Anschlag auf Donald Trump

„Können dem FBI und dem Secret Service nicht vertrauen“: Verschwörung nach Trump-Attentat

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US-Behörden sagen, der Trump-Attentäter habe allein gehandelt. Es gebe keine Beweise für einen zweiten Schützen. Im Internet ist man anderer Meinung.

Washington, D.C. – Das Attentat auf den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung für die US-Wahl hat eine ganze Flut unbegründeter Verschwörungstheorien ausgelöst. Während die einen glauben, dass die Schießerei Teil eines Staatsstreichs war, sind andere der Überzeugung, dass sie vom ehemaligen Präsidenten selbst inszeniert wurde, um Sympathien und die Wahl zu gewinnen. In einem Punkt ähneln sich allerdings viele der Erzählungen: die Behauptung, dass es einen zweiten Schützen gegeben habe, der sich auf einem nahe gelegenen Wasserturm befand. Obwohl es keinerlei Beweise – oder gar Indizien – gibt, hält sie sich hartnäckig.

Einem Bericht des US-Senders NBC News zufolge, ähnelt die Theorie eines zweiten Schützen der diskreditierten Grassy-Koll-Verschwörungstheorie. Diese besagt, dass Lee Harvey Oswald bei der Ermordung von Präsident John F. Kennedy von einem anderen Schützen auf einem nahe gelegenen, grasbewachsenen Hügel (englisch: grassy knoll) unterstützt wurde. Joseph Uscinski, Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Miami, der sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt, ist daher von ihrem Auftreten nicht überrascht. Es sei „nicht schockierend, dass die Leute von einem zweiten Schützen sprechen“, so Uscinski, schließlich gebe es „wirklich nichts Neues unter der Sonne“.

Verschwörungstheorien über Trump-Attentat – Im Internet kursieren wilde Behauptungen zum Anschlag

Trotzdem zeigt die Geschichte eindrucksvoll, wie schnell sich Falschinformationen festsetzen können. Ihren Ursprung nahm die Wasserturm-Theorie am 13. Juli, nur Stunden nach dem Attentat auf Trump. Noch auf der Kundgebung hätten befragte Augenzeugen begonnen, sie in ihre Schilderungen der chaotischen Vorgänge einzubauen, so der Bericht weiter. Zwar hätten die Korrespondenten zur Vorsicht aufgerufen und darauf hingewiesen, dass die Szene noch im Gange sei, die Menschen unter Schock stünden und die Einzelheiten der Berichte noch bestätigt werden müssten. Aber die Verschwörungstheoretiker hätten diese Warnungen ignoriert.

Verschwörungstheoretiker glauben, dass die US-Behörden bezüglich des Attentats auf Trump nicht die ganze Wahrheit sagen.

Im Folgezeitraum seien täglich Zehntausende von Beiträgen auf X verfasst worden, die sich mit Theorien über einen zweiten Schützen vom Wasserturm aus befassten. Das habe eine Analyse von Peak Metrics, einem Unternehmen, das Bedrohungen im Netz verfolgt, ergeben. Nach und nach seien immer mehr bekannten Konten für Verschwörungstheorien auf den Zug aufgesprungen, unter anderen der X-Account von John Cullen, einem selbsternannten Forscher, der mit unbewiesenen Theorien über Covid Bekanntheit erlangt hatte. Dieser habe die Theorie mithilfe seiner Anhängerschaft weiter ausgebaut. Auf YouTube und in Podcasts, darunter InfoWars, ein rechtsextremes Medienportal, sei er als „Experte“ rund um die Theorie des zweiten Schützen aufgetreten.

Republikaner unterstützen teilweise Verschwörungsmythos – War der Trump-Schütze nicht allein?

