Wer rettet die USA?

Von den Suffragetten bis Kamala Harris: Der lange Weg zur Macht

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Das Musical „Suffs“ klärt über den langen Kampf um das Frauenwahlrecht auf.
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Mit ihrem Musical „Suffs“ zeigt Regisseurin Shaina Taub ihrem Publikum, wie lange Frauen in Amerika bereits um das Recht auf politische Macht kämpfen.

Shaina Taub saß am Nachmittag des 21. Juli wie jeden Sonntag in der Garderobe des Music Box Theater am Broadway und ließ sich für ihren Auftritt in der Matinee die Haare richten. Der Coiffeur war beinahe fertig und Shaina auf dem Weg zur Bühne, als ihr Telefon begann, mit Eilmeldungen zu vibrieren.

Taub konnte gerade noch aus dem Augenwinkel lesen, dass sich Joe Biden aus dem Präsidentschaftswahlkampf zurückgezogen hatte, bevor der Vorhang aufging und sie sich auf die Eröffnungsnummer des von ihr geschriebenen Musicals „Suffs“ konzentrieren musste. „Let mother vote“ – „Lasst Mama wählen“ hieß der Song und er sollte das Publikum auf das Zweieinhalb-stündige Drama um die amerikanische Suffragetten-Bewegung einstimmen.

Doch Taub brauchte sich gar nicht anzustrengen, der Saal war bereits in Fahrt. Bevor das Orchester auch nur die erste Note spielen konnte, schallten aus dem Publikum Sprechchöre mit dem Namen der mutmaßlichen neuen Kandidatin der demokratischen Partei. Minutenlang donnerte es „Kamala Kamala Kamala“ durch den Raum. Das Theater war elektrisiert, das Ensemble stimmte ein und die nächsten Stunden sang und tanzte Taub mit einer ekstatischen Hingabe, wie sie diese in ihrer Bühnenkarriere noch nie erfahren hatte. „Da wurde mit einem Mal eine lange unterdrückte Energie und Hoffnung freigesetzt, die uns durch die gesamte Vorstellung getragen hat.“

Das Musical, das Taub zwei Jahre zuvor am kleinen New York Public Theater uraufgeführt hatte, war über Nacht das aktuellste und relevanteste Stück Popkultur in Amerika. Die theatralische Ehrung der Frauen, die vor mehr als hundert Jahren hart um ihr Wahlrecht im vermeintlichen Land der Freiheit und Gleichheit gekämpft hatten, wurde von einem Augenblick zum nächsten zur Vorgeschichte der womöglich ersten Präsidentin des Landes. Die Figur der Suffragette Alice Paul, die Taub in ihrem eigenen Musical darstellt, erschien plötzlich als symbolische Urgroßmutter von Kamala Harris.

„Suffs“ ist seit der Nominierung von Kamala Harris auf Wochen hin ausverkauft, die Tickets erzielen Rekordpreise auf dem Schwarzmarkt und Taub hat gleich zwei Tony-Auszeichnungen für ihr Skript und die Musik erhalten.

Claire Potter, Professorin für politische Kultur an der New Yorker New School for Social Research, nennt das Stück schon jetzt „das Musical der Harris-Ära“. So, wie das Hip-Hop-Musical „Hamilton“ das Musical der Obama-Ära gewesen sei. Dabei sei es unerheblich, dass Taub das Stück lange geschrieben habe, bevor Kamala Harris zur Präsidentschaftskandidatin wurde. „Es wurde als Stück für Frauen in der Trump-Ära geschrieben“, sagt sie – einer Zeit, in der toxische Männlichkeit mit Macht in die Kultur zurückkehrte und hart errungene Frauenrechte, wie das Recht auf Abtreibung, wieder zur Debatte stünden.

Das bestätigt Leigh Silverman, die Regisseurin von „Suffs“. „Natürlich hatten wir die Harris-Nominierung niemals erwartet.“ Doch die Dringlichkeit darüber zu sprechen, dass der Kampf um Frauenrechte, noch lange nicht zu Ende sei, lag schon lange vorher in der Luft.

So sei das Stück schon vor der Harris-Nominierung mehr als relevant gewesen. Die neue Entwicklung habe lediglich ein Massenpublikum geschaffen. Ähnlich wie bei „Hamilton“, in dem Regisseur Lin Manuel Miranda den umstrittenen Gründervater der Nation als Rapper darstellte. Erst nachdem Obama Miranda ins Weiße Haus eingeladen hatte, wurde „Hamilton“ zum Welterfolg. „Diese Stücke brauchen ihre Zeit“, sagt Claire Potter. Und die Zeit für Shaina Taub und „Suffs“ sei jetzt gekommen.

