Vom Unvermögen, das Vermögen gerecht zu verteilen

+
Geld ist sehr ungleich verteilt.

Wie viel Geld trennt die Reichsten von den Ärmsten in Deutschland? Helena Steinhaus und Claudia Cornelsen schildern in ihrem neuen Buch, wie der Sozialstaat „demokratisch, fair und armutsfest“ wird. Ein Auszug.

Unsere Gesellschaft sortiert schon bei der Geburt, mit welchen finanziellen, sozialen und kulturellen Ressourcen ein Mensch durchs weitere Leben geht. Je mehr Ressourcen man hat, desto höher ist die Resilienz, Krisen zu bewältigen und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man in solche Krisen überhaupt gerät. Je elitärer das kulturelle Umfeld, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Gewalt zu werden. Je höher der soziale Status, desto höher die Lebenserwartung und so weiter. Diese Ressourcen erarbeitet man sich nicht. Diese Ressourcen werden vererbt. Vermögen wird vererbt. Armut auch.

Falls Sie also aufgrund irgendeines erlebten Leids gelegentlich sagen: „Ich habe es schließlich auch bewältigt!“, dann halten Sie bitte kurz inne und überlegen, welche Ressourcen Ihnen zur Verfügung standen: Hatten Sie materielle Sicherheit? Wussten Sie, wo und wie Sie Hilfe bekommen können? Hatten Sie ein unterstützendes Umfeld? Eine Traumabewältigung ist grundsätzlich eine anerkennenswerte Leistung. Aber um Krankheit, Schicksalsschläge oder Gewalterfahrungen zu überleben, braucht es soziale oder ökonomische Unterstützung. Am besten beides.

Helena Steinhaus (l) und Claudia Cornelsen.

Es kann auch überleben, wer weder Geld noch unterstützende Mitmenschen hat, aber es ist deutlich schwieriger. Auch Phasen im Leben, in denen man „ohne Geld“ leben muss, in der Ausbildung oder im Studium vielleicht, sind weniger belastend, wenn klar ist, dass sie nur eine Phase sind. Gerade die kargen Lehr- und Ausbildungsjahre sind Investitionen in eine bessere Zukunft, also auch psychologisch leichter zu bewältigen als Armut, die durch Trennung oder Jobverlust unvermittelt im späteren Leben eintritt. Ob Sie eine Pandemie, einen Schicksalsschlag, Ihre schwere Kindheit oder eine berufliche Krise gut überstehen, hängt in großem Maße davon ab, zu welcher Gesellschaftsschicht Sie gehören. Die obere Hälfte der Gesellschaft trifft es nämlich deutlich weniger hart als die untere Hälfte.

Wissen Sie, wo Sie hingehören? Sie sollten sich nicht so sicher sein. Denn nicht nur Friedrich Merz, der sich bekanntlich zum gehobenen Mittelstand zählt, unterschätzt sein Vermögen. Sehr viele Menschen tun das. Damit Sie sich wissenschaftlich korrekt in unserem deutschen Vermögensranking einordnen können, möchten wir Sie in einem kleinen Exkurs zum Zwei-Minuten-Selbst-Check einladen.

Der Selbsttest geht mit einer einfachen Übung los: Überschlagen Sie bitte kurz im Kopf, wie groß Ihr persönliches Vermögen ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie Ihr Vermögen „ererbt“ oder „erarbeitet“ haben. Hauptsache, es ist Ihres. Grobe Zahlen reichen. Mehr als zwei Minuten sollten Sie nicht investieren. Als Vermögen zählen Immobilien, Geld, Gold, Schmuck, Kunst, Aktien, Versicherungen und Fahrzeuge. Gegenzurechnen sind Verbindlichkeiten, also Hypotheken-, Konsumenten- oder Studienkredite. Gehören Ihnen oder schulden Sie manche Dinge nur anteilig, dann berechnen Sie nur Ihren Anteil.

