugt. „Natürlich wäre Volt Teil eines Anti-AfD-Bündnisses. Aber es ist nicht unbedingt realistisch, dass es die Partei über die Fünf-Prozent-Hürde schafft. Die Wählerinnen und Wähler wählen strategisch“, sagt er. Viele würden fürchten, dass ihre Stimme verschenkt wäre, wenn sie Volt wählten.
Volt habe nach dem Ampel-Aus Potenzial liegenlassen, das andere Parteien für sich genutzt hätten: „Wenn es Bewegung im linken Spektrum gegeben hat, dann zugunsten der Linken. Die Partei hat sich mit Heidi Reichinnek und Jan van Aken neu aufgestellt und kommt auch bei jungen Menschen gut an.“ Für Volt könne die Bundestagswahl aber eine Art Generalprobe sein, auch mit Blick auf Landtagswahlen und auf 2029, so Hillje.
Rubriklistenbild: © Robert Michael/dpa, Peter Sieben (Fotomontage)

