VonStefan Schollschließen
Wladimir Putin empfing laut Kreml Söldnerboss Jewgenij Prigoschin und seine Kommandeure – nur wenige Tage nach der Revolte: Ein weiteres Zeichen, dass sich die politische Linie des russischen Präsidenten verwirrt.
Das sei Treuebruch gegenüber Volk und Kampfgefährten, ein Stoß in den Rücken Russlands, schimpfte Wladimir Putin vor der TV-Nation. „Wir haben es mit Verrat zu tun!“ Als Jewgenij Prigoschin und seine Söldner am letzten Juni-Samstag ihre Meuterei ausriefen, war Putins Urteil eindeutig. Und der Verlauf des Tages gab ihm Recht. Die Rebellen schossen sechs russische Kampfhubschrauber und ein Militärflugzeug ab, 15 Piloten starben.
Umso mehr erstaunte Kremlsprecher Dmitrij Peskow nun, als er eine Meldung der französischen Zeitung „Liberation“ bestätigte: Ja, Putin habe Prigoschin und 35 seiner „Wagner“-Kommandeure Ende Juni im Kreml empfangen, drei Stunden mit ihnen geredet, sich ihre Version der Ereignisse angehört und ihnen verschiedene Varianten künftiger Arbeitsplätze angeboten. Putins Audienz für die Meuterer überraschte sein Gefolge ebenso wie seine Kritiker. Viele betrachten das Eingeständnis als Peinlichkeit, die erneut zeigt, dass sich Putins politische Linie immer mehr verwirrt.
Das Oppositionsportal „meduza.io“ amüsiert sich jetzt über Peskows Falschaussagen: Er hatte am 29. Juni, dem Tag des Treffens, verkündet, man habe keine Angaben über Prigoschins Aufenthaltsort. Und nicht nur der Kremlpressedienst, der eigentlich als offensive und gut geölte Maschinerie gilt, wirkt blamiert. „Wird er jetzt auch die Eltern und Witwen der getöteten Piloten empfangen“, die Frage richtete der Militärblogger Igor Strelkow schon direkt an Putins Adresse.
Peskow versichert, die „Wagner“-Kommandeure hätten beim Treffen mit Putin „akzentuiert, sie seien überzeugte Anhänger und Soldaten des Staatschefs“. Eine „Akzentuierung“, die der kremlnahe Politologe Sergej Markow so deutet, als hätten Prigoschins Unterführer bei dem Palaver im Kreml bestätigt, sie hielten nicht mehr Prigoschin, sondern Russland und Präsident Putin die Treue. Putin habe bei dem Treffen von den „Wagner“-Kommandeuren die Motive für ihre Revolte in Erfahrung bringen wollen und die Loyalität der Söldner von Prigoschin auf sich selbst ziehen wollen, schreibt auch die regimetreue Zeitung Moskowskij. „Der Präsident hat beide Ziele erreicht.“
Tatsächlich gilt Prigoschin bei seinen Truppe – im Gegensatz zu Putin – als „kugelfester“ Anführer, der oft an der Front auftaucht. Schon bei ihrer widerrechtlichen und blutige Revolte haben die Söldner gezeigt, auf wessen Kommando sie hören. Und der Journalist und Prigoschin-Experte Ilja Roschdestwenskij glaubt, ein Großteil von ihnen würde dem „Wagner“-Chef auch in sein formales Exil nach Belarus folgen. „Prigoschin hat den Kern der „Wagner“-Gruppe bewahrt, die Leute, die er seit 2014 ausgesucht hat und die ihm völlig ergeben sind.“
Nun wird spekuliert, ob Prigoschins Söldner sich künftig auf die „Wagner“-Projekte in Afrika konzentrieren. Oder ob sie, wie der belarussische Staatsschef Alexander Lukaschenko behauptet, bei der Ausbildung seiner Armee helfen. Aber laut Roschdestwenskij stellt die kampfkräftige Soldateska für Prigoschin inzwischen auch ein politisches Pfund dar.
Putins Zukunft dürfte eher von Top-Apparatschtschiki als vom eingeschüchterten Volk abhängen. Aber Elite wie Bürger:innen hören seit dem 24. Februar 2024 meist negative Nachrichten. Die letzte öffentliche Ohrfeige für Moskau gab es von Recep Erdogan. Der türkische Präsident ließ mehrere gefangene Kommandeure des ukrainischen Asow-Regiments nach Kiew zurückkehren. Die wollte Russland erst als mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher öffentlich aburteilen, übergab sie dann aber der Türkei, wo sie bis zum Ende der Kampfhandlungen hätte bleiben sollen. Danach lud Erdogan Putin nach Ankara ein, was die Respektlosigkeit nicht wirklich linderte.
Noch hat der Kreml über keine Antwort entschieden. Auch innenpolitisch wirkt der einstige Tatmensch Putin zusehends handlungsschwach. Den „Verräter“ Prigoschin hat er scheibchenweise begnadet, aber auch den heftig kritisierten Verteidigungsminister Sergei Schoigu und seinen Stabschef Waleri Gerassimow will er nicht entlassen. „Putin kann sich nicht entscheiden“, kommentiert der Politologe Alexander Morosow.