Ab 23 000 Euro gehören Sie – zusammen mit rund 42 Millionen anderen Deutschen – zur oberen Hälfte

Möglicherweise haben Sie unterm Strich nachher einen negativen Betrag stehen, weil Sie zwar eine Zeichnung von Picasso besitzen, aber leider noch einen Bankkredit über 500 000 Euro abzahlen müssen. So. Haben Sie in etwa Ihre verschiedenen Vermögenswerte zusammengetragen? Dann addieren Sie die Einzelposten und schreiben Sie die Summe auf einen Zettel. Locker auf- oder abgerundet genügt völlig. Keine Zahl hinterm Komma. Fertig?

Dann geht es jetzt los mit der Auflösung! Basis dieses Selbst-Checks ist die Vermögensstatistik 2020 „MillionärInnen unter dem Mikroskop“ vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie wurde auf Basis des SOEP+P Panels erstellt, einer Langzeitstudie, die unter anderem vom Bundesbildungsministerium gefördert wird und Maßstab für so gut wie alle Haushaltsentscheidungen des Bundes ist. Wir präsentieren Ihnen nur die Pi-mal-Daumen-Version dieser komplexen Wissenschaft. Demnach liegt der Median – also der Wert, der die reichere von der ärmeren Hälfte der Bevölkerung trennt – bei einem Vermögen von rund 23 000 Euro.

Mit jedem Euro, den Sie weniger haben, nähern Sie sich der Abbruchkante ins soziale Elend. Mit jedem Euro, den Sie mehr haben, entfernen Sie sich davon. Ab 23 000 Euro gehören Sie – zusammen mit rund 42 Millionen anderen Deutschen – zur oberen Hälfte. Mit einem Vermögen bis etwa 130 000 Euro gehören Sie zur „gehobenen Mittelschicht“. Friedrich Merz gehört definitiv nicht dazu, aber Sie vielleicht? Das Nettovermögen liegt hier im Durchschnitt bei rund 74 000 Euro; meist mindern Hypothekenkredite noch das theoretisch eigentlich höhere Vermögen. Ab 130 000 Euro gehören Sie zum oberen Viertel der deutschen Bevölkerung, also den reichsten 20 Millionen Menschen.

Danach kommt der Club der „Millionäre“

Besitzen Sie mehr als 280 000 Euro, gehören Sie zum oberen Zehntel, also den reichsten acht Millionen Deutschen. Ab 440 000 zum oberen Zwanzigstel, also den reichsten vier Millionen Deutschen. Mit einem Vermögen von 130 000 Euro bis zur Schwelle von einer Million Euro zählen Sie zu den „Wohlhabenden“. Hier liegt das durchschnittliche Nettovermögen bei fast 300 000 Euro. Auch hier mindern – in dieser Schicht allerdings fast genauso große – Hypothekenkredite das theoretisch deutlich höhere Vermögen.

Danach kommt der Club der „Millionäre“, die etwa das obere 1,5 Prozent der Vermögensverteilung ausmachen, passenderweise sind das etwa 1,2 Millionen Deutsche. Das durchschnittliche Nettovermögen dieser Millionäre beträgt gut drei Millionen Euro pro Kopf. Das reichste eine Prozent der Bevölkerung vereint übrigens rund ein Drittel des Gesamtvermögens aller Deutschen auf sich.

Wenn also über „Oma ihr Häuschen“ palavert wird, dann reden wir über eine ziemlich vermögende Frau

Zu guter Letzt gibt es noch die „Superreichen“. Wenn Sie dazu gehören, brauchen Sie keinen Test. Vielleicht stehen Sie auf der Liste der 700 reichsten Deutschen, die Jahr für Jahr im Manager Magazin veröffentlicht wird, allerdings nur auf Schätzungen basiert und meist nur die Vermögensanteile an großen Unternehmen addiert. An der Beschreibung der Gruppen „gehobene Mittelschicht“, „Wohlhabende“, „Millionäre“ und „Superreiche“ ist zu erkennen, dass das wesentliche Vermögen vor allem aus Besitz von Unternehmen und Immobilien oder jeweils Anteilen daran besteht.