Auch Politiker trugen ihren Teil bei. „Ich habe im Internet einige sehr interessante Videos von Experten gesehen, die sicherlich infrage stellen, was das FBI uns über einen einzelnen Schützen erzählt“, gab Senator Ron Johnson am Sonntag (21. Juli) gegenüber Fox News von sich. Laut Johnson, der dafür bekannt ist, diskreditierte Verschwörungstheorien über die US-Wahl 2020 und Covid zu unterstützen, kann man den US-Behörden nicht trauen. „Ich weiß es nicht, aber wir können dem FBI und dem Secret Service nicht vertrauen, dass sie eine ehrliche, offene und transparente Untersuchung durchführen“, so der Senator. Man müsse sich daher „auf andere, unabhängige Quellen verlassen, um wirklich herauszufinden, was die Wahrheit in dieser Angelegenheit war“.

Mit einer Sache hat Johnson in jeden Fall recht: Die US-Behörden sind sich sicher, dass es keine Beweise für einen zweiten Schützen bei dem Attentat gibt. Das stellte Kimberly Cheatle, die inzwischen zurückgetretene Direktorin des Secret Service, am Montag (22. Juli) gegenüber Reportern klar. Es gebe weder Hinweise darauf, dass jemand auf einem Wasserturm mit Blick auf den Kundgebungsort gewesen sei, noch für einen zweiten Schützen. Auch Anhaltspunkte für eine ausländische Beteiligung oder Beweise für eine Inszenierung der Schießerei habe man nicht finden können. Cheatle hatte ihr Amt am Dienstag (23. Juli) niedergelegt, weil sie sich für das Versagen der von ihr geleiteten Behörde beim Schutz Trumps verantwortlich sieht.

Vor der US-Wahl 2024 steckt das Land in einer tiefen Krise – Attentat auf Trump für Aufmerksamkeit

Doch ungeachtet dieser Klarstellung hat die Verschwörungstheorie weiterhin großen Zulauf. Die US-Zeitung The Philadelphia Inquirer sieht dahinter eine Unfähigkeit der US-amerikanischen Gesellschaft, den wahren Grund für das Attentat auszuhalten. Statt über Waffenbesitzrechte zu sprechen, würden die Menschen bevorzugen, die neuesten Verschwörungstheorien breitzutreten. Knapp zwei Wochen nach dem Anschlag habe noch immer kaum ein Politiker oder TV-Moderator die wahre Ursache angesprochen: eine „Krise des jungen amerikanischen Mannes“. Oft seien diese unzufrieden, isoliert und in vielen Fällen bereit, Gewalt anzuwenden, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.