Gleichzeitig betont Silverman, dass man die politische Macht des Musik-Theaters gar nicht unterschätzen kann. „Die Songs bleiben bei einem, man summt sie den ganzen Tag, selbst wenn man das Stück nicht gesehen hat.“ Das habe man bei Hamilton gesehen, wo „The World Turned Upside Down“ ein eigenständiger Hit wurde. Und von der Nummer „Great American Bitch“ aus „Suffs“ gibt es jetzt schon T-Shirts, die als selbstbewusstes Glaubensbekenntnis junger Harris-Fans getragen werden. „Kultur“, sagt Silverman, „ist eines der effektivsten Mittel des politischen Kampfs.“

Shaina Taub hat alles gelesen, was es zum Thema Suffragetten gibt.

Shaina Taub selbst ging es derweil vor zehn Jahren noch so, wie den meisten Amerikaner:innen. Als ihre Freundin, die Theater-Produzentin Rachel Sussmann, sie damals fragte, was sie über die Suffragetten wisse, fiel Taub nicht besonders viel ein. Sie hatte im Geschichtsunterricht von der Seneca Falls Convention gehört, dem historischen Zusammentreffen von Frauenrechtlerinnen im Jahr 1848, aus dem das Gründungsdokument des amerikanischen Feminismus hervor ging, die sogenannte „Declaration of Sentiments“. Und sie wusste, dass eine der Unterzeichnerinnen des Dokuments, Susan B. Anthony, auf einer seltenen Dollarmünze verewigt ist. Das war es aber dann auch schon.

Die erst 23 Jahre alte Taub galt damals als junges Talent in der New Yorker Musik- und Theaterszene. Sie trat regelmäßig im von Sussmann geführten kleinen aber feinen Public Theater als Singer- Songwriterin auf und wirkte an kleineren Bühnenproduktionen mit. Nachdem sie in einer Nacht das Buch „Jailed für Freedom“ über die Suffragetten gelesen hatte, das Sussman ihr geschenkt hatte, stand der nächste Schritt in ihrer Karriere mit einem Mal fest: Noch am nächsten Morgen rief Taub Sussmann an und sagte ihr „Wir müssen das machen“.

Taub war, insbesondere als politisch stark engagierte Künstlerin, wie heute viele Besucher:innen von „Suffs“, erschrocken darüber, wie wenig sie über die Suffragetten Bewegung gewusst hatte. Jedes Kind in den USA kennt die Helden der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, Männer wie Martin Luther King oder Malcolm X. Doch die Geschichte der Suffragetten ist ebenso wenig Teil des amerikanischen Schulbildungskanons, wie die Tatsache, dass die rechtliche Gleichstellung von Frauen unter dem Gesetz, ebenso wie die Gleichstellung von Schwarzen Menschen, bis 1965 auf sich warten ließ. Und so verspürte Taub, die Bernie Sanders unterstützte, sich im linken Flügel der demokratischen Partei engagiert und der Bürgerrechtsorganisation ACLU angehört, den überwältigenden Drang, die Story mit ihren künstlerischen Mitteln zu erzählen.

Zur Serie

Wer rettet die USA? Eine Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf geht es um nichts Geringeres, als den Erhalt der Demokratie. Viele Probleme bleiben dabei auf der Strecke. Doch statt sich damit abzufinden, kämpfen mutige Amerikanerinnen und Amerikaner jeden Tag dafür, dass es den Menschen in ihrem Land besser geht.

Jede Woche stellen wir in zwei Folgen Personen und Initiativen vor, die auf ihre Weise versuchen, Amerika zu retten. Vergangene Folgen sowie zusätzliche Bilder finden Sie online auf unserer Themenseite: fr.de/usa

Dafür durchstreifte Taub sämtliche Bibliotheken von Boston bis Washington, um alles zu lernen, was es über den Kampf um Frauenrechte in den USA zu lernen gibt. Heute, sagt Rachel Sussmann, gibt es nichts, was Taub nicht dazu gelesen hat.

Das ursprüngliche Manuskript, das 2019 am Public Theater uraufgeführt werden sollte, beginnt mit dem Suffragetten Kongress im Jahr 1913 und erzählt den internen Konflikt der Bewegung, der an die Konflikte beinahe jeder sozialen Bewegung erinnert. Eine Fraktion der Suffragetten befürwortete den langsamen Marsch durch die Institutionen, den Kampf um das Wahlrecht in jedem Einzelstaat. Die andere Fraktion um die Heldin Alice Paul, die Taub selbst spielt, ist ungeduldig und will auf die Straße gehen, um die Regierung unter Druck zu setzen, ein nationales Gesetz zu erlassen.

So kommt der Suffragetten-Marsch in Washington im Jahr 1913 zustande, ein erster Höhepunkt des Musicals. Dem Marsch voran reitet auf einem weißen Schimmel die schillernde Inez Milholland, eine New Yorker Gesellschaftsdame, die ihr Charisma, ihr Geld und ihre Kontakte in den Dienst der Bewegung gestellt hatte. Ursprünglich wollte Taub für diese sogar einen echten Schimmel auf die Bühne bringen.