Wenn also in den Medien über „Oma ihr Häuschen“ palavert wird, dann reden wir über eine ziemlich vermögende Frau. Selbst Kleingartenhäuschen kosten schnell mal über 20 000 Euro. Wir reden zumindest über eine Person, die zur oberen Hälfte der Bevölkerung gehört. Je nachdem, wie groß Großmutters „Häuschen“ ist und wenn es vielleicht in Hamburg-Eppendorf oder in Utting am Ammersee steht, reden wir über eine wohlhabende Dame oder sogar über eine Multimillionärin. Und wir reden über ihre Angehörigen, die von den Erträgen dieses Vermögens Jahr für Jahr ein paar tausend Euro schwere Krümelchen abbekommen und die darauf zählen können, dass sie eines Tages von dem Kuchen ein großes Stück abbekommen werden.

Die Autorinnen

Helena Steinhaus (im Bild links), geboren 1987, ist Gründerin und Vorständin des Vereins „Sanktionsfrei“, der sich seit 2015 für eine menschenwürdige Grundsicherung einsetzt. Als Kritikerin von Hartz IV erhielt Helena Steinhaus große mediale Aufmerksamkeit; sie sieht aber auch das Bürgergeld skeptisch. Steinhaus lebt in Berlin-Brandenburg.

Claudia Cornelsen , geboren 1966, ist Beraterin und Autorin, unter anderem des Bestsellers „Was würdest Du tun? Wie uns das Bedingungslose Grundeinkommen verändert“. Cornelsen ist ebenfalls im Vorstand von „Sanktionsfrei“ und begleitet den Verein von Anfang an. Sie lebt in Berlin.

Bild: Oliver Betke/Verlag S. Fischer

Reiche Menschen haben nicht unbedingt Geld auf dem Konto, aber sie haben Anlageformen, die Geld erwirtschaften, nämlich Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung und Gewerbebetrieb. Würde man nur ihr Einkommen betrachten, könnte es also durchaus sein, dass sie scheinbar „gar nicht so viel verdienen“. Aber ein „bescheidenes“ Jahresgehalt von 100 000 Euro gibt natürlich eine ganz andere Art von Sicherheit, wenn man weiß, dass es ohne besonderes Zutun die nächsten Jahre oder Jahrzehnte fließt – solange nicht große Ereignisse wie Krieg oder globale Finanzkrisen die deutsche Wirtschaft als Ganzes zum Einsturz bringen.

Deswegen sind solche Vermögensbetrachtungen sehr viel aussagekräftiger als die – leider viel öfter zitierten – Einkommensvergleiche. Die „brotlose Künstlerin“ oder der „ehrenamtliche Helfer“ sind nämlich vielleicht in Wahrheit bestens versorgte Zöglinge von Superreichen, während andere, die für ihre kreative Arbeit oder ihr gesellschaftliches Engagement nur ein klägliches Honorar bekommen, in Wahrheit armutsgefährdet leben und arbeiten.

Das neue Buch.

Geld mag vielleicht wirklich nicht glücklich machen, aber diese finanzielle Sicherheit tut es. Auch das hat die Wissenschaft festgestellt: Millionär:innen sind überdurchschnittlich zufrieden mit ihrem Leben.

Reden wir über Armut, fangen wir bei unter 23 000 Euro an. Das ist die andere Hälfte der Bevölkerung, also 42 Millionen Menschen. Solange Sie überhaupt Vermögen haben, gehören Sie zur „unteren Mittelschicht“ – und sei es auch nur ein altes Auto, das auf dem Gebrauchtwagenmarkt ein paar hundert Euro brächte. Danach ist Schluss. Das unterste Viertel der Bevölkerung hat nichts. Ganz und gar nichts.

Nochmal zur Erinnerung: Das oberste Viertel hat zwar keinen großen Reichtum, aber doch mindestens 130 000 Euro Vermögen. Das unterste Viertel hat nichts. 20 Millionen Menschen leben ohne nur einen einzigen Vermögenswert. Sie haben keine Rücklage für egal welche Art von Krise. Allerdings steht nur bei 16 Millionen von ihnen als Vermögenswert eine schwarze Null. Sie sind die „Mittellosen“.

Die restlichen vier Millionen Menschen aber schreiben rote Zahlen. Statt Vermögen haben sie Schulden, und zwar mindestens 3000 Euro. Wobei das ärmste eine Prozent, also rund 800 000 Menschen, mehr als 22 260 Euro Schulden haben, jeder und jede Einzelne! Sie sind die „Überschuldeten“. Zusammengefasst besitzt jeweils ein Viertel der deutschen Bevölkerung: a) weniger als 1 Euro Vermögen b) zwischen 1 und 23 000 Euro Vermögen c) zwischen 23 000 und 130 000 Euro Vermögen d) mehr als 130 000 Euro Vermögen.