Das Trump-Attentat in Bildern: Schüsse, Chaos und ein blutender Ex-Präsident

US-Wahlkampf in Butler, Pennsylvania. Die Menge wartet auf Donald Trump, nicht wissend, dass gleich Schüsse fallen werden.
US-Wahlkampf in Butler, Pennsylvania. Die Menge wartet auf Donald Trump, nicht wissend, dass gleich Schüsse fallen werden. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Donald Trump auf der Wahlkampfveranstaltung in Butler, Pennsylvania.
Donald Trump auf der Wahlkampfveranstaltung in Butler, Pennsylvania. Kurze Zeit später fielen die Schüsse. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Schüsse fallen, Trump duckt sich weg. Der Secret Service eilt herbei. Als die Gefahr gebannt ist, wird Trump behandelt und von der Bühne gebracht.
Schüsse fallen, Trump duckt sich weg. Der Secret Service eilt herbei. Als die Gefahr gebannt ist, wird Trump behandelt und von der Bühne gebracht. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Schwerbewaffnete Soldaten bewachen die Bühne nach den Schüssen auf Donald Trump.
Schwerbewaffnete Soldaten bewachen die Bühne nach den Schüssen auf Donald Trump. Im Hintergrund decken Secret-Service-Mitarbeiter den Ex-Präsidenten hinter dem Pult. © dpa/AP | Evan Vucci
Auf Videos ist zu hören, wie der Secret Service bestätigt, dass der Täter „neutralisiert“ sei. Daraufhin wird Trump von der Bühne eskortiert.
Auf Aufnahmen ist zu hören, wie der Secret Service bestätigt, dass der Täter „neutralisiert“ sei. Daraufhin wird Trump von der Bühne eskortiert. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Nach den Schüssen auf Donald Trump erwidern Scharfschützen der Polizei das Feuer auf den Täter.
Nach den Schüssen auf Donald Trump erwidern Scharfschützen der Polizei das Feuer auf den Täter. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Wenige Momente nach dem versuchten Mordanschlag auf ihn reißt Trump kämpferisch die Faust in die Höhe.
Ein Bild, das wohl auch im US-Wahlkampf immer wieder auftauchen wird. Wenige Momente nach dem versuchten Mordanschlag auf ihn reißt Trump kämpferisch die Faust in die Höhe. © dpa/AP | Evan Vucci
Donald Trump direkt nach den Schüssen auf ihn: Der Ex-Präsident ist blutverschmiert, scheint am Ohr getroffen.
Donald Trump direkt nach den Schüssen auf ihn: Der Ex-Präsident ist blutverschmiert, scheint am Ohr getroffen. © dpa/AP | Evan Vucci
In einer Traube von Secret-Service-Mitarbeitern verlässt der blutverschmierte Trump nach den Schüssen die Bühne.
In einer Traube von Secret-Service-Mitarbeitern verlässt der blutverschmierte Trump nach den Schüssen die Bühne. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Agenten des Secret Service umringen Ex-Präsident Trump. Der zeigt sich kämpferisch, hebt die Faust.
Agenten des Secret Service umringen Ex-Präsident Trump. Der zeigt sich kämpferisch, hebt die Faust. Zuvor rief er noch „fight“ in das Pult-Mikrofon. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Donald Trump ist nach dem Attentat auf einer Wahlkampfveranstaltung verletzt – Bilder zeigen ihn mit blutendem Ohr.
Donald Trump ist nach dem Attentat auf einer Wahlkampfveranstaltung verletzt – Bilder zeigen ihn mit blutendem Ohr. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Panik im Publikum: Nach den Schüssen auf Donald Trump gehen Menschen in Deckung, Sicherheitskräfte assistieren.
Panik im Publikum: Nach den Schüssen auf Donald Trump gehen Menschen in Deckung, Sicherheitskräfte assistieren. © dpa/AP | Evan Vucci
Eskortiert vom Secret Service steigt Trump nach den Schüssen auf ihn in ein Auto, das ihn vom Ort des Angriffs weg bringt. Noch immer hat er die Faust erhoben.
Eskortiert vom Secret Service steigt Trump nach den Schüssen auf ihn in ein Auto, das ihn vom Ort des Angriffs weg bringt. Noch immer hat er die Faust erhoben. © dpa/AP | Gene J. Puskar
Das Gelände der Wahlkampfveranstaltung in Butler, Pennsylvania. Hier kam es zu den Schüssen auf Trump
Das Gelände der Wahlkampfveranstaltung in Butler, Pennsylvania. Hier kam es zu den Schüssen auf Trump – das Chaos lässt auf die entstandene Panik deuten. © dpa/AP | Evan Vucci
Der Ort des Geschehens nach dem Anschlag. Die Umgebung ist mit gelbem Flatterband abgesperrt.
Der Ort des Geschehens nach dem Anschlag. Die Umgebung ist mit gelbem Flatterband abgesperrt.  © dpa/AP | Evan Vucci

Thomas Matthew Crooks, der 20-jährige Schütze, habe wenig mit Lee Harvey Oswald, dem mutmaßlichen Attentäter von Kennedy gemein. Bei der Durchsuchung seiner Smartphones hätte die Ermittlerinnen und Ermittler nichts gefunden, was auf ein politisches Motiv hindeute. Crooks gleiche eher „einer langen Reihe von 18- bis 22-jährigen Amokläufern, die in den letzten Jahren Schulen und Supermärkte“ angegriffen hätten. Die USA würden jungen Menschen im Alter von 18 Jahren im Stich lassen, so das Urteil der Zeitung. Viele hätten hohe Schulden oder keinen Schulabschluss; die psychische Gesundheit leide zusehends, die Überforderung steige. Es brauche daher politische Maßnahmen, Investitionen in den sozialen Sektor und eine Diskussion über Waffenbesitz. (tpn)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Hu Yousong

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