Es geht weiter mit einem Treffen mit Präsident Woodrow Wilson, der den Frauen ein herablassendes Lippenbekenntnis anbietet, sie aber mit dem Argument hinhält, er habe erst einmal einen Krieg in Europa zu führen. Es kommt daraufhin zu einer Dauerbelagerung des Weißen Hauses, zu Verhaftungen, zu Misshandlungen im Gefängnis und einem Hungerstreik. Und schließlich zum Triumph der Suffs mit der Verabschiedung des 19. Verfassungszusatzes im Jahr 1924. Der Erfolg ist einer einzigen Stimme eines Senators aus Tennessee zu verdanken, dessen Mutter ihn davon überzeugte, für die Frauen zu stimmen – ein historisches Ereignis, das in „Suffs“ herzzerreißend mit der Nummer „A letter from Harry’s Mother“ besungen wird. Das alles wäre nicht nur erhellender historischer Nachhilfeunterricht sondern auch packendes Musiktheater gewesen.

Doch bevor das Stück zur Uraufführung kam, legte die Corona-Pandemie die Stadt New York lahm. Und nicht nur das, die Ermordung von George Floyd löste sowohl Massendemonstrationen im ganzen Land aus, als auch verschärfte Diskussionen um Rassismus und Intersektionalität in Amerikas kulturellen Institutionen.

Taub war klar, dass das Musical in diesem Umfeld nicht mehr so stehen bleiben konnte und setzte sich nochmal an das Manuskript. Und so ist heute ein zentrales Motiv des Musicals der interne Konflikt zwischen Schwarzen und weißen Suffragetten. Schon beim Marsch auf Washington im Jahr 1913 kommt es zu einer Konfrontation, weil ein Teil der Frauen ihre Schwarzen Schwestern am Ende des Zuges marschieren lassen wollen, um die Suffragetten der Südstaaten nicht zu provozieren. Doch die Schwarze Journalistin Ida B. Wells weigert sich. Dazu schrieb Shaina Taub den Song „Wait my turn“, in dem Ida B. Wells, dargestellt von Nikki James, den weißen Schwestern entgegenschleudert, dass sie scheinbar nie kapieren werden, „dass keine von uns frei ist, bis wir alle frei sind.“ Eine bittere Weisheit, die sich am Ende des Musicals bewahrheitet, als zwar das Frauenwahlrecht durchgesetzt wird, Schwarze Frauen aber immer noch Hürden zu überwinden haben, um an die Wahlurne zu kommen. Erst in den 60er Jahren erhalten afroamerikanische Frauen in den USA das volle Wahlrecht.

So endet das Musical mit dem Aufruf, nicht aufzugeben und weiter zu marschieren, weil der Kampf noch lang nicht zu Ende ist. Eine Nummer, die in dem Augenblick, in dem eine Woman of Color tatsächlich Präsidentin werden könnte, auch den abgebrühtesten Broadwaygästen Tränen in die Augen treibt.

Das wusste freilich Shaina Taub noch nicht, als das Musical im April 2024 am Broadway debütierte. Doch sie war zutiefst von der Dringlichkeit überzeugt, diese Geschichte genau jetzt zu erzählen. Das gab ihr dann auch die Chuzpe, Hillary Clinton anzusprechen, die selbst beinahe als erste Frau ins Weiße Haus eingezogen wäre und die in ihrem Ruhestand eine fanatische Theaterbesucherin geworden ist.

So kam es zu einer Kollaboration, Clinton hat nicht nur bei der Finanzierung des Projektes geholfen, sondern auch ganz direkt beratend an der Produktion mit gewirkt. Auch ihr war es wichtig, genau jetzt, genau diese Geschichte zu erzählen, gewiss auch in der Hoffnung, dazu beizutragen, dass der nächsten Kandidatin nicht das gleiche passiert, wie ihr vor acht Jahren.

Clintons Wahlniederlage hatte damals viele Ursachen, aber eine davon war ganz sicher, dass das Land noch nicht für eine Regierungschefin bereit war. Ob das nun besser geworden ist, wird man erst im November erfahren. Aber sicher ist, dass jeder, der oder die „Suffs“ gesehen hat, davon überzeugt ist, dass es an der Zeit ist. Der Song von Ida B. Wells, in dem sie nicht denkt, nur noch eine Stunde lang zu warten, bis sie dran ist, könnte auch wunderbar von Kamala Harris gesungen werden.

Die noch immer erst 33 Jahre alte Shaina Taub findet sich derweil unverhofft ganz nahe an der großen Politik wieder. Eine Tatsache, die ihr sowohl Stolz als auch Angst einflößt. „Ich bin dankbar, dass ich diese Zeit mit ihren emotionalen Höhen und Tiefen jeden Abend zusammen mit meinem Ensemble und meinem Publikum erleben darf“, sagt sie.

Das wird auch in der Wahlnacht so sein. Egal, wie es ausgeht und wie ihre Gefühle sind, Taub wird damit nicht alleine sein. Und ganz sicher wird das Musical ungeachtet des Wahlausgangs relevant bleiben. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr, falls amerikanische Frauen einmal mehr nicht an die Macht gelassen werden.

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