Und wie geht es Ihnen, wenn Sie zu den Reicheren gehören?

Das Ergebnis sollten Sie erst mal sacken lassen. Egal, in welcher Kategorie Sie sich einsortiert haben: Sie sind nicht allein. Wir reden immer von rund 20 Millionen Menschen. Puh. Ja, wir wissen. Das sind Statistiken. Abstrakte Daten. Ganz sicher kennen Sie jemanden, der … usw. Aber lassen Sie doch bitte einfach mal für einen kurzen Augenblick das Ergebnis Ihrer Kopfrechnung auf sich wirken. Wie fühlt es sich an, zu dieser oder jener statistischen Gruppe zu gehören? Halten Sie den Gedanken aus, zu den Ärmeren zu gehören? Oder schießen sofort solche Gedanken durch Ihren Kopf: „Ich brauche auch gar nicht viel.“ – „Es ist ja nur ’ne Phase.“ – „Das wird sich bestimmt ändern. Demnächst starte ich wieder voll durch!“

Und wie geht es Ihnen, wenn Sie zu den Reicheren gehören? Können Sie das genießen oder denken Sie reflexhaft so etwas wie „Das kann gar nicht stimmen. Ich lebe doch ganz bescheiden.“ – „Das habe ich mir auch alles hart erarbeitet.“ – „Klar, habe ich geerbt, aber ich arbeite trotzdem viel.“ Versuchen Sie, bei den Fakten zu bleiben. Wir wollen nicht moralisch darüber urteilen, ob Sie ein guter oder schlechter Mensch sind. Es geht nicht um Leistung, sondern nur um Geld, nur ums finanzielle Vermögen.

Aber natürlich können wir nicht leugnen, dass dieses Vermögen Auswirkungen hat: soziale, emotionale, physische und auch psychische. Wir sind soziale Wesen, Rudeltiere. Wir wollen Teil der Gruppe sein. Eine abgehobene Elite gehört nicht zur Gruppe; die ist etwas Besseres. Und Loser und Schwächlinge gehören auch nicht zur Gruppe. Die will niemand dabeihaben; die belasten eine Gruppe. Wir wollen weder belasten noch extrem herausstechen.

Die meisten Menschen finden sich lieber „normal“

Deswegen machen wir uns gern ärmer oder reicher, und zwar so lange, bis wir zur Mittelschicht gehören, und zwar am liebsten zur gehobenen Mittelschicht. Da ist es nämlich am schönsten. Das ist die Wohlfühlzone der Gesellschaft. Man gehört voll dazu, hat es aber ein bisschen besser als der Durchschnitt. Niemand erlebt einen als Belastung, gleichzeitig ist man nicht so exponiert, dass Forderungen an einen gestellt werden.

Wenn wir Sie zum Beispiel als Teil einer Elite feiern würden, weil Sie zu den Menschen gehören, die Bücher lesen, dann werden Sie bei dem Begriff „Elite“ vermutlich kurz zusammenzucken. Das wird kein Begriff sein, der Ihnen spontan gefällt. Auch wenn er Ihnen insgeheim vielleicht ein bisschen schmeichelt. Die wenigsten Menschen in Deutschland wollen zu einer Elite gehören. Die meisten Menschen finden sich lieber „normal“. Nichts Außergewöhnliches und schon gar nicht was Besseres.

Die meisten ordnen sich in Umfragen also als Mittelschicht ein. Mittelschicht ist nicht Mittelmaß. Mittelmäßig will niemand sein. Aber Mittelschicht, das sind wir alle gern. Wir wollen seltsamerweise nicht reich sein, obwohl wir alle furchtbar gern reich wären. Reich ist Konjunktiv, nie real. Anders bei der Armut. Arm will auch niemand sein. Aber Armut ist real. Und das wissen wir auch. Faktisch sind Millionen Menschen arm. Und zu denen wollen wir definitiv nicht gehören.

Kommentare